Chronik einer angekündigten Hungersnot

20 04 2012

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 24. April 2012,
18:25 Uhr, Ö1

Seit Monaten warnen Hilfsorganisationen vor einer drohenden Hungerkatastrophe in der westafrikanischen Sahelzone. In Mali, Niger, Burkina Faso und im Tschad hat die anhaltende Dürre einen großen Teil der Ernte vernichtet. Die Preise für Lebensmittel haben sich in vielen Regionen verdoppelt. Dazu kommen politische Unruhen und Flüchtlingsströme. Doch noch könnte man eine Katastrophe verhindern, sagen Hilfsorganisationen. Vorausgesetzt die Weltöffentlichkeit unternimmt diesmal rechtzeitig etwas. Eine Reportage aus dem Tschad.

Dörfer ohne Männer

Besucht man derzeit im Tschad Dörfer, die in der Sahelzone gelegen sind, so trifft man in erster Linie auf Frauen und Kinder. Nur wenige, meist ältere Männer sind noch hier. „Die meisten unserer Männer sind in die Hauptstadt N’Djamena gegangen, um Arbeit zu suchen“, erzählen die Frauen im Dorf Douguia. Die Männer arbeiten dort als Tagelöhner, damit sie Geld nach Hause schicken können.

Doch viel ist noch nicht gekommen. „Gelegentlich schicken sie uns 500 bis 1.500 Franc“, berichten die Frauen. Das entspricht etwa 80 Cent beziehungswiese 1,50 Euro. Und weit kommt man damit nicht. Ein Sack Mais (2,5 kg) kostet auf den lokalen Märkten derzeit etwa 750 CFA Franc BEAC, einen Sack Sorghumhirse bekommt man um 600 Franc. Vor einem Jahr noch kostete der Mais lediglich 300 und Sorghum 280 Franc. Eine zehnköpfige Familie verbraucht im Normalfall zwei Säcke pro Tag.

Flüchtlingsströme verhindern
„Wir können derzeit beobachten, dass sich die Familien noch nicht von ihren Höfen wegbewegen“, sagt Martin Kessler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe Deutschland. Und das sei gut so. Jetzt sei es wichtig, dass sich keine großen Flüchtlingsströme bilden. „Unsere Maßnahmen sollen den Menschen helfen, in ihren Dörfern bleiben zu können“, so Kessler. Wichtig sind im Augenblick die Verteilung von Nahrungsmitteln und Saatgut. Aber auch sogannte „Food for Work“-Programme, wo man Arbeit für die Gemeinschaft leistet und dafür Nahrungsmittel bekommt.

Längerfristig geht es aber auch darum, dass sich die Menschen hier im Sahel gegen künftige Dürren wappnen. Zum Beispiel durch Verbesserung der landwirtschaftlichen Anbaumethoden, etwa Brunnen bauen und Felder bewässern. So können sie auch Gemüse anbauen: Tomaten, Melanzani und Wassermelonen. Die kann man dann auf den lokalen Märkten verkaufen. „Unsere Erfahrungen in anderen Ländern haben gezeigt, dass jene Gruppen von Menschen, die längerfristig mit Entwicklungsprojekten unterstützt werden, besser vorbereitet sind auf eine akute Krise“, sagt Martin Kessler.

Hungern neben dem Getreidelager
Es ist ein grundsätzlicher Irrglaube, dass Menschen hungern, weil in einer Region keine Nahrungsmittel vorhanden sind. Tatsächlich mussten schon häufig Menschen neben vollen Getreidespeichern Hunger leiden – weil sie eben kein Geld hatten, um das Getreide zu kaufen. Die Preisanstiege in der Sahelzone haben derzeit eher lokale Ursachen. So etwas kann aber auch in größerem Maßstab passieren.

Im Jahr 2008 beispielsweise führten dramatische Anstiege bei den Weltmarktpreisen für Lebensmittel zu Hungerrevolten in zahlreichen Entwicklungsländern. Schuld daran seien unter anderem die Lebensmittelspekulanten an den Börsen gewesen, sagen Kritiker. Denn mit Wetten auf die Preisentwicklung bei Weizen, Reis, Mais oder Zucker lässt sich viel Geld verdienen. Als weitere Ursachen werden oft Agrotreibstoffe und Land Grabbing genannt.

