„Wir werden dich lebendig verbrennen!“

22 04 2011

Im Gespräch mit der dominikanischen Menschen- rechtsaktivistin Sonia Pierre

SENDUNG: Praxis – Religion und Gesellschaft, Freitag, 22. April 2011, 22:15 Uhr

Sie kamen einst als Zuckerrohrschneider aus Haiti in die Dominikanische Republik und leben dort seit Jahrzehnten in Elendssiedlungen rund um die großen Zuckerrohrplantagen – ohne Papiere, ohne Schulen für ihre Kinder, ohne Zugang zum dominikanischen Gesundheitssystem.  Menschenrechtsorganisationen prangern die miserable Situation der haitianischen Migranten und ihrer Nachkommen immer wieder an. Die lauteste davon ist MUDHA,  eine Organisation dominiko-haitianischer Frauen. Ihre Leiterin, Sonia Pierre, ist bereits mit mehreren internationalen Menschenrechtspreisen ausgezeichnet worden. Erst vergangenes Jahr überreichten ihr Hillary Clinton und Michelle Obama den Women of Courage Award, der haitianische Präsident René Préval schlug sie zum Ritter. Doch in ihrer Heimat, der Dominikanischen Republik, gilt die unermüdliche Kämpferin für die Menschenrechte der Dominiko-HaitianerInnen vielen als Staatsfeindin Nummer Eins.


Ein Heer an Staatenlosen

Viele Nachkommen haitianischer Migranten und Migrantinnen in der Dominikanischen Republik haben offiziell keinen Namen und keine Staatsbügerschaft, denn die dominikanischen Behörden verweigern ihnen die Papiere, sagt Sonia Pierre, Leiterin von MUDHA. Dabei hätte – laut dominikanischer Verfassung – jedes Kind, das im Land geboren wird, ein Anrecht auf einen dominikanischen Pass, es sei denn, die Eltern sind nur auf der Durchreise. Und das sind die haitianischen Zuckerrohrschneider und ihre Familien definitiv nicht. Doch für die dominikanische Regierung gelten sie auch nach Jahrzehnten noch als „Durchreisende“. Offiziell lebt im Karibikstaat eine halbe Million haitianischer Einwanderer. Schätzungen zufolge dürften es aber doppelt so viele sein, das heißt: zehn Prozent der  gesamten Bevölkerung.

Sonia Pierre ist selbst Tochter haitianischer Zuckerrohrschneider und wuchs in einem Batey auf – so nennt man in der Dominikanischen Republik die Elendssiedlungen rund um die Zuckerrohrplantagen. In den Bateyes selbst gibt es keine öffentlichen Schulen. Die Kinder müssen oft täglich 10 bis 30 Kilometer zurücklegen. „Und dann kann es passieren, dass sei plötzlich nicht zur Abschlussprüfung zugelassen werden, weil sie keine gültigen Dokumente haben“, erzählt Sonia Pierre. Aus der Traum, einmal etwas Besseres zu werden als Zuckerrohrschneider, wie ihre Eltern. Die Perspektivenlosigkeit der Jugendlichen hat schwerwiegende Folgen. Viele von ihnen werden kriminell.

AUDIO: „Nach 55 Jahren im Land hat sie noch immer keine Dokumente.“ Sonia Pierre über ihre Mutter (1:12)

Treue gegen AIDS?
Frustration, Arbeitslosigkeit, Gewalt, Drogen und steigende AIDS-Raten. Die Probleme in den Bateyes sind zahlreich. MUDHA versucht, den Kindern der Migranten Papiere zu besorgen, organisiert informellen Unterricht für jene, die nicht in den staatlichen Schulen aufgenommen werden und bildet in den Dörfern Gesundheits-Beraterinnen aus, die über Hygiene und sexuelle übertragbare Krankheiten bescheid wissen. Dabei arbeitet MUDHA mit der gesamten Dorfgemeinschaft zusammen, auch mit kirchlichen Basisorganisationen.

Ein Großteil der Dominiko-Haitianer ist katholisch. Aber auch evangelikale Pfingstkirchen breiten sich in den Armenvierteln aus. Das kann bei Workshops zum Thema HIV/AIDS manchmal schwierig sein, erklärt Sonia Pierre, denn die fundamentalischen Christenprediger lehnen das Kondom ab, sie fordern Treue und Enthaltsamkeit: „Ein evangelikaler Pastor – er ist ein Freund von mir – hat früher immer gesagt: Man muss die HIV-Positiven aus der Gemeinschaft ausschließen, weil sie Sünder sind. AIDS kommt ja von der Untreue. Aber inzwischen hat er seine Einstellung geändert.“

Steigen die Preise, steigt der Rassismus
Früher, in den 1970ern kamen viele katholische Befreiungstheologen aus Europa, erzählt Sonia Pierre. Sie waren die ersten, die in den Bateyes arbeiteten, Sozialprojekte starteten und auf die Situation der Dominiko-Haitianer aufmerksam machten. Leider mussten viele von ihnen mittlerweile das Land wieder verlassen. Extremistische Nationalisten hatten Hass-Kampagnen gegen sie gestartet und auch die dominikanische Amtskirche hält nichts von Befreiungstheologie. Und auch von den haitianischen Migranten nicht: „Von der Kirchenspitze haben wir nie Unterstützung bekommen. Ganz im Gegenteil. Der Kardinal ist keiner von der Basis. Er hält nichts von den Einwanderern und kritisiert uns öffentlich dafür, dass wir mit ihnen arbeiten“, berichtet Sonia Pierre.

