Flirten in Zeiten der Globalisierung

22 08 2011

SENDUNG: Moment – Leben heute, Dienstag, 23. August 2011, 14:40 Uhr, Ö1

gekürzte Version auch erschienen in: FALTER 41/11

„Er sagt Hallo zu Dir. Aber sein Hallo klingt nicht brutal, er versucht süß zu sein mit seinem Hallo“, erklärt Magnigi aus Westafrika die Taktik mancher seiner Landsleute. „Cowboys“ nennt er sie, die Männer, die darauf spezialisiert sind, auf der Straße Frauenbekanntschaften zu machen. Viele Österreicherinnen finden es aber eher irritierend und beängstigend, wenn auf der Straße ein wildfremder Mann auf sie zukommt, „Hallo“ sagt und sofort einen Kaffee mit ihnen trinken will. In anderen Teilen der Welt sehen Frauen das anders. „Das ist dieser Kulturkonflikt zwischen Österreich und Afrika. In Äthiopien zum Beispiel sind es die Männer gewohnt, einfach zu einer Frau zu gehen und sie anzusprechen. Das ist ganz normal“, erklärt Bisrat, eine junge Frau aus Äthiopien. Wenn Singles aus anderen Kulturkreisen nach Österreich kommen, wird die Sache manchmal kompliziert. Österreicher und Österreicherinnen gelten als nicht besonders flirtfreudig. Und Migranten mit offensivem Flirtverhalten ecken hier mitunter an. Dabei trägt kaum etwas besser zu einer gelungenen Integration bei als zwischenmenschliche Kontakte.

Flirtwüste Österreich?

„Die Österreicher starren dich zwar an – aber sonst tun sie nichts“, beklagt die Zahnarztassistentin Luciene*. Sie stammt aus der nordost-brasilianischen Hafenstadt Recife und ist vor 18 Jahren nach Wien gekommen – wegen einem Österreicher. Doch die Ehe ist mittlerweile geschieden. So wie die meisten ihrer Freundinnen hat sich Luciene hier in Österreich ein völlig neues – aktives – Flirtverhalten antrainiert, erzählt sie. Notgedrungen. „Hier in Österreich praktizieren die brasilianischen Frauen viel öfter das Spiel der Verführung, als in Brasilien. Dort haben wir das nicht nötig, denn die brasilianischen Männer kommen immer zu uns und sprechen uns an. Aber hier ist es so: wenn die Frau nicht aktiv erobert, dann bleibt sie allein. Den österreichischen Männer fehlt meist der Mut.“

AUDIO: „Sie schauen und sagen nichts.“ Luciene über die Schüchternheit der Österreicher (0:59)

In Lateinamerika wiederum ist es Aufgabe des Mannes, zu erobern. Ob er will oder nicht, bestätigt auch der Peruaner Edgar. Er selbst hat das nie besonders gern gemacht, versichert er, aber er habe eben keine andere Wahl gehabt: „Ich habe mich oft gefragt: Was soll ich sagen? Aber irgendetwas musste ich ja sagen.“ Und die Peruanerinnen hätten immer sehr wohlwollend reagiert, erzählt Edgar: „Sie erwarten ja, dass der Mann irgendetwas sagt. Auch wenn es etwas Dummes ist.“

Als er hier in Österreich dasselbe probierte, erlebte er seine erste herbe Enttäuschung: Die Österreicherinnen drehten sich einfach um und gingen weg. „Die Frauen hier haben eine ganz andere Ausstrahlung als die Frauen in Lateinamerika. Sie sind selbstbewusster“, meint Edgar. Er ist überzeugt davon, dass dies auch ökonomische Hintergründe hat. Wenn Frauen ihren eigenen Job haben und unabhängig sind, dann brauchen sie auch nicht unbedingt einen Mann, um abgesichert zu sein.

Latin Lovers, Fußball und Samba
Edgar ist Performance-Künstler, Musiker und macht Projekte im Kultur- und Integrationsbereich. Von Künstlerkolleginnen hat er gelernt, dass es manchmal besser ist, ein wenig cooler zu sein, um hierzulande bei Frauen Erfolg zu haben. Und den hatte er dann auch. Überhaupt ist es in Europa ein Vorteil, wenn man aus Lateinamerika kommt, glaubt der Brasilianer Fabio. Das Klischee des Latin Lovers sei zwar oft falsch, aber es hilft. Oft erntet er schon allein dafür ein Lächeln, dass er aus Brasilien kommt, erzählt er. Und eine Frau zum Lächeln bringen ist für ihn der erste Schritt zum Erfolg: „An ihren Blicken merkst du, ob sie ein wenig Interesse hat oder nicht und auch beim Tanzen. Und wenn ich merke, dass auch nur ein Funken von Interesse da ist, bleibe ich hartnäckig –eine Chance von zehn Prozent reicht mir schon. Ein Blick, ein Lächeln, ein Tanz oder ein Scherz können ein Ausgangspunkt sein.“

Fabio spielt Fußball beim FC Tulln und mitunter auch Samba-Perkussion bei der Sambaschule Rot-Weiß-Rot. Österreicher werden zu Individualisten erzogen, Brasilianer zu sozialen Wesen, glaubt er. In Brasilien ist man es gewöhnt, ständig mit fremden Menschen zu plaudern – beim Einkaufen oder im Autobus – während die Österreicher oft nicht einmal ihre unmittelbaren Nachbarn kennen. Daher haben Brasilianer und Brasilianerinnen auch einen gewissen Startvorteil, wenn es darum geht, Menschen des anderen Geschlechts kennenzulernen.

AUDIO: „Mit einer Österreicherin zusammenzuleben ist schwierig“. Fabio über sein Problem mit der Hausarbeit (0:33)

Dramatische Liebesgeschichte in 3 Minuten
Viele Frauen zu erobern gehört in Lateinamerika zum Konzept von Männlichkeit. Es ist eine Kunst, böse Zungen sagen: ein Sport, der oft von klein auf trainiert wird. Jeder entwickelt da so seine Technik. „Wenn du dich einer Frau nähern willst, die du nicht kennst, musst du kreativ sein“, erklärt Fabio, „du musst dir irgendetwas überlegen, das sie interessieren könnte, um ins Gespräch zu kommen.“ So habe er schon Frauen erobert, indem er sie auf ihr Tattoo angesprochen hat, auf ein Piercing oder auf ihre Fingernägel.

Natürlich gibt es auch schüchterne Latinos und solche, die nicht tanzen können, betont Fabio. Aber generell spielt der Tanz in Lateinamerika eine große Rolle. Und er ist eine gute Gelegenheit, um Körperkontakt aufzunehmen, weiß Edgar aus Peru: „Beim Rhythmus fängt man mit dieser Frau eine Beziehung an. Man umarmt sie, spürt ihre Haut und ihr Herz. Man findet sich im Rhythmus. Wenn man sich da nicht findet, dann passiert auch danach nichts.“ Doch nicht immer geht es beim Tanz um Sex. Manchmal könne so eine „dramatische Liebesbeziehung“ auch nur drei Minuten dauern, sagt Edgar, dann gehe man wieder auseinander und sieht sich vielleicht nie wieder.

AUDIO: „Oft ist es dann eine Enttäuschung“. Edgar über das Klischee des Latin Lovers (0:33)

Großstadtcowboys und Kochbananenparty
Im Gegensatz zu Lateinamerikanern sind die Klischees bezüglich afrikanischen Männern weniger positiv. Man sagt ihnen nach, uncharmant, plump und direkt zu sein. Schwarzafrikaner haben hier stark mit Rassismus und Vorurteilen zu kämpfen, erzählt Magnigi aus der Elfenbeinküste. Als afrikanischer Mann müsse man stets bereit sein, Fragen zu beantworten nach der Penislänge und der Krankengeschichte der Familie. Und vor allem stehe man immer im Verdacht, durch die Partnerschaft zu einer Österreicherin sein Asylproblem lösen zu wollen.

Magnigi kam 2004 als politischer Flüchtling nach Österreich. Er wollte seinen Aufenthaltstitel aber nie mit Hilfe einer Frau bekommen. Überhaupt hält er wenig vom Heiraten. Bis zu seiner ersten Beziehung dauerte es zwei Jahre. Zu groß die Vorsicht auf beiden Seiten. Magnigi gehört auch nicht zu jenen afrikanischen Männer, die Frauen auf der Straße ansprechen. Das hat er weder in Wien getan, noch in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste, wo er studiert hat. Bevor du eine Frau ansprichst, solltest du zumindest ihren Namen kennen, findet er. Aber natürlich gibt es auch unter seinen Landsleuten Männer die das anders sehen: die Cowboys eben. Und viele von ihnen seien auch erfolgreich. In der Elfenbeinküste verabredet man sich übrigens nicht auf ein Bier, sondern auf ein Aloko: gebratene Kochbananen.

AUDIO: „Für mich ist das kein Liebesbeweis, sondern eine Schweinerei“. Magnigi über das Küssen in der Öffentlichkeit (0:20)

Der Ton macht die Musik
Anders als in Europa ist die Straße in vielen Teilen Afrikas ein sozialer Raum, wo sich Menschen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen, erzählt die junge Äthiopierin Bisrat. Sie kam vor 13 Jahren nach Österreich, ursprünglich, um an der TU Informatik zu studieren. „Bei uns ist es so, wenn dich jemand anspricht, dann solltest du antworten. Sonst ist das sehr unhöflich. Und angesprochen wirst du überall: im Taxi oder im Bus. Und da wird auch geflirtet.“

Allerdings kommt es natürlich sehr auf den Ton an, betont sie. Ein nettes friedliches „Hallo, wie geht es dir? Ich möchte dich kennenlernen“ sei völlig in Ordnung. Ein aggressives „du gefällst mir, ich will dich haben“ wiederum nicht, erklärt Bisrat. In der Elfenbeinküsten sei es sehr unhöflich, wenn Männer den Frauen auf der Straße nachzischen „Tss Tss“ oder ähnliches, erzählt Magnigi. Und so manche afrikanische Frau würde darauf auch ungehalten reagieren: „Warum rufst du mich so? Bin ich dein Hund? Rufst du deine Mutter auch so?“

Strenge Sitten am Land
Trotz der Schüchternheit der österreichischen Männer hatte die Äthiopierin Bisrat nie Probleme, jemanden kennezulernen. Sie vermutet, das liegt am „Exotik-Faktor“, äthiopische Frauen gelten ja hierzulande als besonders schön. Relativ bald hatte sie einen Österreicher geheiratet, 2 Kinder bekommen, ist jedoch wieder geschieden. Im ostafrikanischen Äthiopien wird von Frauen meist erwartet, dass sie sich schüchtern geben, erzählt Bisrat. Sie selbst wurde jedoch sehr liberal erzogen, betont sie. Sie wuchs in der Hauptstadt Addis Abeba auf. Dort wird der westliche Einfluss immer stärker. Mittlerweile sei es sogar in Mode gekommen, Blumen zu schenken – etwas das in Äthiopien eigentlich gar keine Tradition hat.

AUDIO: „Früher war alles heimlich“. Bisrat über die Lockerung der Sitten in Addis Abeba (0:40)

Wesentlich strenger geht es jedoch in den ländlichen Regionen zu. Da seien arrangierte Ehen noch weit verbreitet. Bisrats Großmutter etwa wurde mit 12 Jahren verheiratet und hat um die 10 Kinder bekommen. „So etwas gibt es auch noch. Am Land sollte die Frau immer den Kopf gesenkt halten und zu allem Ja sagen“, sagt Bisrat.

Astrologie statt Leidenschaft
Arrangierte Ehen sind auch in Indien ein großes Thema. Schätzungen zufolge werden dort etwa 80 bis 90 Prozent aller Ehen von der Familie arrangiert. Auch bei ausgewanderten Indern, erklärt die indisch-stämmige Monica*. Und dieses System findet auch nach wie vor starken Zuspruch bei jungen Menschen. Schließlich ist statistisch nachweisbar, dass solche Ehen weniger häufig geschieden werden. Monica kann auch aus ihrem Familien- und Bekanntenkreis bestätigen, dass solche Ehen genauso oft glücklich oder unglücklich verlaufen, wie Liebesheiraten. Sie vermutet, das liegt daran, dass der vergängliche Faktor Leidenschaft wegfällt und von Anfang an auf Harmonie geachtet wird. Man achtet darauf, dass die Familien zueinander passen und konsultiert einen Astrologen.

Monica selbst ist Kosmopolitin, wurde in Kenia geboren und hat in zahlreichen Ländern dieser Welt gelebt: in Afrika, im arabischen Raum, in Australien und Großbritannien. Speziell für Auslands-Inder gibt es eigene Heiratsbörsen im Internet, wo sie ihresgleichen finden. Nur noch in abgelegenen ländlichen Regionen Indiens finden Zwangsehen und Kinderehen statt, erzählt Monica. Bei der städtischen Mittel- und Oberschicht sucht die Familie zwar nach geeigneten Kandidaten. Die jungen Menschen dürfen sich aber beschnuppern und dann ja oder nein sagen.

AUDIO: „Er kam mit seiner Mutter.“ Monica über ein familienarrangiertes Blind-Date mit einem Buchhalter.

Praxis macht den Meister
Monica hat bisher immer nein gesagt. So lange, bis ihre Familie aufgegeben hat. Dort, wo ein Großteil der Ehen arrangiert ist, besteht eigentlich keine Notwendigkeit zu flirten. Daher fehlt es vielen an Praxis, glaubt Monica. Ihre bisherigen Flirtversuche mit indischen Männern waren eher ein Desaster: „Wenn ich mich recht erinnere, wurde ich nicht mal zu einem Getränk eingeladen, sondern sie kommen zu dir und fragen: Bist du verheiratet? Wenn nein, würdest du gerne heiraten?“

Ihre frühen Teenagerjahre hat sie in Kuwait verbracht. In dieser streng islamischen Gesellschaft herrscht eine strikte Trennung der Geschlechter. Monica kann sich nicht erinnern, dort je irgendjemanden flirten gesehen zu haben. Sie bezweifelt sogar, dass es das Konzept des „Flirtens“ in dieser streng konservativen Gesellschaft überhaupt gibt.

Monica lebt jetzt seit 15 Jahren in Wien. Den Traumann hat sie noch immer nicht gefunden. Langsam beginnt sie darüber nachzudenken, ob das mit der arrangierten Ehe nicht doch eine Option wäre.

* Name geändert

download

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: