Interkulturelle Beziehungskiste (3) Beziehungskiller Fremdenrecht

6 03 2012

SENDUNG: Radiokolleg „Interkulturelle Beziehungskisten. Liebe in Zeiten der Globalisierung“ (Teil 3),
Mittwoch, 7. März, 2012, 9:30 Uhr, Ö1

Wir migrieren möchten, sollte Geld haben. Wer seine ausländische Liebe nach Österreich holen möchte, sollte Geld haben. In der globalisierten Welt sollen sich Kapital und Waren möglichst frei bewegen können. Nicht aber Menschen. Der Fremde ist eine Bedrohung – zumindest solange er kein Geld hat. Und den gilt es abzuwehren. Aus Angst vor Scheinehen zur Erschleichung eines Aufenthaltstitel zerstört der Nationalstaat immer wieder das Liebesglück mancher seiner Bürger und Bürgerinnen.

Foto (c) Thomas Scholz, pixelio

Telenovela mit Happy End

Eine Freundin hat er vorausgeschickt. Die sollte erkunden, ob Magdalena einen fixen Freund habe. „Ab dem Zeitpunkt bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Ich habe begonnen, ihn auf eine andere Art zu sehen“, erinnert sich die Oberösterreicherin. 2001 hatte sie bei einem Praktikum in der nordostbrasilianischen Hafenstadt Recife den Theologiestudenten Luiz kennengelernt. „Dann waren wir zusammen“, erzählt Luiz, „doch im Juni ging sie zurück nach Österreich. Das war traurig. Ich begann, ihr zu schreiben. Gedichte. Und ich nahm ihr Kassetten auf, wo ich Gedichte vorlas. Aber ich wusste: Sie ist weit weg. Das hat alles keinen Sinn.“

Beinahe wäre nichts geworden aus der Liebe zwischen der Oberösterreicherin Magdalena und dem Brasilianer Luiz. Er angehender Theologe, sie angehende Sozialarbeiterin. Beide in Ausbildung, ohne Geld. Sie brachen die Beziehung ab. Es sei eine sehr schwierige Entscheidung gewesen, berichtet Magdalena: „Ich hab das vom Kopf her entschieden, ganz rational. Aber das Herz stand nicht dahinter.“ Drei lange Jahre sahen sie einander nicht.

„2004 war mein letztes Jahr an der Fakultät für Theologie“, erinnert sich Luiz, „und plötzlich rief sie mich an, sie würde für ein Praktikum noch einmal nach Brasilien kommen. Da hatte ich wieder große Hoffnungen.“ Und diesmal wurde es ernst. Luiz und Magdalena beschlossen zu heiraten und in Österreich ein gemeinsames Leben zu beginnen. Doch dann begann der bürokratische Hürdenlauf. Dokumente, Stempel, Beglaubigungen. Beinahe unmöglich erscheinende Auflagen. „Damit wir heiraten durften, brauchte ich ein Dokument, das bestätigte, dass ich noch ledig war. Noch nie hatte ich von so einem Dokument gehört. Das gibt es in Brasilien gar nicht. Aber die österreichischen Behörden bestanden darauf.“

Die strukturelle Gewalt der Gesetze
So etwas erleichtere das Leben nicht gerade, es habe vielmehr die Beziehung auf eine harte Probe gestellt, berichtet Magdalena. Ganz ähnliche Geschichten erzählen fast alle binationalen Paare, von denen ein Partner Drittstaatsangehöriger ist – also aus einem Nicht EU-Land kommt. Sie erzählen von schlaflosen Nächten, die ihnen das Fremdenrecht beschert hätte, insbesondere die Fremdenrechtsnovelle 2005. „Bei allen Kontakten mit der Behörde ist unterschwellig der Generalverdacht herauszuhören, dass hier eigentlich eine kriminelle Aktivität gestartet wird“, kritisiert Georg, der eine chinesische Frau geheiratet hat. „Man fühlt sich verfolgt. Man glaubt: das gibt es doch nicht. Das machen die extra bei mir“, erinnert sich XY, Ehemann einer Ukrainerin, „doch dann kommst du drauf, dass es jedem so geht.“