Ein solcher Befreiungstheologe war der belgische Priester Pedro Ruquoy. Er war selbst in ein Batey gezogen, um direkt bei den Armen zu leben. Mit ihm gemeinsam verklagte sie die dominikanische Regierung vor dem interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof. Der Grund: willkürliche Massendeportationen nach Haiti, bei denen Familien auseinander gerissen wurden. Immer wenn in der Dominikanischen Republik eine Krise ausbricht, wenn der Benzinpreis steigt oder Lebensmittel teurer werden, bricht eine Welle des Rassismus aus, erzählt Sonia Pierre. Und dann wird massenhaft abgeschoben.

AUDIO: „Wenn sie die Kinder mal geschnappt haben, werden die Eltern schon nachkommen.“ Sonia Pierre über Massendeportationen nach Haiti. (1:15)

Familien werden auseinandergerissen
Bis an die Zähne bewaffnete Militärs gehen in die Bateyes und holen willkürlich Leute raus, so die Menschenrechtsaktivistin. Die Menschen werden dann nur mit dem, was sie am Leib tragen, über die Grenze nach Haiti gekarrt: „Oft erwischen sie auch nur die Kinder und die enden dann irgendwo allein auf den Straßen Haitis, während ihre Eltern noch in der Dominikanischen Republik sind.“ Ausgesucht wird nach der Hautfarbe, denn Haitianer haben ja meist eine dunklere Haut. Auch Dominiko-Haitianer mit gültigen Papieren sind nicht vor Deportationen geschützt. Es soll auch schon vorgekommen sein, dass versehentlich Dominikaner mit dunklerer Haut außer Landes geschafft wurden.

Das war nicht das einzige Mal, dass Sonia Pierre die dominikanische Regierung vor den interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof brachte. So wurde die Republik etwa in einem Präzedenzfall verurteilt, weil sie zwei Kindern zu Unrecht die Dokumente verweigert hatte. Doch verbessert hat sich die Situation der Dominiko-Haitianer durch die Urteile nicht, beklagt Sonia Pierre. Mit Hilfe einer Verfassungsänderung will die Regierung jetzt sogar Dominiko-Haitianern mit gültigen Papieren diese nachträglich wieder aberkennen. Auch ihr wurde gedroht, dass man ihr den dominikanischen Pass wieder wegnimmt.

Blutige Puppen vor der Haustür
Im Jahr 2004 wurde Sonia Pierres Mitstreiter Padre Ruquoy zur Persona non grata erklärt und musste – nach 30 Jahren – die Dominikanische Republik verlassen. Zuvor hatte es mehrere Anschläge auf ihn gegeben. Auch Sonia Pierre ging vorübergehend ins Exil, weil sie ständig bedroht wurde. Vielen Dominikanern gilt sie als Netzbeschmutzerin und Staatsfeindin Nummer Eins: „Sie haben an meine Haustür geschrieben: Wenn du nicht abhaust, werden wir dich lebendig verbrennen. Sie legten mir blutige Puppen vor die Tür, in denen Messer steckten. Und sie riefen mich an: Wir werden deine Tochter vergewaltigen. Wir sind eine Gruppe von Männern und wir beobachten sie. Sie wussten genau, was sie anhatte. Ich wurde fast verrückt und musste eine zeitlang das Land verlassen.“

Der interamerikanische Menschenrechtsgerichtshof und Amnesty International verlangten von der Dominikanischen Regierung, für Sonia Pierres Schutz zu sorgen. Diese wollte ihr daraufhin Polizisten zur Seite stellen. Doch denen traut sie nicht über den Weg, sagt Sonia Pierre: „Das ist, wie wenn du Graf Dracula eine Blutbank bewachen lässt. Ich wollte, dass mir die Regierung Bodyguards zahlt, die ich selber aussuche. Aber da sagten sie: Dafür haben wir kein Geld.“

AUDIO: „Und zwei Jahre später brannten sie mein Haus nieder“. Sonia Pierre über Bedrohungen und Attacken. (1:53)

Kurze Phase der offenen Herzen
Nach dem schrecklichen Erdbeben in Haiti vergangenes Jahr hatte der Rassismus gegenüber Haitianern kurz einmal Pause, erzählt Sonia Pierre. Plötzlich ging eine Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft durch das Land. Die Menschen spendeten. Hilfstrupps aus der Dominikanischen Republik fuhren nach Haiti. Doch haitianische Flüchtlinge wurden nicht ins Land gelassen. Ganz im Gegenteil: „Sie öffneten die Grenzen – aber nur in eine Richtung. Die Leute konnten ihre Familien in Haiti besuchen, aber als sie zurück wollten, waren die Grenzen zu.“

Innerhalb kürzester Zeit wurden die Militär-Checkpoints an der Grenze vervielfacht. Und heute, ein Jahr später, ist die Stimmung in der Bevölkerung längst gekippt. Die Haitianer sind wieder die Feinde und die Massendeportationen sind voll im Gange. „Das war sehr traurig, denn wir waren schon so voller Hoffnung“, klagt Sonia Pierre.

