Interkulturelle Beziehungskiste (2) – Lost in translation?

5 03 2012

SENDUNG: Radiokolleg “Interkulturelle Beziehungskisten. Liebe in Zeiten der Globalisierung”  (Teil 2)
Dienstag, 6. März 2012, 9:30 Uhr, Ö1

Kommunikationsprobleme sind schon in monokulturellen Beziehung die häufigste Konfliktursache. Wie ist das erst, wenn zwei Partner unterschiedliche Muttersprachen haben? Und was, wenn da noch ein völlig anderes Zeitverständnis, unterschiedliche Familienkonzepte und unterschiedliche Geschlechterrollen dazukommen? Reibungspunkte gibt es zahlreiche in interkulturellen Beziehungen. Doch vermutlich macht sie gerade das so spannend.

Unmännliche Hausarbeit

Brütende Hitze. Eine Europäerin schleppt sich den Berg hinauf zum tunesischen Touristenort Sidi Bou Said. Endlich Schatten. Sie setzt sich vor einem Lokal hin, um zu verschnaufen und überlegt, wie sie es wohl anstellen sollte, im Lokal nicht wieder den dreifachen Preis zu bezahlen. Ein junger Mann bietet ihr Wasser an. „Kostet das etwas?“, fragt sie.

„Ich war damals schockiert“, erzählt Rami heute, „denn wenn in Tunesien jemand fragt ob du trinken willst, ist das natürlich gratis. Ich hatte das Wasser ja eigentlich für mich gekauft. Und sie fragt mich ernsthaft, ob das gratis ist.“ Das erste Missverständnis also bereits beim Kennenlernen. Es sollten noch einige folgen. 2004 lernt die Ethnologie-Studentin Martina bei einem Studienaufenthalt in Tunesien Rami kennen, den Souvenierverkäufer, der sein Studium der Literaturwissenschaften abgebrochen hat. Die beiden verlieben sich. Bereits ein Jahr später heiraten sie spontan in Tunesien. Rami kommt mit gemischten Gefühlen nach Österreich, denn eigentlich war er mit seinem Leben in Tunesien sehr zufrieden. Mittlerweile haben die beiden eine knapp einjährige Tochter und leben in Wien.

Immer wenn ich zu Besuch in die Wohnung komme, steht Rami gerade in der Küche. Ob es normal ist für einen tunesischen Mann, soviel Hausarbeit zu machen, frage ich ihn. Er lacht: „Nein, Martina hat wirklich großes Glück gehabt!“ Aber alles macht er auch nicht, stellt er gleich klar: „Ich hasse bügeln, das tu ich nicht und besonders putzen, das hasse ich. Aber ich koche gerne und einkaufen tu ich gerne. Ich kann sehr gut einkaufen: Fleisch, Fisch, Gemüse. Das hab ich schon als Kind immer gemacht.“ Doch in Tunesien läuft das alles ein wenig anders, erzählt Martina: „Dort gibt es ja die Schwestern und die Mutter. Er würde sich als Mann in Tunesien lächerlich machen, wenn er soviel Hausarbeit machen würde, wie hier.“

Identitätsbrüche und flexible Navis
Wie muss sich ein richtiger Mann verhalten? Wie muss sich eine richtige Frau verhalten? Geschlechtsspezfische Rollenzuschreibungen sind kulturelle Konstrukte, sagt der Erziehungswissenschafter Dietmar Larcher. Jede Gesellschaft, jede Religion hat eigene Vorstellungen davon und hält diese für natürlich, gottgegeben und absolut richtig. Und das ist einer der häufigsten Reibungspunkte in interkulturellen Beziehungen.

Dominant ist meist die Kultur jenes Landes, in der das Paar gerade lebt. Und der Partner aus der dominanten Kultur habe oft die Macht, seine Rollenbilder als die richtigen zu diktieren, so Larcher. „Da kann man sagen: als Mann musst du so sein, als Frau musst du so sein. Und das wird immer wieder als Entwertung erlebt, als eine Art Identitätsbruch. Denn diese Rollenbilder sitzen ganz tief in der eigenen Identität.“

Dietmar Larcher ist Experte für interkulturelle Kommunikation. Für sein Buch „Die Liebe in den Zeiten der Globalisierung“ hat er zahlreiche interkulterelle Paare interviewt. Darin beschreibt er Kultur als eine Art unsichtbaren Regieplan – etwas das uns lenkt, ohne dass wir es merken. Quasi ein unbewusstes Navigationssystem. Jedoch eines, das ständig umprogrammiert wird, so Larcher. Denn Kultur sei etwas Dynamisches, etwas Veränderliches.