Der Erziehungswissenschaftler Dietmar Larcher, Experte für interkulturelle Kommunikation, hat für sein Buch „Die Liebe in den Zeiten der Globalisierung“ mit zahlreichen binationalen Paaren in Österreich gesprochen. Er hält das Fremdenrecht für die größte Belastung für interkulturelle Beziehungen überhaupt. Meist sei vor allem der zugewanderte Partner enttäuscht: „In seiner dumpfen Verzweiflung hat man das Gefühl, der Partner habe sich zu wenig bemüht“, erklärt Larcher. Wenn ein Partner keine Chance auf Anerkennung in einer Gesellschaft sieht, dann würde er auch häufig an den Zukunftschancen der Beziehung zweifeln: „weil alle Gesetze sich als strukturelle Gewalt über die Beziehungskultur drüberlegen und die Liebe ersticken.“

Liebe unter Druck
Mit derlei Frustrationen hat Ulrike Blom vom Centrum für binationale und interkulturelle Paare immer wieder zu tun. Die Psychotherapeutin ist auf interkulturelle Paartherapie spezialisiert: „Ich denke, das Fremdenrecht ist insofern eine Beziehungskiller, weil viele Entscheidungen unter Druck passieren.“ Oft haben Paare nicht die Möglichkeit, sich ausreichend kennenzulernen, auszuprobieren, ob sie zusammen leben können oder nicht. Die Aufenthaltsbewilligung nötigt zur Eile: „Darf er hierbleiben? Darf sie hierbleiben? Gibt es die Möglichkeit, zu arbeiten? All diese Dinge können in eine Partnerschaft hineinspielen“, so Blom.

Schnell gehen musste es zum Beispiel bei Martina und ihrem tunesischen Freund Rami. Schon bei ihrem zweiten Besuch in Tunesien machte sie ihm nach wenigen Wochen einen Heiratsantrag: „Ich war total verliebt und wusste nicht, was ich sonst tun sollte, um mit ihm zusammenzubleiben. Es war klar, dass ich nicht mehr lange in Tunesien bleiben konnte. Ich musste nach Österreich, um mein Studium fertig zu machen. Und damit er mir nach Österreich folgte – da brauchte es mindestens eine Heirat dafür.“

Rami wollte eigentlich gar nicht nach Österreich. „Ich hatte ein super Leben in Tunesien. Ich hatte Arbeit, Freunde, Familie. Aber die Beziehung mit Martina war schön. Darum hab ich gesagt: scheißegal. Wir riskieren das jetzt. Es wird eine neue Erfahrung, ein neues Leben. Schauen wir einmal, was dabei herauskommt.“ Und dann begann der Spießrutenlauf durch den Behördendschungel. 2006 wurde das Fremdenrecht empfindlich verschärft. Bis zu diesem Zeitpunkt war Österreich relativ liberal gewesen, wenn es um die Eheschließung seiner Staatsbürger mit Drittstaatsangehörigen ging.

Straftat Scheinehe
Seit der Novelle 2006 dürfen Anträge auf Zuzug eines Familienangehörigen – also auch: eines Ehemannes oder einer Ehefrau – nur noch im Herkunftsland gestellt werden. Für Rami kein Problem. Schwierig wird es aber, wenn der Bräutigam ein Asylwerber ist, erklärt Getrud Schmutzer von der Fraueninitiative bikulturelle Ehen und Lebensgemeinschaften – kurz: Fibel. Denn da würde sich immer die Frage stellen: Wie gefährdet sind die Asylwerber in ihrem Herkunftsland? Können sie ganz einfach zurückfahren, um dort einen Antrag zu stellen oder riskieren sie damit Leib und Leben? „Es gibt immer wieder welche, die das wagen“, erzählt Schmutzer, „in manchen Fällen ist das auch gut gegangen. In manchen aber auch nicht. Es gab Fälle, wo der Partner dann verhaftet wurde.“

