„Die Traumata der Sklaverei überwinden“ Interview mit Gilberto Gil

9 04 2011

Ein Kulturminister mit Rasta-Zöpfen, der öffentlich zugibt, bis zu seinem 50. Lebensjahr regelmäßig Marihuana geraucht zu haben. 2003 bringt er den Sitzungssaal der Vereinten Nationen in New York zum Tanzen. An den Congas begleitet ihn dabei der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan. Von den Medien bekam Gilberto Gil den Spitznamen: Minister of Cool.
In den 1970ern wurde er von der brasilianischen Militärregierung verfolgt, im Jahr 2003 holte ihn der linke Präsident Lula in seine Regierung. 2008 Jahren kehrte Gilberto Gil der Politik den Rücken, um sich nur noch seiner Musik zu widmen. Am kommenden Dienstag, 12. April, ist der 69-jährige zu Gast in Wien. Im Konzerthaus präsentiert er sein Programm „The String Concert“.

Beitrag zum Nachhören: Ö1 Mittagsjournal, Samstag, 9. April 2011


Was wird uns bei Ihrem aktuellen Programm „The String Concert“ in Wien erwarten?

Gilberto Gil: Wir sind drei Musiker. Mein Sohn, Bem Gil und ich spielen Gitarre gemeinsam mit dem Cellisten Jaques Morelenbaum. Das Repertoire sind Lieder von mir aus verschiedenen Epochen, aus verschiedenen Momenten. Und es gibt auch 2-3 ganz neue Lieder. Und es ist ein akustisches Programm, sehr minimalistisch, intim und weich. Ein sanftes Konzert.

Sie spielen ja mit einem ihrer Söhne. Wie ist denn für Sie die Zusammenarbeit mit jemandem aus der Familie? Gibt es da besondere Vater-Sohn-Konflikte? Oder ist es einfacher als mit anderen Musikern?

Gilberto Gil: Ich denke, es ist einfacher, denn wir stehen uns sehr nahe, haben eine sehr innige Beziehung. Er ist mein Sohn und er hat sein ganzes Leben mit mir verbracht. Und er ist ein sehr sensibler Musiker, sehr talentiert und intelligent. Und er mag meine Arbeit, meine Art Gitarre zu spielen und zu komponieren. Er hat mich viele Jahre hindurch begleitet und viele Dinge davon in seine eigene musikalische Welt übernommen. Ich würde sagen, es ist für mich einfacher mit ihm zu arbeiten als mit irgendwelchen anderen Musikern.

Sie arbeiten ja jetzt schon seit vielen Jahrzehnten als Künstler – und offenbar gehen Ihnen nie die Ideen aus. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?

Gilberto Gil: Aus den ganz alltäglichen Situationen des Lebens, der menschlichen Natur, der sozialen Realität, dem Leben der Menschen und ihrer Konflikte. Und natürlich auch aus meinem Inneren. In meiner Kunst spiegeln sich meine Gedanken und Gefühle wider. Mein Inneres ist ein großes Laboratorium – mit all meinen Zweifeln und meinen Stärken. Meiner ganzen Existenz eben,  meine Musik entspringt meiner Existenz.

Sie kommen ja aus Bahia, dem Nordosten Brasiliens. Welche Bedeutung hatte denn die traditionelle Musik des Nordostens für Sie? Forro, Baiao, Xote und so weiter?

Gilberto Gil: Eine sehr große Bedeutung. Das war mein erster musikalischer Einfluss. Die Sänger, Gitarristen, die Trovadores. Und dann kamen die populären Musiker dazu, die ich im Radio hörte. Ganz besonders Luiz Gonzaga, der große Meister der Musik des Nordostens. Zu dieser Zeit, als ich in die Pubertät kam, spürte ich in mir eine musikalische Berufung, die ausgelöst wurde von der Musik des Nordostens und Luiz Gonzaga. Er hat mich dazu inspiriert, Musiker zu werden.

Sie sind ja einer der wenigen Afro-Brasilianer, der ein Regierungsamt inne hatte. Sie waren 5 Jahre lang Kulturminister. Welche Bedeutung hatte denn das für das Selbstbewusstsein der afrobrasilianischen Bevölkerung?

