Interkulturelle Beziehungskiste (1) – Flirten zwischen den Kulturen

4 03 2012

SENDUNG: Radiokolleg „Interkulturelle Beziehungskisten. Liebe in Zeiten der Globalisierung“ (Teil 1),
Montag, 5. März 2012, 9:30 Uhr, Ö1

Die Sprache der Liebe soll ja angeblich international sein. Liebe brauche keine Worte, heißt es, und ein tiefer Blick sage sowieso mehr aus tausend Worte. Alles Unsinn, sagen Kulturwissenschafter. Denn wie man sich korrekt dem anderen Geschlecht nähert, das kann in verschiedenen Ländern vollkommen anders aussehen. Und den tiefen Blick in die Augen, den sollte man in manchen Kulturkreisen überhaupt lieber unterlassen.

Sich unauffällig anpirschen

Ein Abendessen bei Freunden und eine ausgedehnte Nacht in den Clubs von Shanghai haben die Chinesin Fei und den Österreicher Georg zusammen gebracht. Sie ist ihm sofort aufgefallen, erzählt er, weil sie so eine temperamentvolle Art hat. Was er getan hat, um sie zu erobern, will ich wissen. „Na ja, das ganz normale Programm halt“, sagt Georg, „ich hab mich unauffällig angepirscht und versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen.“ Fei erinnert sich daran, denn ihr fiel auf, egal wo sie an diesem Abend hingingen, der Typ war immer neben ihr. Er ging ganz zufällig neben ihr und saß in den Lokalen ganz zufällig neben ihr. Das war vor acht Jahren. Mittlerweile sind die beiden verheiratet, haben zwei Töchter und leben in Graz.

„Sich unauffällig anpirschen“ – das ist für Georg die klassische Taktik der Eroberung. Doch in vielen Teilen der Welt funktioniert das anders. Ein „ganz normales Programm“ gebe es global gesehen beim Flirten gar nicht, sagt Ulrike Blom vom Centrum für binationale und interkulturelle Paare in Wien: „Wie wir zum Beispiel Blickkontakt interpretieren, ist schon kulturelle geprägt.“ In Europa ist direkter Blickkontakt zwischen Männern und Frauen durchaus möglich und hat nicht unbedingt Aufforderungscharakter. Im arabischen Raum beispielsweise ist das ganz anders, so Blom: „Da ist es schwierig, als Frau einem Mann länger in die Augen zu schauen und könnte eine ganz andere Reaktion hervorrufen, als wir erwarten.“ Ulrike Blom ist Psychotherapeutin und hat sich auf die Arbeit mit Paaren aus unterschiedlichen Kulturkreisen spezialisiert.

Die falschen Versprechen der Körpersprache
In Lateinamerika wiederum sind tiefe Blicke in die Augen völlig normal. Und die selbstbewusste Art, wie Frauen dort auftreten, habe schon manchen Europäer in die Irre geführt, erzählt Erziehungswissenschafter und Buchautor Dietmar Larcher: „Ich habe das in Nicaragua oft erlebt: Österreichische Männer, die sich zuhause überhaupt nicht wie Machos benehmen, verlieren dort völlig die Orientierung. Sie glauben, sie sind in einem völlig freizügigen Land. Aber meist merken sie recht bald, dass sie sich getäuscht haben.“

Blickkontakt, Körpersprache, der Respektsabstand zwischen Gesprächspartnern – das alles ist regional unterschiedlich und es beginnt schon bei der Begrüßung. Fabio aus Brasilien findet es seltsam, dass er einer Frau in Österreich die Hand geben soll: „Bei uns ist es üblich, sich mit Küßchen auf die Wange zu begrüßen. Auch wenn dir eine Frau gerade erst vorgestellt wird. Hier ist alles sehr distanziert. Und durch das Handgeben entsteht schon einmal eine körperliche Barriere, die wir gar nicht kennen.“ Fabio stammt aus Sao Paulo, lebt in Wien und spielt Fußball beim FC Tulln. Und auch er bestätigt: Vom alltäglichen Körperkontakt auf sexuelle Freizügigkeit zu schließen, sei völlig falsch: „Die brasilianischen Frauen sparen sich meist viel länger auf, als die Europäerinnen. Es dauert oft Monate bis sie mit einem Mann schlafen.“

Ein missverständlicher Kuss
Eine der bekanntesten Untersuchungen zu interkulturellen Missverständnissen beim Flirten beschrieb der österreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschater Paul Watzlawick: Im zweiten Weltkrieg waren Tausende US-amerikanische Soldaten in Großbritannien stationiert. Und natürlich gingen sie aus, amüsierten sich, flirteten mit britischen Frauen. Doch der Kontakt verlief oft problematisch: Britinnen und Amerikaner warfen einander gegenseitig vor, zu schnell, zu stürmisch und ohne Anstand und Moral zu sein.

