Aufklären statt totschweigen: AIDS-Bekämpfung in Mosambik

13 12 2011

SENDUNG: Journal Panorama, Dienstag, 13. Dezember,
18:25 Uhr, Ö1

Einer aktuellen Studie der mosambikanischen Regierung zufolge, sind 11,5 Prozent der Bevölkerung HIV-positiv. Doch kaum einer der Betroffenen spricht darüber. Behandlung wäre zwar theoretisch vorhanden, doch wer hat schon Zugang zu medizinischer Versorgung in einem der ärmsten Länder der Welt? Viele internationale Hilfsgelder werden in die AIDS-Bekämpfung gesteckt: sowohl in Aufklärungskampagnen, wie auch in Medikamente. Auch österreichische Gelder, denn Mosambik ist Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Doch die Krise lässt die reichen Länder sparen – vor allem bei ihren Ausgaben für arme Länder. Und das könnte dramatische Folgen haben für den Kampf gegen AIDS in Afrika.

Allgegenwärtiges Tabu

Die Avenida Friedrich Engels in der mosambikanischen Hauptstadt Maputo ist ein beliebter Ausflugsort für Liebespärchen. Von der Panoramastraße am Hügel hat man wunderbaren Ausblick aufs Meer. Zwischen lilablühenden Sträuchern stehen zahlreiche rote Holzbänke. „Beweis mir deine Liebe und mach den HIV-Test mit mir“, steht mit weißen Lettern auf jeder zweiten Bank geschrieben. Eine Kampagne der Kondomfirma Jeito.

Schon ganz am Anfang unserer Reise begegnet uns das Thema also, wo wir es noch gar nicht erwartet hätten. Und das sollte auch so bleiben. Unverhofft treffen wir mitten im Busch auf Kondomwerbungen. AIDS beschäftigt den Tourismus- und Tauchverband in Inhambane ebenso, wie die Frauenorganisation in Chimoio. Fast jeder, den wir treffen, erzählt uns von Todesfällen im Bekanntenkreis. Aber oft hinter vorgehaltener Hand. Denn HIV ist in Mosambik zwar allgegenwärtig, aber viele würden es doch lieber totschweigen.

AUDIO: „Wir müssen uns den Regeln der Geber unterwerfen.“ Hamida Momade über die Fehler der NGOs.

Totengedenken am Strand
Traditionelle Trommelmusik am Strand von Tofo – einem Touristenort in Zentralmosambik, nahe der Provinzhauptstadt Inhambane: Die lokale Musiker-Community nimmt heute symbolisch Abschied von einem der ihren: Ein Perkussionist ist vor wenigen Tagen gestorben. Knapp 500 Kilometer entfernt von hier, im Krankenhaus von Maputo. Fast jeder hier weiß, woran. Doch niemand spricht es offen aus.

„Gerade Musiker sind häufig betroffen von HIV“, erzählt der aus Österreich stammende Gitarrist Roland Pickl „aber man sagt dann immer: Er ist an einer Krankheit gestorben“. Der gebürtige Innsbrucker lebt seit sechs Jahren in Inhambane. Die Freundschaft zum mosambikanischen Musiker Helio Vanimal hat ihn hierher verschlagen. Gemeinsam mit ihrer Band Positivo Mozambique betreiben sie AIDS-Aufklärung mit Jugendlichen. (Mehr dazu HIER).

AIDS ist in Mosambik ein großes Tabu-Thema. Wenn jemand offen zugibt, HIV-positiv zu sein, muss er mit starker Diskriminierung rechnen. Die Leute reden und schließen den Infizierten aus ihrer Gemeinschaft aus, erklärt die Mosambikanerin Hamida Momade: „Oft gehen die Betroffenen nicht ins Krankenhaus, sondern sterben lieber. Aus Angst, als HIV-Infizierte erkannt zu werden. Oder sie gehen in einer anderen Stadt ins Krankenhaus, wo niemand sie kennt.“ Hamida Momade arbeitet in Inhambane für die US-amerikanische NGO Pathfinder in Projekten zur Bekämpfung von HIV und AIDS.

AUDIO: „Man will die Lebensfreude nicht verlieren“. Roland Pickl über die Angst vor dem AIDS-Test.