Gilberto Gil: Immer wenn Schwarze Zugang bekommen zu Führungspositionen, zu den hohen Sphären der brasilianischen Gesellschaft, dann ist das wichtig für das Selbstbewusstsein der Schwarzen. Es hilft ihnen, sich als wichtigen Teil der brasilianischen Kultur zu begreifen. So können sie die Traumata der Sklaverei überwinden, diese gesellschaftlichen Ungleichgewichte, die die Sklaverei verursacht hat. Jeder Schwarze, der es schafft, aufzusteigen, ist daher wichtig für den Prozess der Emanzipation der Schwarzen und ihrer Nachkommen.

AUDIO: Gilberto Gil über das schwarze Selbstbewusstsein (1:13)

Welche Bedeutung hatte denn in Ihrer Kindheit und Jugend die Tatsache, dass sie Afrobrasilianer sind? Wurde das thematisiert? Sie kommen ja aus einer eher bürgerlichen Familie – Ihr Vater war Arzt. Sind Sie zu einem „schwarzen Bewusstsein“ erzogen worden?

Gilberto Gil: Nein, das spielte keine Rolle in meiner Kindheit. Das Bewusstsein, schwarz zu sein und was das bedeutet, also was das für einen Unterschied in der brasilianischen Gesellschaft macht, das kam erst viel später. Da war ich schon erwachsen, Künstler und politisch aktiv. Da wurden mir diese ganzen Ungleichheiten bewusst, die sozialen Ungleichgewichte, die dadurch verursacht werden. Diese ethnische Frage spielt ja eine große Rolle in Brasilien.

Sie haben ja selbst einige Jahre der Regierung Lula angehört. Wie sehen denn Sie heute die Regierungszeit von Präsident Luiz Ignacio Lula da Silva? Hat sich das Land in den vergangenen 8 Jahren stark verändert?

Gilberto Gil: Nun, der Wandel begann schon vor der Regierung Lula. Davor war ja Fernando Henrique Cardoso an der Macht, ein sehr progressiver Sozialdemokrat. Er war verantwortungsbewusst und sehr intelligent und es gelang ihm, Brasilien in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. In Bezug auf die Wirtschaft hatte er die größten Probleme erkannt. Und dann kam Präsident Lula an die Macht, ein Repräsentant der einfachen Bevölkerung und der Armen. Er war der Hoffnungsträger der Massen. Und er fand das Land bereits in einem Zustand vor, wo man erfolgreich Sozialpolitik machen konnte und die Entwicklung des Landes vorantreiben. Das war Lulas Priorität und da war er sehr erfolgreich. Aber ich würde sagen, das Land hat mit den beiden letzen Regierungen, also in den letzten 16 Jahren, ein Phase der Modernisierung erlebt. Viel hat sich getan: in der Industrie, Landwirtschaft, dem Dienstleistungssektor, aber auch im Bereich Bildung und Gesundheit.

AUDIO: Gilberto Gil über die Regierung Lula (2:14)

Sie selbst waren ja Vertreter der Grünen Partei. Hier in Europa blickt man mit großer Besorgnis auf die Umweltpolitik Brasiliens. Auf die Zerstörung des Regenwaldes, aber auch auf Mega-Projekte, wie den Belo Monte Staudamm. Was halten Sie von diesem Projekt?

Gilberto Gil: Nun, das folgt der Logik des Menschen. Er sucht die Unterstützung der Natur im Prozess des Fortschritts, des technischen Fortschritts, der technischen und wirtschaftlichen Errungenschaften. Das ist so auf der ganzen Welt. Große Staudammbauten sind immer problematisch, in den USA, in Brasilien, wo auch immer. In Brasilien sind halt die Voraussetzungen für Wasserkraftwerke besser als in anderen Ländern – wegen der Flüsse und Wasserfälle. Und nachdem der Bedarf nach Strom steigt, vervielfachen sich auch solche Projekte. Trotz der Probleme für die Natur, ist das eben das größere Bedürfnis. Aber natürlich gibt es darüber viele Diskussionen.

Sehen Sie Ihre Kunst auch als Form der politischen Tätigkeit?

Gilberto Gil: Ja. Jede Arbeit, die eine große Öffentlichkeit hat und die Meinungen beeinflussen kann, ist politisch. Meine Arbeit ist auch politisch. Aber sie ist natürlich anders als die Interventionen der Realpolitik. Es ist eine viel komplexere Sache.

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