Asylwerber, denen dieses Risiko zu hoch ist, können natürlich trotzdem heiraten. Nur verzichten sie dann eben auf den Status „Familienangehöriger“ und somit auch auf die Arbeitserlaubnis. Wird der Asylantrag negativ entschieden, können sie auch als Ehepartner und Väter österreichischer Kinder abgeschoben werden. Seit 2006 sind die Standesämter verpflichtet, alle Eheschließungen von Drittstaatsangehörigen zu melden. „Und wurde von der Fremdenpolizei bereits ein Ausweisungsverfahren beantragt, kann man nicht ausschließen, dass die Fremdenpolizei am Standesamt auftaucht.“

Außerdem wurde in dieser Fremdenrechtsnovelle ein neues Delikt geschaffen: Die Aufenthaltsehe, sprich: Scheinehe zur Erlangung eines Aufenthaltstitels. Strafmaß: bis zu einem Jahr Gefängnis. Gerade Asylwerber stehen hier quasi unter Generalverdacht, sagt Getrud Schmutzer: „Meist geht es um die Kombination Mann Asylwerber, Frau Österreicherin. Das ist eine Hochrisiko-Situation.“ Es gebe bestimmte Herkunftsländer, die einer quasi einer generellen Scheinehe-Verdächtigung ausgesetzt seien, so Schmutzer.

„Liebt er dich wirklich?“
Die Politikwissenschafterin Irene Messinger hat im Rahmen ihrer Dissertation festgestellt: Am häufigsten werden Paare kontrolliert, bei denen der Mann Asylwerber aus Nigeria ist. Besonders verdächtig gelten auch österreichische Staatsbürger mit türkischen oder serbischen Wurzeln, die Personen aus der Türkei oder Serbien heiraten. Diese Gruppen laufen am stärksten Gefahr, dass die Fremdenpolizei im Morgengrauen auftaucht, um nach gebrauchten Socken oder Zahnbürsten zu suchen. Oder sie werden zu fremdenpolizeilichen Einvernahmen geladen. Manche der Beamten würden diese Befragungen sehr korrekt durchführen, berichtet Schmutzer: „Aber es gibt auch welche, die sich da austoben und intime Fragen stellen, die bis ins Schlafzimmer hinein gehen.“

Verdächtigt werden Asylwerber nicht nur von den Behörden, sondern auch von der Gesellschaft. Von Schwiegereltern, von Frauen, mit denen sie flirten. Diese Erfahrung machte zum Beispiel Magnigi aus der Elfenbeinküste. Er kam 2004 als politischer Flüchtling nach Österreich. Bis zu seiner ersten Beziehung dauerte es etwa zwei Jahre. Zu groß das Misstrauen auf beiden Seiten: „Liebt er dich echt oder will er nur sein Asylproblem mit dir lösen?“ – diesen Fragen seien seine Partnerinnen häufig ausgesetzt gewesen, erinnert sich Magnigi.

Für manche Menschen bedeutet Migration Schutz vor Verfolgung, für manche die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch andere wiederum geben für ihre ausländsche Liebe sehr viel auf: Freunde, Familie, Berufschancen. Luiz hat in Brasilien ein Theologiestudium abgeschlossen und in den Armenvierteln Sozialarbeit gemacht. Sein Traum war es, als Pastor der methodistischen Kirche zu arbeiten: „Manchmal frage ich mich schon: Was mache ich hier? In diesem Land kann ich meinen Beruf nicht ausüben. In Brasilien habe ich mit alleinerziehenden Müttern gearbeitet. In der Favela, wo Teenager oft schon zwei, drei, vier Kinder haben. Aber meine Erfahrung zählt hier gar nichts. Worauf es hier ankommt, ist der Titel. Egal, ob du je in deinem Leben gearbeitet hast oder nicht. Mit dem richtigen Titel bist du hier Sozialarbeiter. Zu mir sagen sie immer: tut uns leid, aber du bist ja nur Theologe.“