Der Besuch der Großen Dame
Schauplatzwechsel ins Landesinnere. In den Bergen, nahe der Grenze zu Simbabwe liegt die Stadt Chimoio. Hier hat die Frauenorganisation Lemusica ihren Sitz. Heute herrscht hier große Aufregung. Maria da Luz Guebuza, die Gattin des mosambikanischen Präsidenten stattet der NGO einen Besuch ab. Hunderte Menschen aus der Umgebung sind zusammengekommen. Sie begrüßen die First Lady mit Trommelmusik und Gesang. Einige der Frauen tragen Wickeltücher, sogenannte Capulanas, mit dem Konterfei des Präsidenten um die Hüften. „Mama Guebuza“, wie sie hier genannt wird, würdigt die langjährige Arbeit von Lemusica mit Frauen und Kindern, aber auch in der AIDS-Prävention.

„Langsam haben wir hier wirklich eine gewisse Bedeutung erreicht“, sagt Judith Christner von Lemusica. Die gebürtige Deutsche war vor vielen Jahren als Begleiterin ihres Mannes nach Mosambik gekommen, der damals für die Deutsche Entwicklungszusammenarbeit tätig war. Er ist mittlerweile wieder zurück in Deutschland, Judith ist geblieben. Gemeinsam mit einer Gruppe mosambikanischer Frauen hat die gelernte Sozialarbeiterin vor 10 Jahren eine Anlaufstelle für misshandelte Frauen geschaffen. Doch schon bald wurde auch HIV ein Thema. Eines um das man in Mosambik fast nicht herumkommt, sagt Judith Christner.

AUDIO: „Die Probleme in der Gemeinde sind durch AIDS groß geworden“. Judith Christner über den sozialen Zusammenhalt.

Sugar Daddys und Truck Driver
Laut einer aktuellen Studie sind 11,5 Prozent der mosambikanischen Bevölkerung HIV-positiv. Jedoch gibt es große Unterschiede in Bezug auf regionale Verteilung, Alter und Geschlecht: Frauen (13,1%) sind wesentlich stärker betroffen als Männer (9,2 %). Besonders dramatisch ist der Unterschied bei jungen Menschen zwischen 15 und 24, erklärt die österreichische AIDS-Expertin Hemma Tenger von der Katholischen Universität in Beira: „In dieser Altersgruppe sind fünfmal mehr junge Frauen infiziert als Männer.“ Das habe einerseits damit zu tun, dass Frauen früher sexuell aktiv werden, aber auch mit der großen Zahl an Beziehungen älterer wohlhabender Männer zu blutjungen Mädchen aus armen Familien.

Mosambik ist eines der ärmsten Länder der Welt, etwa 80 Prozent der Bevölkerung lebt von Subsistenzlandwirtschaft. Für viele Frauen ist Sexarbeit die einzig mögliche Einkommensquelle. Kein Wunder, dass gerade an den großen Handelsrouten die HIV-Raten besonders hoch sind. Dort, wo die LKW-Fahrer Waren aus den Nachbarländern Simbabwe und Malawi zum Hafen transportieren und sich unterwegs gerne einmal „vergnügen“.

AUDIO: „Die Leute glauben, die Europäer haben AIDS erfunden, um die Überbevölkerung in Afrika zu stoppen“. Achia Camal Mulima über den Widerstand gegen Kondome.

Was haben Frauenrechte mit HIV zu tun?
Dass Frauen von AIDS stärker betroffen sind, liege stark an ihrer untergeordneten Stellung, sagt Achia Camal Mulima, die Leiterin der NGO Lemusica: „Viele Frauen haben überhaupt nicht die Macht, vom Mann ein Kondom einzufordern.“ Sexuelle Gewalt ist häufig, aber darüber wird nicht gesprochen. Eine Ehefrau muss Nebenfrauen akzeptieren.

