Wie Branka sich nach oben putzte

16 05 2011

SENDUNG: Leporello, 16. Mai 2011, 7:52 Uhr, Ö1

Frau Magistra Moser, eine 34-jährige Kultur- und Gesellschafts- wissenschaftlerin, die im Marketing eines Energy-Drink-Herstellers arbeitet, ihre Putzfrau Branka, eine Romni aus Ex-Jugoslawien und der dämonische Captain Clean aus der TV-Putzmittelwerbung – das sind die Hauptfiguren des Stücks  „Wie die Branka sich nach oben putzte“. Eine bitterböse Parabel auf die sogenannten Ausländer- und Genderdiskurse. Inszeniert von der multikulturellen Theatertruppe daskunst. 16. – 21. Mai, 3Raum Anatomietheater.

Staubphobie und Lust am Schmuddeligen

Magistra Moser ist kurz vorm Wahnsinnigwerden. Ihr Problem: auf einer theoretischen Ebene beschäftigt sie sich mit dem Uneindeutigen, mit vielschichten Identitäten,mit dem „anderen“. Doch auf einer persönlichen Ebene, merkt sie, dass sie immer mehr ihrer kleinbürgerlichen Herkunftskultur gleicht. Sie hat plötzlich eine schlimme Staub-Phobie und eine panische Angst vor allem, was unordentlich ist. Und deshalb engagiert sie die Putzfrau Branka.

„Doch die Branka soll ihr nicht nur den Dreck vom Leib schaffen. Gleichzeitig versucht sie sich mit der Branka zu therapieren von ihrer Kleinbürgerlichkeit“, erklärt Autor Richard Schuberth, „weil sie glaubt, der Balkan ist die Antithese zu ihrer kleinbürgerlichen Welt. Dort sind alle spontan, schmuddelig und dreckig leiwand drauf.“ Richard Schuberth ist Kabarettist, Autor, DJ und Organisator des Musikfestivals „Balkan Fever“.

Ist „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut“?
Magistra Moser ist das, was rechtskonservative Zeitgenossen gerne als „Gutmensch“ bezeichnen. Richard Schuberth mag den Begriff eigentlich nicht, sagt er. Denn Menschen sarkastisch vorzuwerfen, dass sie gute Absichten haben, sei keine besonders kritische Leistung. Allerdings steht er selbst den sogenannten „guten Absichten“ teilweise kritisch gegenüber. Denn auch Menschen wie Magistra Moser würden sich oft schwer damit tun, MigrantInnen und AusländerInnen als Subjekte auf gleicher Augenhöhe zu sehen. Was für die Rechten Objekt der Diskriminierung ist, sei für Linke manchmal ein Objekt ihrer moralischen Selbsterhebungen, so Schuberth.

Magistra Moser lebt in ihrer Parallelwelt des 7. Wiener Gemeindebezirks. Sie ist politisch korrekt, liebt Bio und ihre kahl und spärlich eingerichtete Designerwohnung. Sie trainiert ihren Körper mit Pilates und dabei lässt sie sich von Putzfrau Branka jugoslawische Schimpfwörter beibringen.

AUDIO: Richard Schuberth über die Parallelgesellschaft der weltfremden Gutmenschen

Ein Skinhead im Kampf gegen den Dreck
Was Magistra Moser – trotz ihres Sauberkeitswahns – hasst ist Captain Clean. Er verfolgt sie im Fernsehen, wenn er aus der Putzmittelwerbung lacht und immer öfter verlässt er den Bildschirm und schleicht sich in ihre Phantasien ein. Captain Clean wird dargestellt von Richard Schuberth selbst. Er betritt jedoch nie wirklich die Bühne, sondern ist in Form von Ton- und Videoeinspielungen zu sehen. Das multimediale Arbeiten mit Musik, Licht und Videos ist ein Markenzeichen der Theatergruppe daskunst.

Die Figur des Captain Clean ist angelehnt an Mr. Clean, bei uns besser bekannt als Meister Proper. Er ist jedoch auch eine Metapher für den Rechtspopulismus, erklärt Richard Schuberth. „Das ist ein fieser, böser, psychopathologischer Macho-Typ, der dafür da ist, alle Ambivalenzen und Widersprüche auszumerzen.“ Captain Clean will eine einheitliche, homogene Gesellschaft, er will den Dreck ausmerzen der sich hier überall breit macht. Insegeheim fühlt sich Magistra Moser aber von dem machoiden Charme des Verführers und Populisten angezogen.

AUDIO: „Ich hab den Dreck eingeladen. Er steht unter meinem Schutz.“ Werbejingle Captain Clean

„Ausländer müssen nicht moralischer sein“
Magistra Moser mag aber Ausländer. Sie spürt eine schwesterliche Verbundenheit mit Branka, die der Minderheit der Roma angehört. Doch das wird sich als Fehler herausstellen. Branka denkt gar nicht daran, sich wie ein armes Opfer, eine unterdrückte leidende Migrantin zu benehmen, sagt Regisseurin Asli Kislal: „Branka ist auf ihre Weise sehr intelligent, sie hat eine sehr scharfe Warhnehmung. Wenn man gejagt wird, reagiert man schneller. Die Instinkte sind wacher.“ Branka ist kein besonders guter Mensch. Migranten müssen auch nicht per se moralisch bessere Menschen sein, sagt Richard Schuberth: „Sie müssen nur gleiche Rechte bekommen.“

Das Stück trägt den Untertitel „Ein Spiel der Identitäten und eine bitterböse Parabel auf den sogenannten Ausländer- und Genderdiskurs“. Feministinnen fallen hier auf chauvinistische Machos rein, Ausländer liebäugeln mit der FPÖ, die Putzfrau entdeckt die kritische Wissenschaft. Rollen werden getauscht. Regisseurin Asli Kislal ist selbst in der Türkei geboren.

AUDIO: „Ich kann es nicht mehr hören!“ – Asli Kislal über Integration

Ein Herz für Inländer
An der Art, wie in Österreich über Ausländer gesprochen wird, stört sie so einiges: zum Beispiel der Begriff „Ausländer“ an sich: „Wie lange muss man hier leben, um nicht mehr als Ausländer gesehen zu werden? Selbst wenn ich die Staatsbürgerschaft in der Tasche habe, werde ich immer noch als Ausländerin gesehen. Wegen meinem Akzent oder wegen meiner schwarzen Haare.“ Mit „Ausländern“ seien für gewöhnlich auch keine norwegischen Touristen gemeint, sagt Richard Schuberth: „Aus Persepektive des Inländers gehts hier immer um weniger Rechte aber mehr Pflichten.“

Der Theater- und Kulturverein daskunst rund um Regisseurin Asli Kislal wurde 2004 in Wien gegründet. Unter den etwa 30 Ensemble-Mitgliedern befinden sich Österreicher mit und ohne sogenannten Migrationshintergrund sowie Zuwanderer aus Deutschland, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Griechenland und der Türkei. „Es wäre schön, wenn die Gesellschaft in ihrer Vielfalt genauso funktionieren würde, wie bei uns hier im kleinen Rahmen“, sagt Asli Kislal und Richard Schuberth ergänzt: „Das Tolle an daskunst ist: Sie haben auch ein Herz für Inländer. Solche Menschen wie ich bekommen auch die Chance, sich in diese hybride Gesellschaft zu integrieren.“

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