Aus dem kulturellen Korsett befreien
Der US-amerikanische Kulturforscher Edward T. Hall gilt als Begründer der interkulturellen Kommunikation als wissenschaftliche Disziplin. Kultur beeinflusst unser Verhalten, unsere Werthaltungen, unseren Umgang mit anderen Menschen. Für gewöhnlich ist uns dieser unsichtbare Regieplan gar nicht bewusst. Doch sobald sich jemand anders verhält, irritiert uns das.

„Ich glaube, in einer interkulturellen Beziehung ist es notwendig, sich in die andere Kultur hineinzudenken“, ist der Oberösterreicher Georg überzeugt. Er ist seit vier Jahren mit der Chinesin Fei verheiratet: „Man braucht die Bereitschaft, das eigene zu überdenken und zu reflektieren und man muss auch einmal bereit sein, eine Sache nicht nur auf die österreichische Art zu machen, sondern auch mal anders.“

Und genau in dieser Bereitschaft zum „Andersmachen“ liegt das Geheimnis einer erfolgreichen interkulturellen Beziehung, sagt Psychotherapeutin Ulrike Blom. Es gehe hier immer darum, sich aus dem jeweiligen Korsett zu befreien und eine eigenen Regeln zu schaffen. Ulrike Blom ist Expertin für interkulturelle Paartherapie und hat in Wien das Centrum für binationale und interkulturelle Paare gegründet. Die Arbeit mit bikulturellen Paaren ist grundsätzlich anders, weil die von Klein auf erlernten Bilder in den Köpfen ganz unterschiedlich sind, erklärt Blom. Bei bikulturellen Paaren gebe es zahlreiche Missverständnisse.

Konfliktthema Kinder
Außerdem sei bei bikulturellen Paaren sehr viel Vorarbeit nötig, so Blom: „Die kommen wegen einem Eheproblem, doch in Wahrheit muss da noch alles mögliche geklärt werden, bis man wirklich beim aktuellen Problem ansetzen kann.“ Es geht um Dinge wie: Wo hat man sich kennengelernt? Welcher Druck ist in der Beziehung? Wie war der Migrationsprozess? War der gut vorbereitet oder war das eine Flucht? Steht vielleicht die Frage nach Ausweisung ständig im Raum? – All das wirkt sich auf eine Beziehung aus.

Im Centrum für binationale und interkulturelle Paare arbeiten derzeit vier Therapeutinnen und eine Lebensberaterin. Sie bieten Paartherapie in zahlreichen Sprachen an: darunter Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Polnisch, Russisch, Tschechisch und Serbokroatisch. Die meisten Paare kommen erst dann zur Therapie, wenn Kinder da sind, erzählt Ulrike Blom: „In den ersten Jahren des Zusammenlebens arrangiert man sich meist ganz gut. Doch bei Kindern gehts schon los: Welcher Erziehung? Welcher Name? Taufe oder Beschneidung? Und plötzlich wird man sich bewusst: Hoppla, wir sind ja ganz unterschiedlich.“

Der Brasilianer Luiz und seine österreichische Ehefrau Magdalena erwarten gerade ihr erstes Kind. Sie: wohlbehütet aufgewachsen in einer oberösterreichischen Kleinfamilie. Er: in einem Armenviertel von Recife mit zahlreichen Geschwistern. Ob sie die gleiche Vorstellung von Kindererziehung haben, wird sich erst zeigen. Einfach wird es nicht werden, glaubt Magdalena. „Wenn ein Kind hinfällt, dann soll es selber wieder aufstehen“, sagt Luiz. Er ist der Meinung, die Kindererziehung in Österreich sei überfürsorglich: „Die österreichischen Kinder sind viel ungeschickter als die brasilianischen und sie sind auch öfter krank. Ich halte gar nichts vom Überbehüten.“

Familienkonzepte und Zeitideen
Der niederländische Kulturtheoretiker Alfons Trompenaars unterscheidet sieben Kulturdimensionen, also Bereiche des gesellschaftlichen Lebens die eine Kultur charakterisieren. Zum Beispiel: Stehen Regeln und Gesetze über persönlichen Freundschaften? Sind Leistungen bedeutsamer oder Herkunft? Darf man öffentlich Emotionen zeigen? Steht im Zentrum das einzelne Individuum und seine Freiheiten oder das Wohlergehen des Kollektivs?