Dein Partner ist kein Kleinkind!
Der Akademiker Luiz hat am Westbahnhof die Cateringwagen der ÖBB befüllt, auf geringfügiger Basis Kinder in Parks betreut und er verdient hin und wieder ein paar Euro indem er in kleinen Bars als Musiker auftritt. Auch gut ausgebildete Migranten finden in Österreich oft keinen adäquaten Arbeitsplatz. Das belegen aktuelle Studien der OECD sowie der Wiener Arbeiterkammer. Ursachen seien einerseits Diskriminierung und andererseits die mangelnde Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen. Dadurch entsteht eine ökonomische Abhängigkeit vom österreichischen Partner. Das kann für eine Beziehung sehr belastend sein. Vor allem dann, wenn es die Frau ist, die diese Alleinverdienerrolle übernehmen muss, sagt Dietmar Larcher: „Es ist furchtbar demütigend für einen afrikanischen Mann, wenn er vom Geld seiner Frau lebt. Noch dazu, wenn er sie bitten muss, dass sie ihm Geld gibt, dass er nach Hause schicken kann.“ Denn dort würde oft ein ganzer Familienclan zusammensparen, damit einer ins Ausland gehen kann. „Der möchte hier arbeiten. Doch das kann er nicht. Er schafft es nicht. Diese Menschen werden psychisch immer kleiner.“

Abhängigkeit entsteht aber auch anders: der österreichische Teil weiß wie man sich in der gewohnten kulturellen Umgebung verhält. Was man tun darf, was nicht, wie Dinge funktionieren. Vor allem: wie gehe ich mit den österreichischen Behörden um. Meist ist es der österreichische Partner, der oder die sich dann um alles kümmert. Hier besteht die Gefahr, dass der zugewanderte Partner bis zu einem gewissen Grad entmündigt wird, erklärt Psychotherapeutin Ulrike Blom. In ihren Therapiesitzungen müsse sie den österreichischen Partnern und Partnerinnen häufig klarmachen, dass sie es nicht mit „Kindern“ zu tun haben, so Blom: „Es ist wichtig – auch wenn es schwerfällt – ganz viel Verantwortung abzugeben. Je mehr man den ausländischen Partnern zutraut, desto mehr Kompetenz erlangen sie. Und damit wächst ihr Selbstbewusstsein. Das ist wichtig für eine Gleichwertigkeit in der Partnerschaft.“

Neue Schikanen
Ein bikulturelles Paar darf von Amtswegen nur dann in Österreich leben, wenn es ein Nettoeinkommen von mindestens 1.222 Euro pro Monat vorweisen kann – plus die jeweiligen Mietkosten, plus 126 Euro pro Kind. Das ist vor allem ein Problem vor dem Erstantrag, wenn ja nur der österreichische Teil arbeiten darf. Magdalena war damals teilzeitbeschäftigt als Sozialarbeiterin. Knapp ging es sich aus. Luiz bekam einen befristeten Aufenthaltsstatus als Familienangehöriger. Doch der muss regelmäßig verlängert werden. Jedes Mal aufs neue muss das Einkommen nachgewiesen werden.

Derzeit erwarten Magdalena und Luiz ihr erstes Kind. Wenn das nächste Mal die Behörde überprüfen wird, ob die Familie genug Geld hat, um gemeinsam hier in Österreich zu leben, wird sie gerade in Karenz sein. Ob es sich dann ausgeht, ist ungewiss. 2011 wurde das österreichische Fremdenrecht übrigens wieder verschärft. Nach derzeit geltenden Regeln hätte kein einziges der Paare, die in dieser Artikelreiche „Interkulturelle Beziehungskiste“ vorgestellt wurden, nach der Hochzeit gemeinsam in Österreich leben dürfen. Denn jetzt heißt es: Deutschlernen VOR dem Zuzug.

DL

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: