Hip Hop (4) Wien: Geschichten vom prekären Leben

9 06 2011

SENDUNG: Radiokolleg „Hip Hop und Empowerment. Sprechgesang, Spraydosen und Sozialrebellen (4)“, Donnerstag, 9. Juni 2011, 9:45 Uhr, Ö1

„Für mich war die Kombination aus Beats und vielen vielen Wörtern, die man da dazwischenknallen kann von Anfang an sehr verführerisch“, sagt die österreichische Hip Hopperin Mieze Medusa. Und auch Sozialarbeiter haben längst die Macht des Sprechgesangs entdeckt: in Brasilien, im Westjordanland und ebenso in Wien Favoriten. Im Vereinslokal von Back on stage 10, der mobilen Jugendarbeit im zehnten Wiener Gemeindebezirk haben jugendliche Rapper und Rapperinnen die Möglichkeit, ihre selbst geschriebenen Lieder aufzunehmen.

Mikrophon statt Drogen?

„Musik ist das, wo man Jugendliche dort abholt, wo sie stehen. In ihren Lebensbedingungen, in ihrem Umfeld“, erklärt Streetworker Andi Glaser, „das heißt, bevor sie in irgendwelchen düsteren Wohnungen abtauchen, wo sie mit irgendwelchen Substanzen in Kontakt kommen, können sie bei mir relativ unkompliziert Aufnahmezeit haben.“ Reccorner nennt sich das Projekt.

Jeder Jugendliche kann irgendetwas, auch wenn den jungen Menschen oft das Gegenteil vermittelt wird, sagt Andi Glaser. Und sie alle hätten etwas zu sagen. Wenn sie ihre eigenen Songs aufnehmen können und den Freunden vorspielen, ist das gut für ihr Selbstbewusstsein. Andi Glaser selbst war zunächst DJ und ist über die Musik zur Sozialarbeit gekommen. Als Streetworker trifft er die Jugendlichen dort, wo sie sich eben aufhalten: im Wettbüro, auf der Straße, im Park.

AUDIO: „Sie haben alle was zu sagen.“ Andi Glaser über jugendliche Kreativität.

Gangstergeschichten aus Favoriten
„Der Andi und seine Kollegen sind von Park zu Park gezogen und da haben wir zufällig geplaudert“, erzählt Jung-Rapper Akin, Künstlername: Akeen, „die von Back on Stage 10 helfen Jugendlichen, Arbeit zu finden, aber man kann dort auch Musik machen und sich kreativ austoben. Da haben wir uns gedacht, wir kommen mal daher. Und dann sind wir öfter gekommen.“ Er hat vor kurzem seine Lehre im Einzelhandel abgebrochen und ist jetzt arbeitslos. Ärger mit dem Chef hatte es gegeben, wegen nicht-bezahlter Arbeitsstunden. Akeen rappt auf Deutsch und trifft sich manchmal mit Freunden zum Üben. Da rappen sie freestyle-mäßig, erzählt er. Im Tonstudio war er auch schon oft, allerdings in letzter Zeit nicht so oft, denn sein Produzent sitzt gerade im Gefängnis. Warum weiß Akeen nicht so genau, jeder erzählt eine andere Geschichte.

AUDIO: Gangster-Rapper Akeen über emotionale Texte, die halt hin und wieder auch passieren. 

Grundsätzlich dürfen die Jugendlichen hier rappen, was sie wollen, erklärt Andi Glaser. Aber er sieht seine Aufgabe als Sozialarbeiter auch darin, Denkanstöße zu geben. Kreative Betätigung kann helfen, sich mit dem eigenen Leben und dem eigenen sozialen Umfeld auseinander zu setzen. Und das sei wertvoller, als irgendwelche Klischeebilder der Musikindustrie zu kopieren. Es komme schon des öfteren vor, dass 12-13-jährige Burschen oder Mädels total arge Texte schreiben, „wo halt weiß Gott wie viele Mädels vergenusszwergelt werden, zahlreiche Leute erschossen und alles mögliche vercheckt“, erzählt Glaser.

Wenn das Ganze aufgenommen ist, spricht er mit den Jugendlichen darüber und hinterfragt mit ihnen, was sie so aussagen wollen. „Und dann fängt bei den meisten der Prozess des Nachdenkens ein – was habe ich da geschaffen?“, so Glaser. Und dann passiere es oft, dass die folgenden Arrangements ganz anders ausschauen.