Anthropologen fanden heraus: Sowohl in Großbritannien, wie auch in den USA gab es etwa 30 Schritte der Annäherung vom ersten Blickkontakt bis zum ersten Geschlechtsverkehr. Doch die Reihenfolge dieser Schritte war in beiden Ländern völlig unterschiedlich. Der Kuss kam damals in den USA relativ früh. Wer sich küsst, hat noch gar nichts angekündigt und das bedeutet nicht, dass notwendigerweise gleich die geschlechtliche Vereinigung folgt. Anders in Großbritannien: Da war der Kuss eine der letzten Vorstufen vor dem Geschlechtsverkehr. Wenn jetzt also ein amerikanischer Soldat seine Angebetete schon nach kurzer Zeit küsste, musste sie sich nach ihrem Selbstverständnis bald entscheiden: Beziehung abbrechen oder Sex.

Bloß nicht das Gesicht verlieren
Beim Flirten spielen die jeweiligen Geschlechterrollen einer Gesellschaft eine große Rolle. Wer muss bzw. darf den Anfang machen? Wie direkt oder unauffällig soll das passieren? Im traditionellen China ist es  – wie in vielen Ländern – der Mann, der auf die Frau zugeht, erzählt die Chinesin Fei. Er bringt Geschenke und Blumen. Und selbstverständlich sei es seine Aufgabe, die Rechnung im Lokal zu bezahlen. „Die Frau sollte zurückhaltend sein und ihr Interesse nur ganz vorsichtig zeigen“, erklärt die Chinesin Fei, „wir sagen: das ist wie Fischen. Wenn du etwas fangen willst, musst du einen kleinen Köder auswerfen. Ist er zu groß, dann fängst du nichts.“

Bei den jungen Menschen in der Großstadt sei das aber nicht mehr so streng, sagt Fei. Sie selbst kommt aus Shanghai und hat in Australien Marketing studiert. In ihrer Generation finde langsam ein Kulturwandel statt, erzählt sie. Man beginne, seine Emotionen zu zeigen. Vor allem die Frauen. Auffällig bei chinesisch-westlichen Pärchen: Fast immer sind es chinesische Frauen mit ausländischen Männern. Selten umgekehrt.

Das liege einerseits daran, dass chinesische Männer intensive familiäre Pflichten hätten und daher eine Migration ins Ausland nicht so leicht möglich sei, erklärt Fei. Außerdem sei es sehr schwierig für einen chinesischen Mann, mit einer westlichen Frau zu flirten, so Fei: „Die Männer haben Angst, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie von einer Frau zurückgewiesen werden. Bei einer Chinesin verstehen sie genau die Signale und wissen, ob sie Chancen haben. Aber bei den Westlerinnen kennen sie sich nie aus. Daher ist das ein großes Risiko.“

Flirtzonen und Tabuzonen
Migranten und Migrantinnen, die nach Österreich kommen, haben mit der hiesigen Flirtkultur manchmal ihre Probleme. Sind sie zu offensiv, ecken sie an. Sind sie zu zurückhaltend, haben sie keinen Erfolg. Lateinamerikanische Frauen erzählen davon, dass sie sich hier ein völlig neues – aktives – Flirtverhalten antrainieren müssen, weil sie die österreichischen Männer so passiv sind, verglichen mit den Latinos.

Doch nicht nur das „Wer“ und das „Wie“ beim Flirten ist kulturell unterschiedlich. Auch das „Wo“, erklärt Rami aus Tunesien: „in Österreich gibt es ganz bestimmte Plätze, wo man flirten darf. In Discos oder Bars zum Beispiel. Bei uns wird überall geflirtet: Auf der Straße, im Café, in der Straßenbahn, im Taxi.“ Gerade in dieser Frage kann es manchmal zu Spannungen kommen zwischen Europäerinnen und Migranten aus Afrika. Für eine österreichische Frau kann es verstörend sein, wenn sie auf der Straße von einem unbekannten Mann angesprochen wird. Es ist in Mitteleuropa nicht üblich, sich spontan mit einem Fremden zum Kaffeetrinken zu verabreden, ihm seinen Namen oder gar seine Telefonnummer zu verraten. Doch das sieht man nicht überall auf der Welt so.

DL

Mehr zum Thema:

Interkulturelle Beziehungskiste (2) Lost in translation?

Flirten in Zeiten der Globalisierung

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: