No more iSlaves: Ausbeutung in der IT-Industrie

10 11 2011

SENDUNG: Matrix, 13. November 2011, 22:30 Uhr, Ö1
und Digital.leben, 10. November, 16:55 Uhr, Ö1

Seit Oktober ist das neue Apple iPhone 4S auf dem Markt. Von den 630 Euro, die das Smartphone kostet, entfallen etwa 8 Euro an Lohnkosten für die Arbeiter, die es zusammenbauen. Meist sind das chinesische Arbeiter und Arbeiterinnen. Denn wie viele Unternehmen, hat Apple einen Großteil seiner Produktion nach China ausgelagert. Doch spätestens seit einer Welle von Selbstmorden beim Apple-Zulieferbetrieb Foxconn vergangenes Jahr sind die Arbeitsbedingungen in der chinesischen IT-Industrie unter Kritik geraten. „No more iSlaves“ heißt etwa eine Kampagne der Hongkonger NGO Sacom, die Apple-KonsumentInnen sensibilisieren möchte. AktivistInnen von Sacom haben die Arbeitsbedingungen bei Apple-Zulieferer-Betrieben in China untersucht.

„Schreib 100 mal, wie’s richtig geht!“

Schlechte Bezahlung, bis zu 80 Überstunden pro Woche, Sprechverbot während der Arbeit, den Supervisor um Erlaubnis bitten, um auf die Toilette gehen zu dürfen – so sieht der Alltag der etwa 1,3 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen aus, die in China für den Apple-Zulieferbetrieb Foxconn tätig sind. Meist sind es Wanderarbeiter, die aus fernen Provinzen Chinas in die Sonderproduktionszonen entlang der Küste strömen, erzählt Debby Chan von der Hongkonger NGO Sacom: „Die Arbeiter müssen sich extrem konzentrieren. Sie machen denselben monotonen Handgriff tausendmal am Tag. Wenn sie dabei einen Fehler machen, dann werden sie von der Firmenleitung angeschrien.“

Foxconn ist bekannt für seinen – euphemistisch ausgedrückt – rauen Managementstil. Erwachsene Menschen werden diszipliniert wie ungezogene Kinder. Wer bei der ermüdenden Arbeit einen Fehler macht, muss einen öffentlichen Entschuldigungsbrief schreiben. Manche müssen auch zur Strafe die Arbeitsanleitung hundertmal abschreiben oder irgendwelche Zitate von Firmenchef Terry Gou.

„Ich verspreche, mich nicht umzubringen“
Der taiwanesische Konzern Foxconn ist einer der weltweit größten in der Elektronikbranche. Er produziert iPads und iPhones für Apple, aber auch Laptops für HP, Dell und andere Firmen. Mindestens 16 chinesische Arbeiter und Arbeiterinnen haben in den vergangenen zwei Jahren den Druck nicht mehr ausgehalten und sind vom Foxconn-Firmengebäude in den Tod gesprungen. Firmenchef Terry Gou erhöhte daraufhin die Löhne; Auffangnetze rund um die Gebäude wurden gespannt und alle Arbeiter müssen jetzt eine Erklärung unterzeichnen, dass sie hoch und heilig versprechen, sich nicht umzubringen. Doch an der Behandlung der Arbeiter habe sich wenig geändert, sagt Debby Chan.

Die Aktivisten und Aktivistinnen von Sacom (Students and Scholars against corporate Misbehaviour) fuhren zu verschiedenen Foxconn Fabriken und China und sprachen mit Arbeitern über ihren Alltag. „Eine andere bedenkliche Sache in der Elektronikindustrie ist der Einsatz von Schülern“, erzählt Debby Chan. Diese würden von der Schulbehörde gezwungen werden, in der Fabrik zu arbeiten: „Die lokale Regierung hat oft gute Beziehungen zu den ausländischen Firmen. Und wenn Foxconn sagt: Wir brauchen mehr Arbeiter, dann übt die lokale Regierung Druck auf das Bildungsbüro aus. Und die schicken dann Schüler. Weigert sich einer, bekommt er sein Zeugnis nicht.“

Soziale Verantwortung: ein PR-Gag?
Dabei verpflichtet sich Apple in seinen eigenen Richtlinien zur sozialen Verantwortung. Auch die Apple-Zulieferer müssen zusichern, Umweltstandards einzuhalten und die Arbeiter mit Würde zu behandeln. Viel scheint das nicht zu bewirken: Catcher Technology, ein Produzent von Laptop-Gehäusen, musste im Oktober wegen Luftverschmutzung seinen Betrieb in Ostchina vorübergehend stillegen. Dem Leiterplatten-Hersteller Meiko-Electronics wird vorgeworfen, einen See mit Schwermetallen verseucht zu haben. Und bei Wintek, wo Touchscreens für iPads und iPhones herstellt werden, wurden vor knapp zwei Jahren Arbeiter durch ein toxisches Reinigungsmittel vergiftet. „Die Arbeiter, wir zählten etwa 200 Fälle, konnten nicht mehr richtig gehen, denn ihre Nerven waren beschädigt. Die meisten mussten für etwa neun Monate ins Krankenhaus. Manche ein Jahr lang. Und auch als sie entlassen wurden, waren sie nicht völlig gesund“, erzählt Aktivistin Chan von Sacom.

Apple habe diesen Vorfall eineinhalb Jahre lang geleugnet, kritisiert Debby Chan. Briefe der Opfer mit Bitte um Schadenersatz seien unbeantwortet geblieben. Seit Jahren fordern NGOs von Unternehmen soziale Verantwortung ein und richten sich an Konsumenten, damit diese Druck ausüben. „No more iSlaves“ fordert Sacom, für eine „Clean IT“ setzt sich in Österreich die Agentur Südwind ein, „Decent Work for all“, also würdige Arbeit, ist das Motto einer Kampagne der NGO Frauensolidarität. Kampagnenleiterin Kathrin Pelzer steht dem Konzept der CSR – also der freiwilligen sozialen Verantwortung von Unternehmen kritisch gegenüber: „Dahinter steht ein guter Ansatz, aber er wird immer mehr ausgehöhlt. Ich finde es bedenklich, dass gerade in der Krise immer mehr ausgelagert wird an Subunternehmen, die dann niemand kontrolliert.“

Die Firma Foxconn wiederum hat sich einen Ausweg für das Dilemma mit den Arbeiterrechten überlegt: in den kommenden drei Jahren will das Unternehmen etwa eine Million Arbeiter durch Roboter ersetzen.

MTX

DLE

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2 responses

13 11 2011
Elias

Netter Blog, sehr informativ und schoen gemacht.

11 11 2011
Anonymous

Und diesen A…… kriechen unsere Politiker(Volksverräter) in den Ar…..
So ist es aber überall in diesen tollen Ländern die sich die Einmischung von aussen verbieten.

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