Bist Mann oder Frau, Oida?
Natürlich müssten Rap-Texte ein wenig machomäßig sein, sagt der 21-jährige Kamil alias Skindevil: „Das musst du machen, sonst werden dich die anderen diskriminieren. Sie sagen: Bist du Mann oder Frau? Das ist einfach peinlich im Hip Hop.“ Skindevil stammt aus Ungarn und lebt seit elf Jahren in Österreich. Im echten Leben ist er aber gar kein Macho, versichert er. Da arbeitet er als Feinkostverkäufer und beim Interview hat er seine Frau und seine ein-jährige Tochter dabei. In seinen Texten geht es aber auch um Armut in Ungarn, erzählt er: „Weil ich hab in Bezirken gewohnt, die schon relativ heftig waren. So etwas will ich für meine Tochter nicht.“

AUDIO: Skindevil über Macho-Posen im Hip Hop

Früher in der Schule war er aber nicht so nett, sagt Skindevil. Da hat er sich öfters mit Mitschülern geprügelt. So wie der 16-jährige Malerlehrling Cem, MC-Name: O-Cem. Auch er war früher oft in Schlägereien verwickelt, erzählt er: „Das war cool damals, ein Schlägertyp zu sein.“ Meistens ging es dabei um „Weiber“, aber manchmal auch um „Gang-Sachen“. Inzwischen hat er sich geändert, versichert Cem. Überhaupt findet er, dass die heutige Jugend sich oft nicht so korrekt benimmt. Sich ständig „fetzen“ und dann vielleicht auch noch „kiffen“, das findet er blöd. Cem ist in Wien geboren und aufgewachsen, trotzdem rappt er lieber auf Türkisch.

Zum Hip Hop ist Cem wegen seiner Freundin gekommen. „Ich wollte ihr einmal einen Text schreiben. Das hat sich gut gereimt, dann hab ich herumprobiert, einen Beat gefunden, das Ganze aufgenommen und spontan ins Internet gestellt.“ Der Freundin gefiel das Ganze zwar grundsätzlich gut, aber sei hatte auch Zweifel, erzählt Cem: „Sie hat gefragt: Warum ist mein Name nicht dabei? Das Lied war für sie, aber sie glaubt nicht recht, dass ich es wirklich für sie geschrieben habe.“

AUDIO: Cem übers Fetzen und Kiffen.

„Wir sind so wie ihr, aber nur auf dem Papier“
Viele der Jugendlichen erzählen Geschichen aus ihrem alltäglichen Leben, sagt Streetworker Andi Glaser: „Alltagsrassismus zum Beispiel. Sie merken, dass sie es aufgrund ihres Aussehens und ihres Namens schwerer haben, am Arbeitsmarkt unterzukommen. Sie haben es auch schwieriger beim Einkaufen, in der Straßenbahn. Es geht hier um ihre gefühlte Schwierigkeit.“ Nicht alle Kids, mit denen die Streetworker von Back on Stage 10 arbeiten, haben einen sogenannten Migrationshintergrund, sagt Andi Glaser. Da seien auch alteingesessene Österreicher dabei, brave Schüler ebenso wie Schulabbrecher und auch Kids mit Drogenproblemen oder Vorstrafen.

Gangsta-Rap mit Kopftuch?
Großteils sind es Burschen, die bei Andi Glaser ihre Hip Hop Songs aufnehmen. Aber ein paar Mädchen sind auch darunter. Zum Beispiel Meliiqe. Sie ist als 6-jährige aus Anatolien nach Wien gekommen. Heute ist sie 16 und geht in die AHS. Früher haben die Jungs in der Schule sie manchmal blöd angeredet: ich glaub, ohne Kopftuch wärst du hübscher – und solche Sachen. Aber das war ihr egal. Nach der Matura möchte sie Medizin studieren. Meliiqe singt über Liebe und Trennung. Aber eigentlich mag sie auch ganz gerne bösen Gangsta-Rap: „Dieses underground-mäßige mit vielen Beschimpfungen und so – das wollte ich früher auch machen. Aber dann hab ich mir gedacht, es ist komisch für ein Mädchen mit Kopftuch, Beschimpfungen zu rappen. Das ist nicht so gut angesehen, darum mach ich halt Liebes-Rap.“

Und das tut sie in Zusammenarbeit mit Freunden und Freundinnen in der Türkei. Das Internet machts möglich: Sie schicken sich gegenseitig halbfertige Lieder und jede singt ihren Part ein. „Und dann haben wir ein Lied, so als wären wir gemeinsam im Studio gestanden“, sagt Meliiqe. Nur ihre Familie darf das nicht so genau wissen. Übertrieben streng sind ihre Eltern zwar eh nicht, betont sie, aber sie machen sich halt Sorgen: erstens, dass sie von der Schule abgelenkt wird und zweitens wegen des Geredes der Leute: „Ihre Tochter geht zuviel spazieren, sie geht zuviel raus. Oh nein, sie hat die Schule nicht geschafft. Meine Eltern haben halt Angst, dass die Verwandten und die Nachbarn über mich reden.“

AUDIO: Meliiqe über die Probleme beim Kontakt mit Burschen.