Wird Hunger gemacht?
Knapp eine Milliarde Menschen auf der Welt hungert – also etwa ein Siebentel der Weltbevölkerung. Und das, obwohl auf der Welt genug Nahrung vorhanden wäre. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Klimawandel schreitet voran. Zu spüren bekommen ihn jene, die ihn am wenigsten verursacht haben: zum Beispiel die Menschen in der Sahelzone. Ein weiteres Problem: Die Landwirtschaft in Subsahara-Afrika ist alles andere als produktiv. Es werde auch viel zu wenig Geld in diesen Sektor investiert, kritisiert Ruth Picker. Sie ist Geschäftsführerin vom Verein Globale Verantwortung – der Dachorganisation für Entwicklung und humanitäre Hilfe.

„Es stimmt immer noch: Hunger wird gemacht. Das ist keine Schicksal“, sagt Ruth Picker. Zwar hat die Afrikanische Union im Jahr 2003 in der Erklärung von Maputo vorgesehen, dass alle Mitgliedsstaaten 10 Prozent ihres Budgets in die Landwirtschaft investieren. Doch tatsächlich ist es meist nur halb so viel. Ganz anders die EU: da ist der Landwirtschaftskommissar der, der sich über den größten Geldtopf freuen darf.

Auch der Anteil an Entwicklungshilfegeldern, der für die Landwirtschaft vorgesehen ist, sinkt kontinuierlich. Von den österreichischen EZA-Geldern gingen 2010 nur etwa vier Prozent in Landwirtschaftsprojekte. Ähnlich bei der EU-Entwicklungshilfe: Da sank der Anteil für die Landwirtschaft seit Mitte der 1990er von 16 auf 8 Prozent. Der Europäische Rechnungshof hat erst kürzlich einen Bericht herausgegeben über die Wirksamkeit der EU-Entwicklungszusammenarbeit auf die Ernährungssicherheit in Sub-Sahara-Afrika. Fazit: Die Maßnahmen sind zwar gut und richtig konzipiert, aber zuwenig.

Am Rande der Katastrophe
Im Zuge der Finanzkrise haben 12 europäische Länder ihre EZA-Ausgaben vergangenes Jahr gekürzt. Am drastischsten waren die Kürzungen in Griechenland, Spanien und Österreich. „Österreich hat gerade einmal 0,27 Prozent des BIP für die Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben“, kritisiert Ruth Picker von der Globalen Verantwortung. Für sie ein „Zustand der Schande“, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Österreich die Finanzkrise verhältnismäßig gut überstanden hat und nach wie vor zu den reichsten Ländern der Welt gehört.

Für die Hungersnot in der Sahelzone hat die österreichische Regierung bereits 1, 5 Millionen Euro zugesagt. Das sei grundsätzlich ein begrüßenswerter Schritt, so Picker. Aber es sei nur der Spatz in der Hand. Sie fordert die Taube. Das heißt im Klartext: eine Aufstockung der Mittel für akute humanitäre Hilfe von derzeit 5 auf 20 Millionen Euro. Weiters wünscht sie sich eine bessere Organisation der humanitären Hilfe. Derzeit sind nämlich die Kompetenzen auf mehrere Ministerien aufgeteilt. Und das erschwert die schnelle Abwicklung im Krisenfall.

Und gerade bei humanitären Katastrophen gelte mehr denn je: Wer schnell hilft, hilft doppelt – betont auch Christoph Schweifer von der Caritas: „Wir sind am Rande der Katastrophe. Ob sie dann tatsächlich stattfindet und in welchem Ausmaß, hängt davon ab, ob es möglich ist, Hilfe in großem Ausmaß und vor allem rasch zu organisieren.“

DL

Siehe auch:

Ö1 Mittagsjournal: Nahrungsmittelkrise im Tschad

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30 04 2012
sunnyromy

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