Hip Hop (2) Brasilien: Frauenrechte, Black Power und Antikapitalismus

7 06 2011

SENDUNG: Radiokolleg „Hip Hop und Empowerment. Sprechgesang, Spraydosen und Sozialrebellen“ (Teil 2), Dienstag, 7. Juni 2011, 9:45 Uhr, Ö1

„Hip Hop ist nicht das, was uns die USA verkaufen wollen: ein Musikstil. Hip Hop ist eine Bewegung, eine Form des Kampfes. Rap und DJeing ist unsere Musik, Graffiti unsere bildende Kunst und Breakdance der körperliche Ausdruck. Und dann gibt es noch ein fünftes Element: die soziale Ebene.“ (Duendy Primeiro)

Rap über Gesundheit und Sexualität

„Es ist einfach, mich zu verurteilen, mit dem Finger auf mich zu zeigen. Doch, nur ich kenne den Schmerz in mir. Meine Schuld, meine Todsünde. Horrorszenen in Echtzeit, dort im Krankenhaus. Die Ärzte, die Schwestern, alle verachteten mich. Doch ich wollte nur, dass die Zeit vergeht, mich niemand bestraft und niemand mehr Kommentar abgibt“

… rappt die junge Hip Hopperin Rúbia aus Rio de Janeiro. Tatsächlich seien die heimlichen und schlecht gemachten Abtreibungen in Brasilien die vierthöchste Todesursache bei Schwangeren, sagt Denise Viola von der brasilianischen Frauenorganisation CEMINA: „Jedes Jahr landan an die 250.000 Frauen im Krankenhaus, weil bei einer illegalen Abtreibung etwas schief gegangen ist. Doch viele hier in Brasilien wollen dieses Thema unter den Tisch kehren. Der Einfluss der Kirchen ist ja sehr stark. Und die üben Druck auf die Politik aus. Das heißt, eine Sache, wo es eigentlich um Menschenrechte und öffentliche Gesundheit geht, wird hier fast nur auf religiöser Ebene diskutiert.“

Hip Hop und Sozialarbeit
Abtreibung ist im katholischen Brasilien streng verboten. Einzige Ausnahmen: Vergewaltigung oder schwere gesundheitliche Indikationen. Frauengruppen fordern seit vielen Jahren eine Legalisierung. Gerade in den Armenvierteln, den sogenannten Favelas ist die Rate an Teenagerschwangerschaften hoch. Sozialarbeiterinnen von CEMINA haben vor ein paar Jahren mehrere Hip Hop-Workshops für junge Frauen aus den Favelas organisiert.

Zunächst wurde über diverse Probleme rund um Liebe und Sexualität gesprochen. Gemeinsam wurden dann Rap-Texte erarbeitet und im Tonstudio aufgenommen: „Es ist oft schwierig, mit Jugendlichen über Homosexualität, Teenagerschwangerschaften oder Abtreibung zu sprechen. Aber wenn du ihre Sprache verwendest und ihre Musik, dann öffnen sich ganz neue Wege des Dialogs“, erklärt Denise Viola.

Gewalt in der Favela
„Ich werde nicht mehr still sein. Ich habe ihn angezeigt “ heißt es in einem anderen Song, der im Rahmen eines solchen Workshops entstanden ist. Denn gerade Gewalt gegen Frauen ist eines der Hauptprobleme in den brasilianischen Armenvierteln, erzählt Denise Viola. In Brasilien gibt es Sprichwörter, die quasi die Gewalt gegen Frauen bzw. das Wegschauen legitimieren, kritisiert sie. „Steck deinen Löffel nicht in den Streit zwischen Mann und Frau“, heißt es zum Beispiel. „Aber das ist falsch“, ärgert sich Denise Viola, „solche Streits kosten Jahr für Jahr viele Frauen das Leben. Daher muss man sich einmischen und die Polizei einrufen!“ Und das wollten sie auch den jungen Frauen in der Favela klar machen. Eine Sammlung von Lieder entstand unter dem Motto „Hip Hop gegen Gewalt“.


Die Musik der Schwarzenbewegung
Der Hip Hip ist in den 1970ern in der New Yorker Bronx entstanden – einem Schwarzenghetto mit hoher Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt. Früher Rapper, wie Grandmaster Flash und Afrika Bambaata kritisierten die soziale Misere in den Ghettos. Wettbewerbe für Sprechgesang und Tanzakrobatik sollten eine Alternative zu den blutigen Bandenkriegen darstellen. Im Laufe der Jahre wird Hip Hop kommerziell erfolgreich. Ein neuer Stil setzt sich durch: der Gangsta-Rap. Goldkettenbehangene Machos mit protzigen Autos und leichbekleideten Damen verherrlichen in ihren Texten Gewalt, Drogen und Sexismus.

Mitte der 1990er erreicht der Hip Hop die Armenvierteln Brasiliens, die sogenannten Favelas. Auch hier gibt es Drogenbanden und Gewalt, auch hier ist die Mehrheit der Bewohner dunkelhäutig. Viele Kids der Favela konnten sich mit dieser neuen „black music“ gut identifizieren, erzählt Hip Hopper Duendy Primeiro. Er stammt aus Itinga, einem Vorort der Drei-Millionen-Stadt Salvador da Bahia an der Nordostküste Brasiliens und er ist über die politische Schwarzenbewegung zum Hip Hop gekommen.

Duendy Primeiro

Crack – die Droge der Armen
Von kommerziellem Gangsta-Rap hält Duendy Primeiro überhaupt nichts: „Dieser amerikanische Traum von Autos und Reichtum… das ist furchtbar. Hier interessiert das nur eine Minderheit der Hip Hopper. Den meisten geht es um die soziale Frage. Wir wollen Informationen in die Favela bringen. Und die Leute von den Drogen fernhalten. Denn ich glaube die schlimmste Krankheit, an der Brasilien derzeit leidet ist das Crack. Weil es eine billige Droge ist. Ja, um solche Sachen gehts im Hip Hop hier in Bahia.“

Ich bin Makulele, Capoeira de Angola, Rastazöpfe und Widerstand. Ich bin die revolutionäre Bewegung von Steve Biko und all der schwarzen Kämpfer. Ich kämpfe für soziale Gleichheit, gerechte Verteilung des Reichtums. Ich bin der Dieb, der aus Not heraus stiehlt. Von der Gesellschaft werde ich zum Mörder und Entführer erzogen, ich bin das Opfer der korrupten Polizisten. Ich studiere auf der Fakultät des Verbrechens, die sie Gefängnis nennen, ich bin die Verzweiflung, der Hunger, die Armut, das Ergebnis der Unterdrückung durch die Europäer. („Quem somos“, Furia Consciente)

Das, was 1888 in Brasilien geschah, sei eine falsche Sklavenbefreiung gewesen, sagt Duendy: „Denn was fehlte, war eine Landreform. Prinzessin Isabel unterzeichnete dieses Papier und sagte: ihr seid frei. Doch, was sollten die Menschen tun? Ohne Geld, ohne Land… Was ist das für eine Freiheit? Einige kehrten zu ihren ehemaligen Besitzern zurück und arbeiteten für Kost und Logie. Andere gingen betteln. Und viele besetzten irgendwo Land und bauten ihre Hütten dorthin. Und so entstanden die Favelas. Unser Hip Hop spricht auch von diesen Dingen.“

Geschichtslektion durch Sprechgesang
Duendy Primeiro war mit seiner Band Furia consciente („Bewusste Wut“) einer der ersten Hip Hopper im Großraum Salvador. Mit einigen Freunden aus der Szene hat er Mitte der 1990er die Organisation „Posse de conscientizacao e expressao“ (Gemeinschaft für Bewusstseinsbildung und Ausdruck) gegründet. Dort organisieren sie unter anderem Workshops für Jugendliche.

Über den Sprechgesang sollen die jungen Afrobrasilianer etwas über ihre Geschichte lernen, sagt Duendy: „Zuerst reden wir ein wenig über den Panafrikanismus, wie wir versklavt wurden von den Europäern, den Sklavenaufstand von Zumbí, dass Prinzessin Isabel uns gar nicht befreit hat. Dann sprechen wir auch über die Geschichte des Hip Hop. Und dann beginnen sie, selbst ihre eigenen Texte zu reimen. Es geht vor allem darum, bei den Jugendlichen Neugierde zu wecken. Auch für aktuelle Themen: Politik, Gesellschaft, ihre Rechte, die Polizeigewalt, die sozialen Probleme.“

Zunächst waren es fast nur männliche Jugendliche in der Hip Hop-Bewegung. Doch mittlerweile gebe es bereits viele Rapperinnen: „Die Frauen haben sich ihren Platz erobert. Sie interessieren sich auch sehr für die sozialen Themen. Und sie haben längst bewiesen, dass auch sie sehr gut reimen und tanzen können und gute DJanes sind.“

Galo de Souza

Viva Zapata! Viva Zumbí!
Etwa 800 Kilometer weiter nördlich, in der Hafenstadt Recife, der Hauptstadt von Pernambuco, lebt der Hip hop Musiker und Graffiti-Künstler Galo de Souza. Er ist ist Mitbegründer eines Netzwerkes von politisch motivierten Hip HopperInnen, dem Rede de Resistencia Solidaria (Netzwerk des solidarischen Widerstandes). Er selbst ist in einer Favela von Recife geboren und aufgewachsen. Schon mit 12 war er ein stadtbekannter Graffiti-Sprayer, erzählt er.