Schreibworkshops für Mädchen
Sich hinzustellen und etwas zu tun sei immer mehr Empowerment, als sich nicht hinzustellen und nichts zu machen, sagt die österreichische Hip Hopperin Doris Mitterbacher alias Mieze Medusa: „Wenn man dann aber gleichzeitig nur kopiert, was man irgendwo gesehen hat oder als Klischeevorstellung irgendwo hernimmt, dann sind das nur Denkbausteine, die irgendwie zusammengebaut werden.“

Auch sie arbeitet manchmal mit Jugendlichen. Sie gibt Hip Hop Workshops für Mädchen, wo es darum geht, eigene Texte zu schreiben und diese dann in Rap, also Sprechgesang, umzusetzen. Die Rapperin, Buchautorin und Veranstalterin von Poetry Slams macht Hip Hop gemeinsam mit Philipp Diesenreiter, alias DJ Tenderboy. Er ist für den musikalischen Teil, also: die Beats zuständig. Tenderboy kommt ursprünglich aus der Heavy Metal-Szene, aber hat irgendwann in den 1990ern seine Liebe zum Hip Hop entdeckt: „Ich bin dann dabei geblieben, weil es eine coole Ausdrucksform ist, die man ohne viel Aufwand machen kann. Denn da muss man keine vier Leute koordinieren, die sich ein einem Proberaum treffen, sondern wo man daheim arbeiten kann. Vor sich hinfreakeln und sich im Sound verlieren.“

Der Sound der Generation Praktikum
Hip Hop ist gut, wenn er authentisch ist, meint Mieze Medusa. In ihren Texten geht es um Dinge, die sie bewegen: das Scheitern, Frau-sein in der Gesellschaft, Politik. Und: Was sie als Vertreterin der sogenannten Generation Praktikum, sowie als freischaffende Künstlerin besonders beschäftigt: prekäre Arbeitsbedingungen. „Wir sitzen ja alle einem Irrtum auf, wenn wir glauben, dass die eigene Tüchtigkiet uns etwas erschaffen kann.“ Sie selbst ist eine große Anhängerin des altmodischen Wortes „Fleiß“ und auch davon, sich anzustrengen. „Aber man muss immer mitdenken: Wer will mich da gerade nicht gewinnen lassen?“ Bei diesem Ausgangspunkt fängt für sie der Feminismus an, aber auch die Gewerkschaftsbewegung – die sich im übrigen dringend mal neu erfinden sollte, sagt Mieze Medusa.

AUDIO: Mieze Medusa über prekäre Arbeit

Tanzbare Lyrik für den Club?
Als Frau, Feministin und Intellektuelle mit Universitätsabschluss fühlt sie sich in der männer- bzw. macho-dominierten Hip Hop-Szene schon manchmal wie ein Fremdkörper, sagt Mieze Medusa. Kommerzielle Pseudo-Gangster-Rapper sind für sie so etwas wie Comic-Helden, künstliche Phantasiefiguren. Doch gerade diese platte Gangster-Attitüde hat das Image der ganzen Hip Hop-Szene geprägt. Viele Konzertveranstalter mit anspruchsvollerem Publikum würden sofort abwinken, wenn man ihnen mit Hip Hop kommt, sagt Tenderboy: „Mir ist es manchmal ein wenig peinlich, wenn ich sage, ich mache Hip Hop. Denn ich weiß genau, das Gegenüber denkt dann: ach, schon wieder einer, der fick-deine-Mutter-Texte hat. Daher versuch ich das Wort zu vermeiden.“

Auf ihrer Homepage schreiben Mieze Medusa und Tenderboy, sie machen elektronische Musik links der Mitte. Oder: Lyrik für den Club. Reiner Schmäh für die Konzertveranstalter? Bei Hip Hop gingen halt manchmal die Ohren zu. Wenn man sagt, man macht elektronische Musik mit Spoken Words-Performance, ist das etwas ganz anderes. „Aber das ist gelogen. Wir machen Hip Hop“, sagt Mieze Medusa.

AUDIO: Mieze Medusa über Gangsta-Rapper und Comicfiguren

MEHR ZUM THEMA HIP HOP:

Teil (1) Wie alles begann…

Teil (2) Brasilien: Frauenrechte, Black Power und Antikapitalismus

Teil (3) Palästina: Mit Worten schleudern, statt mit Steinen

Ö1 Leporello: Mieze Medusa will etwas mitgeben

Ö1 Leporello: Bronx im Beserlpark

d

Advertisements

Aktionen

Information

One response

18 01 2012
Tonstudio Köln

Es war eine tolle Sendung. Macht weiter so. Grüße aus unserem Tonstudio Köln

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: