MathInBraille: Mathematik für Sehbehinderte

20 02 2012

SENDUNG: Digital.leben, Montag, 20. Februar 2012, 16:55 Uhr, Ö1

Auch blinde und sehbehinderte Menschen surfen im Internet. Und zwar mit Hilfe sogenannter assistierender Technologien: Braille-Zeilen zum Beispiel übersetzen alle Bildschirminhalte in die Blindenschrift Braille, der User kann das dann mit Hilfe seines Tastsinns lesen. Sogenannte Screen Reader wiederum lesen die Inhalte ganz einfach laut vor. Sofern Webseiten barrierefrei gestaltet sind, funktioniert das im allgemeinen ganz gut. Kompliziert wird es aber dann, wenn es um mathematische Formeln geht. Denn die lassen sich in Braille nicht so ohne weiteres darstellen. Ein Forschungsteam der Kepler Universität in Linz hat jetzt eine webbasierte Anwendung entwickelt, die mathematische Formeln in lesbare Braille- und Sprachformate umwandelt: MathInBraille. Unterstützt wurden sie dabei von der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs.

Sehschwache meiden die Mathematik

Mit Mathematik hatte Louis Braille gar nichts am Hut. Der Mann, der im 19. Jahrhundert die Blindenschrift erfand, war Musiker. Und so hat er zwar eine gut durchdachte Notenschrift für Sehbehinderte entwickelt, aber sich eben keinerlei Gedanken über mathematische Formeln gemacht. Bis heute gibt es übrigens nur wenige Mathematiker und Techniker unter den sehbehinderten und blinden Menschen.

„Wir wissen aus Erfahrung, dass blinde Schüler Schritt für Schritt die Mathematik meiden“, sagt Klaus Miesenberger vom Institut „Integriert Studieren“ der Johannes Kepler Universität Linz, „und das setzt sich an den Unis fort. Das heißt auch mathematisch hoch begabte Studierende flüchten in andere Fächer, die mehr textbasiert sind.“ Gemeinsam mit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen in Österreich hat sein Institut MathInBraille entwickelt: Eine kostenloser Service im Internet, der Mathematik für sehbehinderte Menschen aufbereitet. Unkompliziert war das nicht, erklärt Miesenberger: Denn die Logik, in der mathematische Formeln funktionieren und jene, in der die Braille-Schrift funktioniert, sind grundverschieden.

Das Problem der Dimensionen
Blinde Menschen verwenden eine eindimensionale Notation. Mathematische Formeln sind aber häufig nicht nur von links nach rechts, sondern auch von oben nach unten zu lesen. Etwa wenn da Brüche, Potenzen und Quadratwurzeln vorkommen – sie funktionieren also zweidimensional. Übrigens: auch Computer tun sich schwer mit dem Zweidimensionalen. Daher gibt es spezielle Eingabeformate für Mathematikformeln: LaTex zum Beispiel oder MathML.

In diesen Formaten kann man Formeln auf der Website von MathInBraille eingeben und das Programm übersetzt das Ganze in Blindenschrift – besser gesagt: in verschiedene Blindenschriften. Denn die Darstellung von Mathematik in Braille-Schrift kann von Land zu Land sehr unterschiedlich sein.

Der Computer als Übersetzer
MathInBraille richtet sich auch an Sehende: Es kann von Schulbuchverlagen verwendet werden, um Unterrichtsmaterialien in Braille-Schrift zu erstellen, von Webdesignern, um ihre Seiten barrierefrei zu machen. Und natürlich von Lehrenden an der Universität und in Schulen, sagt Klaus Miesenberger von der Universität Linz: „Durch die positive Entwicklung im Bereich Integration von Sehbehinderten in Schulen, haben wir aber auch ein verstärktes Kommunikationsproblem. Denn die Lehrkräfte kennen diese Braille-Notation nicht.“

Und hier könne der Computer helfen, zwischen der Notation der Sehenden und der Braille-Notation zu übersetzen. Derzeit studieren an der Linzer Uni 12 Menschen mit Sehbehinderung. Aber nur einer davon ein technisches Fach. Das, so Klaus Miesenberger, werde sich in Zukunft hoffentlich ändern.

Mehr zum Thema:
RoboBraille – Texte per eMail hörbar machen

Noch ein Hörtipp:
Die Freiheit, zu lernen. Ein Feature von Radio FRO über den blinden Senior Researcher Mario Batusic und das Linzer Institut Integriert studieren. Gestaltet von Michael Gams.

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2 responses

20 02 2012
Anonymous

Servus, dazu habe ich vergangenes Jahr auch einen Beitrag gestaltet, mehr mit dem Fokus auf die persönliche Geschichte des blinden Senior Researchers, der MathInBraille entwickelt: http://cba.fro.at/48871 – ist vielleicht als Ergänzung interessant.

LG,

Michael

20 02 2012
ullae

danke für den hinweis! hab jetzt nur mal ganz kurz reingehört. klingt vielversprechend!
lg ulla

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