Die Aktivistinnen von Lemusica gehen in die ärmeren Stadtviertel und in die umliegenden Dörfer. Sie versuchen, die jeweiligen lokalen Chefs auf ihre Seite zu ziehen, sprechen mit der Bevölkerung über Kondome, Treue und Behandlungsmöglichkeiten und machen interaktive Theaterprojekte zur AIDS-Aufklärung. Aber sie arbeiten auch mit den Folgen der Krankheit: 400.000 AIDS-Waisen gibt es laut Kinderhilfswerk UNICEF in Mosambik. Viele landen auf der Straße, weil sich niemand um sie kümmert. Lemusica beherbergt derzeit in Chimoio 26 Waisenkinder. Drei davon sind selbst HIV-positiv.

Es sei vor allem die mittlere Generation, die wegstirbt, sagt Judith Christner, übrig bleiben Großeltern und Kinder. Viele Haushalte werden von Teenagern geführt, die sich um die kleineren Geschwister kümmern. Lemusica kümmert sich um solche Jugendliche, vergibt Mikrokredite und bringt ihnen im Rahmen von Workshops bei, wie sie sich kleine Geschäfte aufbauen können. Eine Traumapsychologin kümmert sich um die Kinder. Sie wird von der österreichischen Entwicklungshilfeorganisation HORIZONT3000 finanziert.

AUDIO: „Viele Kinder werden mit ihrer Trauer alleingelassen“. Traumapsychologin Veronika Reck über AIDS-Waisen:

Ein Leben ohne Uhr
Sowohl die Jugendlichen, wie auch viele alte Menschen seien oft überfordert, wenn es um die Betreuung von AIDS-kranken Kindern geht. Die Medikamente müssen regelmäßig zu ganz bestimmten Uhrzeiten eingenommen werden. Doch die Menschen in den Provinzen Mosambiks besitzen für gewöhnlich gar keine Uhr. Wozu auch? Auf dem Feld arbeitet man, wenn die Sonne aufgeht, der Markt schließt seine Verkaufsstände, kurz bevor die Sonne untergeht und der Bus fährt los, wenn er voll ist.

Frauen sind nicht nur einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt, sie leiden auch stärker an den Folgen der Krankheit, sagt Hemma Tenger. Sie leitet einen Online-Kurs über HIV-AIDS an der katholischen Universität in Beira. Im Rahmen eines Seminars führten die Studenten Interviews mit Menschen, die HIV-positiv sind. Sie fragten Betroffene, was sich in ihrem Leben veränderte, als sie von ihrer Krankheit erfuhren. Wenn Frauen ihrem Partner erzählten, dass sie HIV-positiv waren, sei es meist zu Schuldzuweisungen gekommen. Viele wurden von ihren Männern verlassen. Im umgekehrten Fall war es hingegen vielmehr so, dass Frauen sich für ihre erkrankten Männer einsetzten und sie pflegten. „Ich wollte das nach der zehnten Arbeit gar nicht mehr lesen“, erzählt Hemma Tenger, „denn das geht einem dermaßen unter die Haut.“

AUDIO: „Höhere Bildung schützt nicht vor Infektion“. Hemma Tengler über das Risikoverhalten von Akademikern.

Kampf an mehreren Fronten
Den Kampf gegen AIDS müsse man auf mehreren Ebenen führen, sagt Hemma Tengler von der katholischen Universität in Beira. Zum ersten gehe es um Verhaltensänderungen, sprich: Kondome verwenden und Treue. Zweitens müsste sich auch die medizinische Versorgung im Land verbessern, betont Hemma Tengler.

Das größte Problem hier ist jedoch die Frage: Wer finanziert das? Vor allem angesichts sinkender Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit. Österreich hat bereits empfindlich gekürzt, die direkte Budgethilfe für Mosambik soll in den kommenden Jahren ganz eingestellt werden. „Das ist ein ganz großes Thema, dass die Behandlung so stark von außen finanziert wird. Das Land ist komplett abhängig davon“, so Tengler, „und aufgrund der wirtschaftlichen Situation auf der Welt kommt es jetzt schon zu weniger Überweisungen für HIV-Behandlung. Das wird noch ein großes Problem werden.“

Und auf einer dritten Ebene geht es um strukturelle und soziale Veränderungen: Armutsbekämpfung, Verbesserung der Ernährungssituation und natürlich Stärkung der Stellung der Frau. Doch auch das kostet Zeit und Geld.

Kurzfassung des Textes auf oe1.ORF.at

DL

Mehr zum Thema:

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