AUDIO: „Sie hat das Essen ihrer Kinder aufgeteilt.“ Sonia Pierre über die Solidarität einer dominikanischen Mutter. (2:20)

Sexuelle Gewalt in den Zeltlagern
Derzeit ist die Organisation MUDHA auch beim Wiederaufbau in Haiti aktiv, in der Kleinstadt Leogane. Es geht einerseits darum, Einkommen für die Frauen zu schaffen. Besonders wichtig aber ist die psychosoziale Arbeit. Seit über einem Jahr leben die Menschen dort in Zeltlagern. Großteils Frauen und Kinder, denn viele der Männer sind ins Landesinnere gegangen, um Arbeit zu suchen.

Um sechs Uhr früh brennt die Sonne bereits so stark auf die Zelte, dass es drinnen über 40 Grad hat, erzählt Sonia Pierre. Erst ab elf Uhr nachts wird es wieder erträglich. Das größte Problem in den Zeltlagern ist die sexuelle Gewalt. Der Großteil der Frauen – und auch der Kinder – ist bereits vergewaltigt worden. Manchmal mehrmals in einer Nacht. Diese Vergewaltigungsepidemie ist tragischer als die Cholera, sagt Sonia Pierre.

Hoffen auf Häuser
Am schlimmsten dabei sei die Stigmatisierung der Opfer: „Denn in einem kleinen Dorf kennt jeder jeden. Das heißt: wenn ich vergewaltigt werde, kann ich nicht darüber sprechen. Wenn mein Mann das erfährt, wird er mich nicht mehr respektieren. Wenn sich herumspricht, dass meine Tochter vergewaltigt wurde, dann will es plötzlich jeder mit ihr machen.“

Und daher schweigen die Frauen über das, was ihnen angetan wird. MUDHA arbeitet mit der lokalen Polizei zusammen. Diese patroulliert jetzt öfter durch die Zeltlager. Nur: Auch die Polizisten leben in provisorischen Unterkünften. Wo sollen sie die gefassten Verbrecher hinsperren? In ein Zelt? MUDHA organisiert die Frauen in Wachtrupps und gibt ihnen Trillerpfeifen, damit sie Alarm schlagen können. Flugzettel wurden verteilt mit der Botschaft: die Gewalt zerstört unsere Gesellschaft von innen. Das dürfen wir nicht zulassen. Sonia Pierre hofft, dass die Zeltstädte bald durch gemauerte Häuser ersetzt werden, die den Frauen ein würdiges uns sicheres Leben ermöglichen.

Kämpferin für Menschenrechte
Seit ihrem 13. Lebensjahr kämpft Sonia Pierre für die Menschenrechte der Dominiko-Haitianer. Damals war in dem Batey, in dem sie aufgewachsen war, ein Streik ausgebrochen. Die Plantagenarbeiter forderten höhere Löhne, besseres Essen und eine Renovierung ihrer Elendshütten. Sonia engagierte sich als Übersetzerin und Sprecherin – und landete im Gefängnis. Später hatte sie die Chance, nach Kuba zu gehen und eine Ausbildung als Sozialarbeiterin zu machen. „Und dann wusste ich, jetzt gehe ich zurück in mein Land, denn dort wartet viel Arbeit auf mich.“

Trotz Morddrohungen, schwerer Krankheiten und sonstiger Rückschläge lässt sich die 48-jährige nicht unterkriegen. „Jedes mal, wenn ich einen Alten sehe, der ohne Pensionsanspruch im Batey krepiert, wo er sich ein Leben lang für den dominikanischen Staat abgerackert hat und jedes mal, wenn ich eine Frau sehe, die für das Überleben ihrer Familie kämpft, dann sage ich zu mir: Ich kann mir den Luxus nicht leisten, mich auszuruhen.“

DL

Mehr über Sonia Pierre:

„Der Nachname lautet immer illegal“ (daStandard.at)
Rights advocate tests Dominican color line (New York Times)
Sonia Pierre bei „Schlau und Schön aufwachen“ (zum Nachhören: live zu Gast bei ORANGE 94.0)

Nachtrag:
Am 4. Dezember 2011 ist Sonia Pierre in Villa Altagracia (Dominikanische Republik) an einem Herzinfarkt gestorben.
Zuvor war im Oktober 2011 in der Dominikanischen Republik erneut eine Hetzkampagne gegen sie losgetreten worden. Sonia Pierre und ihre Familie erhielten zahlreiche Morddrohungen. Der Anlass dafür war, dass der Interamerikanische Gerichtshof eine Vorladung für die Dominikanische Republik wegen deren ausstehender Antwort in den Fällen des Entzugs der Staatsbürgerschaft in der Dominikanischen Republik ausgesprochen hatte. Sonia Pierre wurde nur 48 Jahre alt.

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