Zum Hip Hop ist er über die Manguebeat-Bewegung gekommen, ein lokaler Musikstil, der in den 1990ern in Recife entstanden ist und lokale afrobrasilianische Rhythmen mit Rock, Funk und Sprechgesang vermischt hat: „Pernambuco erlebte eine musikalische Revolution mit der Manguebeat Bewegung. Ihr Begründer – Chico Science – war ein revolutionärer Musiker. Seine Ideen haben mich sehr beeinflusst. Niemals zuvor hatte ich jemanden singen gehört: Es lebe Zapata! Es lebe Zumbi! Es lebe Sandino! Denn in Recife hörte man vor allem Liebeslieder und diesen dümmlichen Sertanejo, der die amerikanische Country-Musik imitiert.“

Raubmord für ein Paar Markenschuhe?
1997 stirbt Chico Science bei einem Verkehrsunfall. Mit ihm sei auch das Revolutionäre in der Manguebeat-Bewegung gestorben, sagt Galo de Souza. Die heutigen Manguebeat-Gruppen leben längst in Sao Paulo und hätten den Kontakt zur Favela verloren. Beim Hip Hop sei das anders. Er selbst sei nie daran interessiert gewesen, Popstar zu werden. Ihm gehe es darum, über seine Kunst mit den Menschen in der Favela zu kommunizieren. Exito d‘ Rua (Erfolg der Straße) heißt seine Band.

Die Kids in der Favela wollen alle teure Markenkleidung. Das sei das Problem am Kapitalismus, sagt Galo: „Wir haben hier auch in einem Gefängnis gearbeitet: alle wollen sie teure Kleidung. Und dafür begehen sie dann Überfälle. Und landen im Gefängnis. Oft töten sie sich gegenseitig. Und das alles nur wegen der Markenkleidung.“

Aktiv werden statt anhimmeln
Sprechgesang, Graffiti-Sprühen und Tanzakrobatik als Sozialarbeit: Das Netzwerk des solidarischen Widerstandes in Recife veranstaltet Workshops für Gefängnisinsassen, Schüler und für Kinder in den Favelas. Als Jugendlicher bewegte er sich selbst oft am Rande der Kriminalität, erzählt Galo. Heute besprüht er statt Hauswänden lieber Leinwände – die dann in Ausstellungen hängen.

Und er betreibt sein eigenes kleines Plattenlabel: In Bolada Records, benannt nach einem lokalen Musikstil im Nordosten bei dem zwei Männer Schellentamburims spielen und dazu spontan kurze Strophen dichten. (siehe auch: Repentistas). Brasilien ist reich an Musiktraditionen und Hip Hopper greifen gerne darauf zurück: Marcelo D2 aus Rio vermischt Sprechgesang mit Samba, die Rapper in Bahia, wie Duendy Primeiro, lassen sich von Rhythmen der afrobrasilianischen Religion beeinflussen.

Galo de Souza ging es dabei nie um Erfolg. Er möchte andere Menschen inspirieren: „Absolut jeder kann das machen, was ich mache. Ich glaube nicht an Talent. Ich will auch nicht, dass mich irgendwer bewundert. Ich glaube, darin besteht meine Provokation: ich will Menschen dazu bringen, dass sie selbst handeln anstatt irgendwen anzuhimmeln.“

MEHR ZUM THEMA HIP HOP:

Teil (1) Wie alles begann…

Teil (3) Palästina: Mit Worten schleudern, statt mit Steinen

Teil (4) Wien: Geschichten vom prekären Leben

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MEHR ZU BRASILIANISCHER MUSIK:

„Die Traumata der Sklaverei überwinden“. Interview mit Gilberto Gil.

Bei den Kriegerinnen der Vila Brandao: Celia Mara in Salvador da Bahia.

Samba Reggae: Die Musik der Unterdrückten

Das Jamaika Brasiliens: Reggae in Sao Luis de Maranhao

Repentistas: Sprechgesang aus Pernambuco

Samba Reggae in Salvador da Bahia

Carlinhos Brown: Der Held von Candeal

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