Daraus leiten sich auch unterschiedliche Konzepte von Familie ab, sagt Dietmar Larcher: „Für viele Menschen in Afrika und Asien besteht eine Familie nicht aus Papa, Mama und vielleicht noch Oma und Opa. Da gehört eine große Anzahl von Menschen dazu.“ In Teilen Afrikas beispielsweise ist der einzelne dem Familienclan gegenüber verpflichtet. Viele Migranten schicken einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens ins Herkunftsland. Dafür haben die Ehepartnerinnen aus dem individualistisch geprägten Europa mitunter nur wenig Verständnis. Vor allem dann, wenn das Geld in der eigenen Kernfamilie knapp ist.

Sowohl Alfons Trompenaars, wie auch der Kulturtheoretiker Edward T. Hall betrachten als wesentliches Merkmal einer Kultur ihr jeweiliges Verhältnis zu Zeit. „Zeit ist – ebenso wie Liebe oder Verwandtschaft – ein kulturelles Konstrukt“, sagt auch Therapeutin Ulrike Blom. „Das ist nicht Bosheit, wenn mein Partner immer zu spät kommt, sondern das hängt mit einem anderen Zeitkonzept zusammen.“ In einer Kultur mit linearem Zeitverständnis ist ein Moment, den wir versäumen, für immer verloren. Ist das Zeitverständnis jedoch zyklisch, dann kann der Moment immer wiederkehren. Und das hat einen völlig anderen Lebensrhythmus zur Folge.

Der unaufgeklärte Rest
Kommunikationsprobleme sind die häufigste Konflitkursache in allen Beziehungen. Man versteht nicht, was das Gegenüber meint. Die Botschaft kommt anders an, als sie abgeschickt wurde. Das passiert auch in monokulturellen Partnerschaften. Noch komplizierter wird es aber, wenn eine Sprachbarriere dazukommt, sprich: verschiedene Muttersprachen. Der Österreicher Georg und seine Chinesische Frau Fei unterhalten sich im Alltag auf Englisch. „Mit ziemlicher Sicherheit sage ich Dinge auf Englisch weniger klar, als ich es auf Deutsch sagen würde“, meint Georg.

Noch schwieriger ist es für Fei, denn die Logik der chinesischen Sprache funktioniert grundsätzlich anders: „Im Chinesischen sagen wir oft etwas, aber meinen etwas völlig anders. Wenn ich Englisch spreche, versuche ich, das zu vermeiden. Aber es gelingt nicht immer. Ich bin nun mal Chinesin und drücke mich eben anders aus.“

Sprachen sind unterschiedlich konstruiert und damit hängt auch eine andere Form des Denkens zusammen. Wie direkt oder verschlüsselt drückt man sich aus? Welche Bilder und Metaphern verwendet man? Sehr unterschiedlich können auch Kulturen der Konfliktlösung sein, erklärt Dietmar Larcher: „Bei uns gibt es spätestens seit dem Psychologie-Boom der 1970er Jahren eine Kultur der Metakommunikation. Gruppendynamik gehört quasi zur Hausapotheke.“ Doch das ist nicht überall so. In manchen Kulturen gilt es als Tabu, mit anderen über seine emotionalen Befindlichkeiten zu sprechen.

Daher sei es ganz wichtig, die Kultur des Partners gut zu kennen, betont Therapeutin Ulrike Blom, und auch die Sprache des anderen zu lernen – zumindest in Grundzügen. Doch, egal wie sehr man sich bemüht: Es werde immer einen unaufgeklärten Rest geben, so Blom. Sie nennt es das “Niemandsland” in einer Beziehung. Doch damit müsse man eben leben lernen.

DL

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Eine Antwort

11 10 2012
Christine

Ich stelle mir die Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen in einer Beziehung auch sehr schwer vor, da es im eigenen Land schon oft zu Missverständnissen kommt. Daher sollte man dem Partner viel Zeit geben und man sollte sich langsam kennenlernen, um die kulturellen Unterschiede ausgleichen zu können.

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