Gov 2.0 – ein Barcamp über Internet und Demokratie

7 12 2011

SENDUNGEN: Digital.leben, Mittwoch, 7. Dezember 2011,
16:55 Uhr, Ö1

und
Matrix, Sonntag, 11. Dezember 2011, 22:30 Uhr

Ein Computerspiel, das simuliert, wie Bürgerbeteiligung bei der Raumplanung ausschauen könnte, ein soziales Netzwerk für Wutbürger und eine preisgekrönte Toilettensuche – das waren nur einige der Ideen, die vergangene Woche am Government 2.0 Barcamp im Wiener Rathaus diskutiert wurden. Dort trafen Menschen aus der öffentlichen Verwaltung zusammen mit Nerds aus der Web 2.0-Community. Als Kuppler fungierten das Zentrum für E-Governance der Donauuniversität Krems gemeinsam mit Neu & Kühn – einer Agentur für E-Partizipation.

Social Network für WutbürgerInnen

Anzugträger aus der öffentlichen Verwaltung trifft Web 2.0-Nerd mit Kapuzenpulli. So etwa lautete das Motto des Government 2.0 Camps in Wien. „Wir haben gemerkt, dass es eine sehr aktive Internet Community gibt, die sich viele Gedanken über die Weiterentwicklung der Demokratie über das Internet macht und auf der anderen seite gibt es eine e-Government Communtiy. Doch da gibt es wenig Schnittpunkte. Unsere Motivation war es, ein Lernen in beide Richtungen zu ermöglichen“, erklärt Veranstalter Peter Kühnberger von der Agentur Neu & Kühn.

Die Themen reichten vom Hochwasserwarnsystem, das mit Hilfe von Regierungsdaten entwickelt wird, über das Twitter-Verhalten österreichischer Politiker bis hin zu einem Computerspiel, das simuliert, wie Bürgerbeteiligung bei der Raumplanung ausschauen könnte. Der Programmierer Bernhard Schreder und der ehemalige Finanzberater Philip Hoffuri wiederum präsentierten ein soziales Netzwerk für Wutbürger: iDEPART.at. Initiativen der Zivilgesellschaft und Einzelpersonen sollen hier zueinander finden. „Wir stellen Tutorials zur Verfügung, um Menschen, die noch nie aktiv gewesen sind, die Einstiegsbarriere zu erleichtern. Da werden so Fragen behandelt: Wie organisiert man eine Demo? Oder: Wie organisiert man ein ein Volksbegehren?“, sagt Hoffuri.

Couch-Aktivist oder „Berufsdemonstrant“?
Facebook eignet sich ihrer Meinung nach nur begrenzt zur politischen Vernetzung, meint sein Kollege Bernhard Schreder. Es sei zu fragmentiert, viele ähnliche Gruppen würden nebeneinander existieren ohne sich zu kennen und Infos bekomme man nur, wenn man auch mit den richtigen Leuten befreundet sei.

User können in ihrem iDEPART-Profil ihre persönlichen Interessen eingeben: Entwicklungspolitik zum Beispiel oder Tierschutz. Sobald dann eine neue Initiative dazu online geht, wird man automatisch informiert. Je nachdem wie aktiv man es gerne hat, kann man sich auf iDEPART in vier verschiedenen Rollen beteiligen: Die einfachste ist die der Unterstützerin: da kann man passiv seine Unterstützung für ein Thema kundtun – so ähnlich als würde man auf Facebook „Gefällt mir“ klicken, erklärt Bernhard Schreder. Weitere Rollen sind: Arbeitsgruppen, AktivistInnen und OrganisatorInnen.

Seit April arbeiten die beiden an ihrem zivilgesellschaftlichen Netzwerk. Im Jänner soll das Ganze online gehen. Finanziert wurde iDEPART unter anderem über die Crowd-Financing Plattform Respekt.net.

Preisgekrönte Toilettensuche
Ein besonderer Schwerpunkt des Barcamps war: Open Government Data. Die Stadt Wien hat ja heuer begonnen, nicht-personenbezogene Verwaltungs-Daten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Und zwar in maschinenlesbarer Form, sodass Programmierer damit eigene Applikationen entwickeln können. Eine davon bekam im Rahmen des Camps den Open Data Partnerpreis der Stadt Wien verliehen.

Er hätte es selbst nicht gedacht, dass seine Anwendung so einschlagen würde, sagt Preisträger Robert Harm. Die Smartphone-Applikation widmet sich einem essentiellen Grundbedürfnis der Menschen: der Suche nach dem nächsten WC. Toilet Map Vienna war die erste App basierend auf den Daten der Stadt Wien. Das Handy zeigt an, wo sich – vom aktuellen Standort aus gesehen – die nächste Toilette befindet und auch ob sie behindertengerecht ist.

Am Government 2.0 Camp hat Robert Harm dann seine neueste Anwendung vorgestellt: Ein Plugin für die Blogger-Software WordPress. MapsMarker.com nennt sich das Ganze, Untertitel: „Mein Platzl im Grätzel“. Damit können User in ihrem WordPress-Blog gewisse Orte markieren – ähnlich wie auf Google Maps. Jedoch seien die Karten der Stadt Wien genauer als Google Maps, sagt Robert Harm und zweitens sei es wichtig, Alternativen zum amerikanischen Megaunternehmen zu haben. Denn schließlich ändert Google Maps ja gerade seine Politik: Jetzt ist Schluss mit alles gratis. Ab 25.000 Zugriffen müssen die User zahlen.

Geldmachen mit Gratisdaten
„Open Government hat auch die Chance, Wertschöpfung im eigenen Land zu schaffen“, sagt Harm, „durch offene Standards und offene Daten kann man die lokale Entwicklercommunity stärken, die dann im KMU-Bereich Anwendungen entwickelt.“ Über Wertschöpfung macht sich auch Barbara Good Gedanken. Sie arbeitet für das Forschungs- und Beratungsinstitut Technopolis. Im Rahmen einer Studie über Wien als IKT-Standort untersucht sie das wirtschaftliche Potential der offenen Daten. Bis jetzt werde dieses noch gar nicht genutzt, sagt Barbara Good. Denn derzeit seien die meisten der Wiener Applikationen kostenlos ins Netz gestellt worden: „Da zeichnet sich noch kein Businessmodell ab“, so Good.

Bei den Unternehmen sei noch eine gewisse Skepsis vorhanden: Wer haftet dafür, wenn Fehler in den Daten sind? Bei wem kann man sich beschweren, wenn etwas nicht funktioniert? Und: Wer weiß, wie lange es diese Daten überhaupt geben wird. Ein weiteres Problem: die einzelnen Datensätze werden in unterschiedlichen Formaten und über verschiedene Schnittstellen zur Verfügung gestellt und das ist für Firmen natürlich mühsam.

Mit dem Handy durch den Zentralfriedhof
Doch das könnte sich in Zukunft ändern. Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda schätzt, dass europäische Firmen mit Regierungsdaten jährlich 30-40 Millionen Euro verdienen könnten. Und auch Barbara Good könnte sich vorstellen, dass man künftig mit Gratisdaten Geld machen könnte: Sei es durch Datenjournalismus oder auch durch Anwendungen im Tourismusbereich. Möglich wären mobile Reiseführer oder Smartphone-Applikationen, die Besucher am Zentralfriedhof zu den Gräbern der Prominenten führen.

Mit dem Gegenteil von Open Data beschäftigen sich der ehemalige Profil-Journalist Josef Barth und der Korruptionsexperte Hubert Sickinger: Auf der Plattform amtsgeheimnis.at machen sie sichtbar, was die österreichischen Bürger und Bürgerinnen alles NICHT wissen dürfen. Geheim gehalten werden zum Beispiel: Beschlüsse des Ministerrats, wer wieviele Vorzugsstimmen bei den niederösterreichischen Gemeinderatswahlen bekommen hat und wieviele Unfälle in Wien von Radfahrern verursacht werden. Österreich ist übrigens das einzige Land in der EU, wo das Amtsgeheimnis in der Verfassung festgeschrieben ist.

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4 responses

6 05 2012
Mit Open Government die Korruption bekämpfen? « Ulla Ebner

[…] Gov 2.0 – Ein Barcamp zu Internet und Demokratie […]

6 05 2012
Demokratie 2.0: Visionen einer offenen Regierung « Ulla Ebner

[…] Gov 2.0 – Ein Barcamp zu Internet und Demokratie Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem diese(r) Artikel gefällt. […]

17 12 2011
#gov2vie Government 2.0 Barcamp Radionachschau « Digital Government & Society

[…] Dank Ulla Ebner für den Radiobericht und Blog Zusammenfassung. Teilen Sie dies mit:TwitterFacebookDiggMehrRedditE-MailStumbleUponGefällt mir:LikeSei der Erste, […]

17 12 2011
Peter Parycek

Vielen Dank für deine Zusammenfassung. Weitere Zusammenfassungen unter: http://digitalgovernment.wordpress.com/tag/gov2vie/

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