Storify: Geschichten erzählen mit Social Media

8 03 2012

SENDUNG: Digital.leben, Donnerstag, 8. März 2012, 16:55 Uhr, Ö1

In die Zeitung von heute wird morgen der Fisch eingewickelt, besagt ein Sprichwort zum Thema Kurzlebigkeit von Tageszeitungs-News. Doch was ist dann erst mit unseren Tweets und Facebook-Meldungen von heute? Die verschwinden oft schon nach wenigen Stunden auf Nimmerwiedersehen in der unendlichen Weite des Cyberspace. Die Fülle an Texten, Bildern und Videos, die User Tag für Tag erstellen, ist unüberschaubar. Das Internet-Service Storify will hier Abhilfe schaffen. Mit Storify kann man Inhalte aus sozialen Medien sowie der Suchmaschine Google zusammentragen und zu einer neuen Geschichte zusammenbauen. Der User wird also vom Content-Ersteller zum Kurator.

Bürgerjournalisten zuhause am PC

November 2011: Die Polizei von New York geht hart gegen die Demonstranten der Occupy Wall Street-Bewegung vor. Journalisten der etablierten Medien werden systematisch ausgesperrt und am Berichten gehindert. Demonstranten verschicken unzählige Tweets, sie filmen und fotografieren mit ihren Handys. „Und da sind jetzt Leute, die nicht vor Ort waren, sondern zuhause am PC gesessen sind, hergegangen und haben versucht, das, was da passiert ist, zu rekonstruieren“, erzählt der Medienblogger Markus Leiter. Sie haben die Tweets, Videos und Flickr-Fotos der Demonstranten verwendet und mit Hilfe von Storify stimmige Geschichten daraus gemacht.

Zahlreiche Menschen nutzten Storify im Zuge der Occupy-Bewegung, um Social Media-Einträge zu systematisieren. John Stearn, Journalist und Direktor der Organisation Free Press dokumentierte so 67 Fälle, wo Journalisten während der Proteste festgenommen wurden. Seine Geschichte wurde von den Usern zum Storify des Jahres gewählt. Sogar große amerikanische Tageszeitungen griffen vereinzelt auf die Storifies von Bürgerjournalisten zurück. Schließlich ist es schwierig, einen Überblick zu behalten, wenn zu einem bestimmten Hashtag 5.000 Tweets pro Tag in Umlauf gebracht werden. Ähnliche Storifies gibt es von den Unruhen in Griechenland, den Repressionen in Syrien sowie den akutellen Protesten gegen Wladimir Putin in Russland.

Die Stimme des Publikums
Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig. Manche User sammeln mit Storify ihre eigenen Tweets zur Oscar-Verleihung, andere fassen amüsante Twitter-Unterhaltungen zusammen: über ein beinahe-nicht-zustande gekommenes Interview mit Laura Rudas oder über die Jagd auf einen Laptop-Dieb. Blogger und PR-Berater Markus Leiter glaubt, dass sich Storify auch gut als PR-Tool eignen könnte. Zum Beispiel für Kulturinstitutionen, denn mit Storify lassen sich sehr gut Stimmungsbilder darstellen: Wie nehmen das die Leute auf, die zu mir ins Museum oder aufs Konzert kommen. „Denn gerade diese Authentizität ist sehr reizvoll, für die Storify steht“, so Leiter, „denn schließlich greift Storify ja auf die Original-Quelle zurück.“

Man sammelt quasi Besucher-Reaktionen im Netz. Genau das tun die Veranstalter von Supertaalk, einer Polit-Diskussionssendung im Internet, veranstaltet von der Blogger-Gruppe Nonapartofthegame.eu gemeinsam mit der Videoplattform ichmachpolitik.at. Seit kurzem wird Supertaalk auch vom Community-Sender OKTO TV übertragen.

Die Vergänglichkeit austricksen
Während der Live-Diskussion geben zahlreiche User und Userinnen ihre Kommentare dazu auf Twitter ab. „Es ist eigentlich nur der halbe Spaß, sich die Sendung im Nachhinein anzuschauen, ohne zu sehen, was die Leute parallel dazu diskutiert haben“, sagt Karl Schönswetter, Mitveranstalter von Supertaalk: „Mit Storify bieten sich die Möglichkeit für uns zu sagen: Ok, du kannst dir das Video im Nachhinein anschauen und den Twitter-Stream dazu.“

Nach der Diskussion sucht er mit Hilfe von Storify alle Tweets mit dem hashtag Supertaalk. Per Drag & Drop zieht er die Ergebnisse in das Geschichtenfeld von Storify. Und fertig ist die Dokumentation. Sein größtes Problem mit Facebook und Twitter ist die Vergänglichkeit dieser Postings, sagt Schönswetter: „Storify gibt mir das Gefühl, zu sagen: ich schaffe hier etwas, wo ich Tweets oder einen momentanen Ausschnitt einer Diskussion auch in zwei Jahren noch anschauen kann. Ich glaube, das ist sehr wichtig für das Gedächtnis einer Bewegung.“

Worauf man achten sollte bei einer guten Storify-Geschichte: Sie sollte kurz und bündig sein, klar strukturiert durch Kommentare und auf jeden Fall Bilder und Videos enthalten, sodass man sofort sieht, worum es hier eigentlich geht.

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