Afrika: Frieden ohne Frauen?

26 05 2011

SENDUNG: Journal Panorama, Donnerstag, 26. Mai 2011,
18:25 Uhr, Ö1

Sie werden Opfer von Massenvergewaltigungen, als Kindersoldatinnen verschleppt, in die Flucht ins Ungewisse getrieben und tun trotzdem alles, was in ihrer Macht steht, um ihre Kinder durchzubringen. Frauen sind meist am stärksten von gewaltsamen Konflikten in Afrika betroffen. Kaum ist der Krieg vorbei, feilschen die Männer der Konfliktparteien um Macht und Ressourcen. Die Bedürfnisse von Frauen und Kindern bleiben da oft auf der Strecke. Mit diesem Thema hat sich Anfang Mai ein Symposium in Linz auseinandergesetzt, veranstaltet u.a. vom Parlamentarischen Nord-Süd-Dialog und von der Südwind Agentur Oberösterreich.

Keine Zeit zu trauern
„Das Schlimmste für mich war die ständige Angst vor einem grausamen Tod. Man will nur irgendwo ankommen, wo es ruhig ist. Nur das zählt.“ So beschreibt Monique Muhayimana aus Ruanda ihre Flucht vor dem blutigen Bürgerkrieg in ihrem Heimatland im Jahr 1994. Unterwegs verstarb ihr Sohn an einer Krankheit. Zum Weinen oder Trauern hatte sie keine Zeit: „Man muss einfach weiter. Diese Sachen kommen erst später wieder hoch, wenn man an einem ruhigen Ort ist.“ Seit etwa 15 Jahren lebt Monique Muhayimana jetzt in Oberösterreich. An der Universität Linz hat sie Wirtschaftswissenschaften studiert und sie engagiert sich in der Black Community Oberösterreich.

Wenn der Krieg aus ist, beginnen Wiederaufbau und Neuordnung des Landes. Macht und Ressourcen werden neu verteilt. Kriege gelten als Ausnahmezustand, sagt die deutsche Ethnologin Rita Schäfer. Nach dem Krieg soll der „Normalzustand“ wieder hergestellt werden. Doch was dann jeweils als „normal“ zu gelten hat, ist Verhandlungssache. Und zwar eine Verhandlungssache von Eliten: „Und dann heißt es zum Beispiel: Frauen haben noch nie in Entscheidungsgremien im ländlichen Raum gesessen, wieso sollten sie es jetzt tun?“

Die Bibel mit Feuer und Schwert verbreiten
Die Vereinten Nationen haben dieses Problem erkannt und im Jahr 2000 die Resolution 1325 verabschiedet. Diese verlangt unter anderem, dass Frauengruppen in Friedensverhandlungen und Gespräche über den Wiederaufbau eingebunden werden müssen. Weiters soll mit aller Härte gegen sexuelle Gewalt in Konfliktsituationen vorgegangen werden. „Diese Resolution war ein Meilenstein, denn jetzt werden Frauen nicht nur als Opfer gesehen, sondern auch als Teil der Lösung“, sagt Heidemarie Wieczorek-Zeul, ehemalige Ministerin für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland.

Doch Papier ist geduldig. Die Resolution 1325 existiert jetzt seit mehr als zehn Jahren. Trotzdem werden Schätzungen zufolge in der Demokratischen Republik Kongo täglich mehr als tausend Frauen Opfer von sexueller Gewalt, die Soldaten Gaddafis in Libyen demoralisieren ihre Gegner gezielt durch Massenvergewaltigungen und in Tunesien und Ägypten teilen alte Männer die neue Macht unter sich auf. Alles wie gehabt also. Trotzdem habe die UN-Resolution 1325 etwas gebracht, sagt Hellen Achan Amule. Denn sie bietet einen gesetzlichen Rahmen, um Forderungen stellen zu können – sowohl für internationale Geber, als auch für lokale NGOs.

Hellen Achan Amule ist Expertin für Frauenrechte und Friedenssicherung. Sie arbeitet für die ugandische NGO Acord, die beim Wiederaufbau aktiv ist. 20 Jahre lang tobte ja im Norden Ugandas ein blutiger Bürgerkrieg. Rebellenführer Joseph Kony wollte mit seiner Lord‘s Resistance Army – zu Deutsch: Widerstandsarmee des Herren – den ugandischen Präsidenten stürzen und einen christlichen Gottesstaat auf Basis der zehn Gebot errichten. Die Armee des Herrn terrorisierte die Zivilbevölkerung, mordete, plünderte, vergewaltigte. Seit 2008 ist ein Waffenstillstand in Kraft.

Kein Landbesitz für Witwen
Wenn die Männer in den Krieg ziehen, übernehmen Frauen all ihre Aufgaben. Sie sitzen in Entscheidungsgremien, verwalten Ländereien und Viehbestände, verrichten schwere körperliche Arbeiten und treffen Entscheidungen, die sonst dem männlichen Familienoberhaupt zustehen. Wenn Männer aus dem Krieg zurückkommen, dann ist diese „Macht“ der Frauen auch schnell wieder beschnitten, sie werden zurückgedrängt in traditionelle Rollen und die häuslichen Konflikte steigen. Die Männer sind sie oft traumatisiert durch die Gewalt, die sie erlebt haben. Und die Hemmschwelle, selbst Gewalt anzuwenden ist sehr niedrig. Das bekommen ihre Frauen zu spüren, sagt Hellen Achan Amule: „Die Gewehre sind zwar verstummt, aber für die Frauen haben sich neue Fronten aufgetan. Sie müssen sich permanent gegen häusliche und sexuelle Gewalt wehren. Und die ist gerade sehr im Steigen begriffen.“

Wenn Männer nicht aus dem Krieg zurückkommen, kann das für Frauen in den ländlichen Gebieten Ugandas auch schwerwiegende Folgen haben, erklärt Achan Amule. Denn die Tradition in Uganda sieht nicht vor, dass Frauen Land besitzen und so werden Witwen oft samt ihren Kindern von ihrem Land vertrieben.

Die Organisation ACORD hilft Menschen in Norduganda dabei, dass sie wieder Landwirtschaft betreiben und Einkommen erwirtschaften können. Zwei Millionen Menschen sind ja während des Krieges vertrieben worden. Jetzt sind sie aus den Flüchtlingslagern zurückgekehrt in ihre zerstörten Dörfer, auf ihre verbrannte Erde. ACORD führt auch Projekte durch, um die steigende häusliche Gewalt wieder einzudämmen und betreibt intensive Aufklärung zum Thema HIV und AIDS. Denn die Zahl der Infektionen ist während der Kriegsjahre stark angestiegen. Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Massenvergewaltigungen.

Kühe und Ziegen statt Gefängnis?
„Die Körper der Frauen wurden zum Schlachtfeld“, sagt Hellen Achan Amule, „Vergewaltigung wurde als Kriegswaffe eingesetzt, um den Gegner zu demütigen und ihm zu zeigen, dass er keine Kontrolle hat. Schau her, wir können dir ins Gesicht spucken. Sowohl die Rebellen, als auch die Regierungstruppen haben vergewaltigt und Frauen und Mädchen sexuell versklavt.“ Gemäß UNO-Konvention 1325 sollten Vergewaltiger unter gar keinen Umständen straffrei ausgehen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. In Uganda zum Beispiel sei kaum ein Täter belangt worden, weder auf Seiten der Lord Resistance Army, noch bei den Regierungstruppen, sagt Hellen Achan Amule.

In der Praxis ist das auch gar nicht so einfach. Denn es wäre wohl kaum gelungen, Rebellenführer Joseph Kony an den Verhandlungstisch zu locken, ohne ihm gleichzeitig Straffreiheit zu garantieren. Darüber hinaus könne man auch nicht den Großteil aller überlebender Männer im Land in Gefängnisse sperren, sagt die Ruanderin Monique Muhayimana. In vielen afrikanischen Kulturen gibt es traditionelle Formen der Konfliktlösung. Da geht es meist weniger um Bestrafung, als vielmehr um Wiedergutmachung. Der Täter muss seine Schuld eingestehen und um Vergebung bitten. Dann muss er dem Opfer eine Buße zahlen, je nachdem: Ziegen, Kühe oder Bargeld, erklärt Hellen Achen Amule. Danach gilt er als „gereinigt“ und wird wieder in die Gesellschaft aufgenommen.

In Ruanda etwa wurde im Jahr 2002 – also acht Jahre nach dem Völkermord an den Tutsi – ein fast schon vergessenes Ältestengericht zu neuem Leben erweckt: Gacaca, benannt nach einer lokalen Grassorte aus den Bergen Ruandas, denn verhandelt wurde ursprünglich am Boden, im Gras sitzend. Ziel der Gacaca-Gerichte war es, schmerzhafte Konflikte aufzuarbeiten, erklärt Monique Muhayimana: „Es ist sehr schwer neben einem Nachbarn zu wohnen, wenn du weißt, er hat deine Mutter oder deine Schwester getötet.“

Opfer und Täterinnen zugleich
Zurück zum Kriegsschauplatz Uganda: Schätzungen zufolge hat die Lord Restistance Army in Uganda mehr als 65.000 Kinder und Jugendliche entführt und sie zu Kindersoldaten gemacht. Sie wurden gezwungen, zu töten und zu foltern, viele Mädchen wurden außerdem als Sex-Sklavinnen für die Rebellen missbraucht. Wer versuchte, zu flüchten, dem wurden zur Abschreckung Ohren, Nasen oder Lippen abgeschnitten. Die Jugendlichen waren Opfer und Täter zugleich. Auch viele Mädchen. Doch gemäß den klassischen Rollenvorstellungen werden sie nur in ihrer Opferrolle anerkannt. Und das hat Folgen, erklärt Afrika-Expertin Rita Schäfer. Viele Kommandanten haben nach dem Krieg den Mädchen die Waffen abgenommen, weil es als unmännlich gilt, Mädchen in seiner Einheit zu haben. Und weil sie nicht als Kämpferinnen anerkannt werden, können sie auch nicht an den Demobilisierungsprogrammen teilnehmen.

In solchen Programmen wird versucht, die ehemaligen Kämpfer wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Wer seine Waffen abgibt, bekommt als Belohnung ein Start-Paket ins neue Leben. Eine Matratze, Bettwäsche, Werkzeug und vielleicht ein paar hundert Dollar. Die Mädchen gehen hier meist leer aus.

Schuld daran seien die Gender-Stereotype in den Köpfen jener, die diese Programme leiten, kritisiert auch die Ethnologin Rita Schäfer. Und das betreffe einheimische, wie internationale Helfer. Daher sei ein umfassendes Gender-Training nötig, wo Verantwortliche geschult werden, ihr Augenmerk auf solche Themen zu richten. Genau das sieht auch die UN-Konvention 1325 vor. Die einzelnen Staaten sind aufgefordert, nationale Aktionspläne zu erarbeiten. Bis jetzt haben weltweit aber erst 25 Länder einen solchen Aktionsplan. Eines davon ist Österreich.

Friedensstifter als Freier
Neben Gender-Trainings will Österreich den Frauenanteil bei internationalen Friedenseinsätzen erhöhen. Ein ganz wichtiger Punkt, betont die deutsche Ex-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Derzeit machen Frauen rund 30 % des Personals bei Peace-Keeping-Missionen aus, allerdings nur 1,9 % des militärischen Personals. Und leider haben in der Vergangenheit UN-Blauhelme schon großes Unheil angerichtet, sagt Afrika-Expertin Rita Schäfer: „Blauhelmsoldaten verwenden oft ihren Sold, um Prostituierte zu bezahlen oder sie missbrauchen sogar junge Mädchen, von denen sie annehmen, dass die noch kein AIDS haben und noch keine Geschlechtskrankheiten.“

Und ein solches Verhalten sei nicht nur ein Angriff auf die betroffenen Mädchen, sondern häufig auch auf das Männlichkeitsverständnis der Ex-Kämpfer, erklärt Schäfer. Diese mussten ja selbst ihre Waffen abgeben und sehen oft einer ungewissen Zukunft entgegen. Wenn da ausländische Friedenssoldaten plötzlich als zahlungskräftige Freier oder als Gewalttäter auftreten, könne das die Friedensbemühungen wieder zunichte machen. Derartige Berichte um Blauhelm-Skandale kamen immer wieder in die Medien: aus Bosnien in den 1990ern, aus Kambodscha und der Elfenbeinküste. Besonders hohe Wellen schlug der Skandal um UN-Soldaten im Kongo im Jahr 2004.

Geld für Entwicklung statt für Waffen
Bei allen Maßnahmen, die der Westen in Post-Konfliktsituationen setzen kann, spielt neben Know How und Gendersensibilität vor allem eines eine große Rolle: Geld. Uganda zum Beispiel ist Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. In den vergangenen Jahren gab Österreich zwischen sechs und zehn Millionen jährlich für Projekte in Uganda aus. Zahlreiche österreichische NGOs sind dort tätig – unter anderem auch im Bereich Wiederaufbau und Geschlechter-Gerechtigkeit. Österreich leistet in Norduganda wichtige Arbeit, sagt Hellen Achan Amule. Doch das große Problem dabei: Projekte sind viel zu kurz angelegt. „Du kannst nicht innerhalb von zwei Jahren eine riesige Wirkung erzielen. Da hast du gerade erst begonnen, Erfolge zu sehen und schon ist die Förderperiode wieder vorbei.“

Im heurigen Budget wurden die Gelder für bilaterale Entwicklungszusammenarbeit empfindlich gekürzt, in den folgenden Jahren soll es weitere Kürzungen geben. Trotzdem bekennt sich Österreich offiziell zu den Milleniums-Entwicklungszielen der Vereinten Nationen: Diese wollen die weltweite Armut halbieren, die Situation von Frauen verbessern und fordern, dass Staaten 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklunszusammenarbeit ausgeben. Ein weit entferntes Ziel.

Doch, wäre der Wille vorhanden, so wäre das gar kein Problem, sagt die deutsche Politikerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Denn derzeit werden weltweit 1,5 Billionen Dollar für Rüstung ausgegeben. Würde man diese Ausgaben reduzieren, so bliebe genug Geld für andere Schwerpunkte. Zum Beispiel den Schwerpunkt, auch in Entwicklungsländern und in Nachkriegsgesellschaften mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herzustellen. Denn wie angeblich schon ein afrikanisches Sprichwort sagt: Entwicklung ohne Frauen ist wie ein Wagen ohne Räder.

AUDIO: Interview Hellen Achan Amule, ACORD Uganda. (20:20)

Hellen Achan Amule ist Expertin für Frauenrechte und Friedenssicherung. Sie arbeitet für die ugandische NGO ACORD, die beim Wiederaufbau aktiv ist. Der Norden des Landes wurde 20 Jahre lang von einem Bürgerkrieg heimgesucht.

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AUDIO: Interview Rita Schäfer (26:30)

Die deutsche Ethnologin Rita Schäfer hat in mehreren afrikanischen Ländern Feldforschungen betrieben und ein Buch geschrieben über „Frauen und Kriege in Afrika“.

DL

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