Hip Hop (3) Palästina: Worte schleudern statt Steine

8 06 2011

SENDUNG: Radiokolleg “Hip Hop und Empowerment. Sprechgesang, Spraydosen und Sozialrebellen” (Teil 3), Mittwoch, 8. Juni 2011, 9:45 Uhr, Ö1

„Hip Hop ist der Stein in meiner Hand“ – Sprechgesang als Steinschleuder, das ist eine Metapher, die man immer wieder im Zusammenhang mit palästinensischem Hip Hop zu hören bekommt. Relativ spät, nämlich so gegen Ende der 1990er hat sich die Hip Hop-Kultur auch unter palästinensischen Jugendlichen verbreitet. Und der palästinensische Rap ist bis heute sehr politisch. Hauptthema: die israelische Besatzung.

Hip Hop als Steinschleuder

Ein brütendheißer Sommertag in Ostjerusalem – jenem Teil der Stadt, der mehrheitlich von Arabern bewohnt wird und um den bei Nahost-Verhandlungen heftigst gestritten wird. Die Palästinenser würden diesen Teil gerne zur Hauptstadt eines künftigen Palästinenserstaates machen, Israel will die Stadt nicht teilen. Nach einer kleinen Odyssee in einem klapprigen Autobus und leichten Verständigungsproblemen mit dem arabischen Fahrer, finden wir endlich das Lokal, wo wir verabredet sind. Die drei Rapper von DAM sitzen im Gastgarten des Lokals und rauchen eine traditionelle Wasserpfeife (Shisha).

„Meine Waffe heißt Hip Hop“, sagt Bandleader Tamer Nafar„aber ich kann ja auch ins Tonstudio gehen und meine Lieder aufnehmen. Andere können das nicht, weil es da eine Grenze gibt und Soldaten, die auf sie schießen. Also werfen sie eben Steine.“

Seit 50 Jahren leben wir als Gefangene hinter den Gitterstäben von Paragraphen
Mit Friedensabkommen, die nichts verändern…
Ihr könnt unsere Hoffnung nicht mit einer Mauer begrenzen
Auch wenn dieses Hindernis zwischen mir und meinem Land steht, werde ich immer mit Palästina verbunden sein, wie ein Embryo mit der Nabelschnur.
(aus: DAM, Mali Huriye – I don’t have freedom)

Probleme, die viele Araber betreffen
Die Gruppe DAM ist eine der ersten und zweifelsfrei die bekannteste palästinensische Hip Hop-Formation. DAM bedeutet soviel wie „da arabian MCs“, also: die arabischen Rapper. Sie sind die Idole vieler palästinensisch-stämmiger Jugendlicher – in Israel, in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern. „Wir sind die Pioniere des palästinensischen Hip Hop“, sagt Suhell Nafar, der Bruder von Tamer, „jeder hier weiß, wer DAM ist. Denn wir singen über Dinge, die die Menschen berühren. Wir sprechen Probleme an, die viele Araber betreffen. Darum empfinden sie etwas bei unserer Musik.

Die drei Mitglieder von DAM stammen selbst nicht aus den von Israel besetzten Palästinenser-Gebieten, sondern aus Lod, einer Kleinstadt in der Nähe von Jerusalem. Das heißt, sie sind zwar Palästinenser, haben aber israelische Pässe. Das hat es ihnen ermöglicht, mit israelischen Musikproduzenten zusammenarbeiten, Auslandstourneen zu machen und internationale Bekanntheit zu erlangen. Die Kollegen in den besetzten Gebieten, wie „Ramallah Underground“ aus dem Westjordanland oder „Palestinian Rappers“ aus dem Gaza-Streifen, hatten es diesbezüglich schwerer.

AUDIO: “The occupation is still physical”. Tamer Nafar über das Politische im palästinensischen Hip Hop.


Solidarität mit Afro-Amerikanern
Palästinensische Jugendliche entdeckten den Hip Hop erst relativ spät für sich, nämlich gegen Ende der 1990er. Damals waren die drei Rapper von DAM noch Teenager. Sie sahen US-amerikanische Videoclips im Fernsehen. Und so kam es, dass ausgerechnet eine amerikanische Jugendkultur von den sonst so USA-feindlichen Palästinensern übernommen wurde. So unlogisch ist das gar nicht, sagt Suhell Nafar: „Mich haben diese amerikanischen Videoclips sehr berührt, vor allem die harten Songs wie von 2Pac. Denn da haben wir diese Stadtviertel gesehen und die Probleme, die die schwarze Minderheit in den USA im alltäglichen Leben erleiden muss. Und wir haben eine tiefe Verbundenheit zwischen den Kulturen gespürt. Nicht nur musikalisch – auch politisch. Und so wie wir etwas über ihren Kampf lernten, wollten wir, dass sie etwas über unseren Kampf erfahren. Hip Hop ist unser gemeinsames Werkzeug. Aber wir haben dabei begonnen, unseren eigenen Weg zu finden, nicht nur zu kopieren.“

Er hat schon als Kind Hip Hop gehört, erzählt Mahmoud Jreri. Damals hatte er aber keine Ahnung, dass sich diese Musik Hip Hop nannte: „Es hat mir einfach gefallen, dass die Leute da sehr schnell mit vielen Wörtern singen. Ich schrieb damals auch. Aber keine Rap-Texte sondern Gedichte.“

AUDIO: Suhell Nafar über seinen Zugang zum Hip Hop



Poesie der Steine
Sprache, Dichtung und Literatur haben seit jeher einen sehr hohen Stellenwert in der palästinensischen Gesellschaft erklärt Julia Grosinger. Sie hat im Rahmen ihres Politikwissenschaftsstudium im Westjordanland zum Thema Hip Hop geforscht. „Die meisten Jugendlichen, die ich getroffen habe, können ad hoc ein Gedicht rezitieren“. Allerdings seien sie durch die Sprachgewalt der großen Dichter auch ein wenig eingeschüchtert. Diese schreiben noch dazu auf Hocharabisch, das per se als eine Art Kunstsprache gibt. Hip Hop-Texte wiederum wird im Dialekt geschrieben und das kommt den Jugendlichen sehr entgegen: „So können sie ihre Gefühle besser ausdrücken als mit standardisiertem Hocharabisch.“

„Poesie der Steine“ nannte man die Widerstandsliteratur während der Ersten Intifada, erklärt Julia Grosinger, dem Volksaufstand der Palästinenser in den späten 1980ern. Das Bild des steinewerfenden Palästinenserbuben prägte seit damals die westlichen Medienbilder. Jugendliche hätten in den Interviews fast immer vom Stein in ihrer Hand gesprochen, erzählt Julia Grosinger. Sie hat mit Jugendlichen Rappern in der Stadt Bethlehem und im palästinensischen Flüchtlingslager Balata, nahe der Stadt Nablus gesprochen.

Enge, Angst und Stress
Das Lager Balata wurde im Jahr 1950 errichtet, für Palästinenser, die im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen nach der Gründung des Staates Israel vertrieben worden waren. Heute leben dort 30.000 Menschen. Auf einem Viertel Quadratkilometer. „Um Balata mit wenigen Worten zu beschreiben: Es ist Enge, Platzmangel, Angst und Stress“, sagt Julia Grosinger. Durch manche Straßen kommt man überhaupt nur durch, wenn man den Bauch einzieht und seitlich geht. Man kann überall in die Fenster der Menschen hineinsehen, teilweise wohnen 10-15 Menschen auf einem Platz von 25 m2. Außerdem gilt Balata als Ort des Widerstandes. Dort gab es die vermutlich blutigsten Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und den Bewohnern. Hausdurchsuchungen durch Soldaten stehen an der Tagesordnung.

Etwa drei Viertel der Menschen im Flüchtlingslager sind arbeitslos, Internet und Fernseher sind kaum verbreitet. Hip Hop wurde hier vor allem von Sozialarbeitern hereingetragen, erzählt Julia Grosinger. Die wollten den Jugendlichen mit Hilfe von Kultur ein Ventil geben, ihren Frust gewaltfrei abzubauen.

Rap gegen die Abrissbirne
Doch auch im Kerngebiet Israels wird mit Hilfe von Musik und Sprechgesang Friedensarbeit betrieben, erzählt der österreichische Hip Hop-DJ Alexander Hertel, alias Phekt. Gemeinsam mit der deutschen Rapperin Fiva MC nahm er selbst vergangenes Jahr an einem solchen Projekt teil. Acht Tage lang musizierten deutsche, israelisch- jüdische und palästinensische Jugendliche miteinander. „Gerade für die Jungs aus Palästina war Rap ganz wichtig“, sagt er.

Phekt verfolgt die Arbeit der jungen Palästinenser-Rapper nach wie vor via Facebook. In ihren Texten erzählen sie aus ihrem Alltag: „Die singen zum Beispiel: Bei unserem Nachbarn wurde gestern das Haus niedergerissen, obwohl seine Tochter noch drinnen geschlafen hat.“ In den Palästinensergebieten ist es verboten, Häuser auszubauen. Wenn sich jemand nicht daran hält, dann kommen die Bagger und reißen alles nieder. Das Israeli Committee Against House Demolitions protestiert immer wieder gegen diese Praxis. „Gerade für solche Geschichten ist Rap die optimale Sprache“, sagt Alexander Hertel.

Schlangestehen am Checkpoint Kalandia

Mauern und Checkpoints
In den meisten Ländern funktioniert Hip Hop-Kultur als eine Art Abgrenzung gegenüber anderen – privilegierteren – Schichten der eigenen Gesellschaft, erklärt Politikwissenschafterin Julia Grosinger. Auch räumliche Abgrenzung spielt eine große Rolle: fast immer ist vom „Ghetto“ die Rede. Der palästinensische Hip Hop wiederum richtet sich gegen einen äußeren Feind: die Besatzungsmacht Israel. Und die besetzten Gebiete werden als ein großes Ghetto betrachtet.

Seit dem Jahr 2003 baut Israel ja auch eine Mauer rund um das Westjordanland. Ein Thema, das die jungen Rapper vor allem in Bethlehem sehr beschäftigt hat, erzählt Julia Grosinger: „Sie haben sich in ihren Texten immer wieder auf die Mauer bezogen. In Balata wiederum gibt es keine Mauer. Dort sind es die Checkpoints, die überall präsent sind im öffentlichen Raum. Ein Jugendlicher aus Balata, der in der wenige Kilometer entfernten Nablus in die Schule geht, muss an die fünf Checkpoints überqueren.“

Checkpoints sind Kontrollposten der israelischen Armee. Ein paar hundert davon sind quer übers Westjordanland verteilt – vor allem in der Näher israelischer Siedlungen. Für die Bewohner des Westjordanlandes bedeutet das: permanent Schlange stehen und Schikanen durch Soldaten ausgesetzt sein.

AUDIO: “Gefängnisaufenthalt dienen der revolutionären Weiterbildung”. Julia Grosinger über das Gefängnis als Initiationsritus.



Who’s the terrorist?
Die Rapper von DAM sahen sich nicht von Anfang an als politische Band, erzählt Mahmoud Jreri: „Am Anfang hatten wir gar nicht vor, gegen die Mächtigen zu kämpfen, unsere Botschaft war nicht: zur Hölle mit der Besatzung. Wir haben einfach über unser Lebensumfeld geschrieben. Durch die Musik haben wir viel über unsere Kultur gelernt und auch über die Widerstandsbewegung. Und irgendwann haben wir realisiert, dass wir jetzt auch eine gewisse Verantwortung haben.“

Im jahr 2000 bricht die zweite Intifada aus – der gewaltsame Palästinenser-Aufstand gegen die Besatzung. Selbstmordattentäter verüben Anschläge in israelischen Städten. Die Armee schlägt hart zurück und tötet dabei auch viele palästinensische Zivilisten. In ihrem umstrittenen Song „Min Irhabi“ fragten DAM damals: „Wer ist hier eigentlich der Terrorist?“. Und wurden damit zu Stars in der arabischen Welt.

Freedom for my Sisters
Heute kritisieren sie nicht nur die Besatzung, sondern auch Unterdrückung und Ungerechtigkeit innerhalb ihrer eigenen Gesellschaft, sagt Tamer Nafar, Bandleader von DAM: „Wir sind nicht gegen die israelische Besatzung, weil das Juden sind. Wir sind keine Antisemiten. Wir bekämpfen die Besatzung, weil sie falsch ist. Wir stehen gegen alles auf, das wir falsch finden, egal ob von Juden, Christen oder Arabern. In unserer Gesellschaft werden zum Beispiel die Frauen schlecht behandelt, und wir halten es für richtig, auch das anszusprechen.“

Diese Worte sind für all unsere Mütter und Schwestern,
die verloren sind in unseren Bräuchen – primitiven und dummen Bräuchen…
Was mir verboten ist, ist auch ihr verboten,
was mir erlaubt ist, ist ihr verboten
was ist ihr überhaupt erlaubt?
Das wort „erlaubt“ existiert gar nicht in ihrem Wörterbuch
(aus: DAM, Al Huriye Unt’a – Freedom for my Sisters)

MEHR ZUM THEMA HIP HOP:

Teil (1) Wie alles begann…

Teil (2) Brasilien: Frauenrechte, Black Power und Antikapitalismus

Teil (4) Wien: Geschichten vom prekären Leben

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