Dunkle Flecken im Cyberspace

3 11 2011

SENDUNG: Matrix, Sonntag, 6. November 2011, 22:30 Uhr, Ö1
und: Digital.leben, Donnerstag, 3. November 2011, 16:55 Uhr, Ö1

Wissen ist Macht, sagte einst der britische Philosoph Francis Bacon. Die Summe des weltweiten Wissens verdoppelt sich heutzutage alle paar Jahre. Doch wem gehört das Wissen der Welt? Wo wird das Wissen geschaffen und wer hat Zugang dazu? Das wollten einige Wissenschafter vom Oxford Internet Institute in Zusammenarbeit mit der deutschen Forschungsstiftung Convoco herausfinden. Sie haben die weltweite Konzentration von Medien sowie die Herkunft wissenschaftlicher Publikationen ebenso untersucht, wie die Verteilung von nutzergenerierten Inhalten im Internet. Und es zeigt sich: Sowohl die Wissenschaft, wie auch das Netz werden dominiert von den USA und Europa. Ulla Ebner hat mit Viktor Mayer-Schönberger über die Ursachen dafür gesprochen. Der gebürtige Österreicher ist Experte für Internetrecht, unterrichtete einige Jahre an der Harvard University und ist derzeit Professor am Oxford Internet Institute.

Die Welt von Wikipedia

Betrachtet man die Welt durch das Online-Lexikon Wikipedia, so könnte man meinen, die Welt bestünde aus einem riesigen Europa und enormen Vereinigte Staaten sowie daneben noch aus ein paar kleinen Inseln. Das Oxford Internet Institute hat Wikipedia-Artikel analysiert: Welche Orte sind darin erwähnt? Und wo leben die User, die Informationen bereitstellen – egal in welcher Sprache die Einträge verfasst wurden. Asien, Lateinamerika und Afrika spielen darin eine völlig untergeordnete Rolle, erklärt Viktor Mayer-Schönberger: „Das heißt, würden wir Wikipedia als Lexikon vertrauen, dann würden wir eine Welt reflektiert bekommen, die zutiefst europäisch geprägt ist.“

Die Antarktis kommt hier beispielsweise wesentlich öfter vor als irgendein Land in Afrika oder Lateinamerika. Und auch wenn China ein Siebtel der Weltbevölkerung stellt: Weniger als ein Prozent aller Wikipedia-Einträge beziehen sich auf das Reich der Mitte. Dabei gibt es das Online-Lexikon auch auf Chinesisch. Ähnliche Ergebnisse brachte eine Untersuchung der nutzergenerierten Inhalte auf flickr. Am Oxford Internet Institute wurde eine Karte der Welt gezeichnet, die man verstehen würde, wenn man nur flickr betrachtet. „Es gibt hier wahnsinnig viele dunkle Flecken der Welt, wo es kaum Aufnahmen gibt, die auf flickr hochgeladen wurden“, sagt Mayer-Schönberger, „und das hat nicht notwendigerweise damit zu tun, dass diese Orte hässlich werden, sondern allein damit, dass auch flickr ein zutiefst transatlantisch geprägtes nutzergeneriertes Produkt ist.“

Digital Divide und Analphabetismus
Die Voraussetzungen, um sich im Netz überhaupt beteiligen zu können, sind auf der Welt unterschiedlich verteilt. Beispiel: Internetzugang. Das Oxford Internet Institute hat hier Daten der Weltbank kartographiert. Es zeigt sich: Viele Entwicklungsländer sind nach wie vor Cyberwüsten. Die gute Nachricht: der Digital Divide verringert sich langsam. Die Vernetzung sogenannter Schwellen- und Entwicklungsländer schreitet voran, jedoch konzentriert sich diese meist auf die städtische Bevölkerung.

Das schönste Cybercafe nützt aber nichts, wenn die Menschen nicht lesen und schreiben können. Etwa ein Fünftel der erwachsenen Weltbevölkerung sind Analphabeten. In 21 Ländern der Welt sind es sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Die Gründe für die Nicht-Beteiligung von Menschen in Entwicklungsländern sind aber noch weitaus vielfältiger, sagt Viktor Mayer-Schönberger. Neben mangelndem Zugang zum Internet und mangelnder Literarität geht es auch um einen Mangel verfügbarer Zeit.

Zensur und Beteiligungskultur
Wer seine ganze Zeit mit Erwerbsleben bzw. mit dem Überleben verbringt, wird eher nicht lexikalische Einträge für Wikipedia schreiben. „Aber es geht auch um eine mangelnde Kultur, hier etwas beizutragen“, ist Mayer-Schönberger überzeugt, „in Gesellschaften, die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte immer hierarchisch die Information von oben nach unten bekommen haben, ist die Bereitschaft weniger verbreitet, hier auch von unten Informationen nach oben einzustellen.“

Nehmen wir China oder den Iran: In beiden Ländern hat zwar fast die Hälfte der Bevölkerung Internetzugang. Politische Unterdrückung und Zensur behindern aber eine aktive Netzbeteiligung. In Brasilien wiederum gibt es eine aktive Zivilgesellschaft. Doch in der lateinamerikanischen Kultur zählt die Diskussion von Angesicht zu Angesicht eben mehr als das anonyme Internet. Kulturelle Gründe hat es auch, dass sich Europäer verhältnismäßig stärker an nutzergenerierten Netzinhalten beteiligen als US-Amerikaner, glaubt Viktor Mayer-Schönberger: „Ich denke, dass es in Europa eine gute Internetkonnektivität gibt, ein hohes Bildungsniveau und relativ viel Freizeit. Aber vor allem gibt es auch ein gewisses gesellschaftlich kulturell verankertes Interesse daran, etwas beizutragen an einem Werk wie Wikipedia. Das ist einerseits beeindruckend und, weil das dadurch ein sehr europäisches Lexikon geworden ist. Andererseits bedeutet das aber auch, dass viele Kulturen der Welt im Netz einfach unterrepräsentiert sind.“

Oxford Internet Institut: http://www.oii.ox.ac.uk/

Visualizing Data: http://www.oii.ox.ac.uk/vis/

Forschungsstiftung Convoco: http://www.convoco.co.uk/

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One response

14 11 2011
Nico

Endlich ein gut geschriebener Artikel, vielen Dank. Muss man erstmal verarbeiten. Generell finde ich diesen Blog gut zu lesen und leicht zu verstehen.

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