Die Pendel-Bettler aus Hostice

22 03 2011

SENDUNG: Journal Panorama,
Donnerstag, 24. März 2011, 18:25 Uhr, Ö1

Sie sitzen oder knien an den Straßenrändern der Grazer Innenstadt und bitten um Almosen: Bettelnde Roma aus Osteuropa erhitzen seit Jahren die steirischen Gemüter. Angeblich sollen sie alle Opfer einer Mafia sein. Der steirische Landtag hat Betteln jetzt unter Strafe gestellt. Ab Mai ist das Bettelverbot gültig. Wer dann am Straßenrand sitzt und die Hand aufhält, muss 2.000 Euro zahlen. Wer das nicht kann, dem droht eine Ersatzfreiheitsstrafe. Menschenrechtsorganisationen sind empört: Man möge lieber die Armut bekämpfen, anstatt die Armen, sagen sie.


„Mir is lieber, sie schlafen wie die Sardinen“
Das VinziNest in Graz. Eine Notschlafstelle speziell für Ausländer – denn ihnen bleiben ja die meisten anderen Notunterkünfte in Österreich verschlossen. Für einen Euro können sie hier im geheizten Schlafsaal übernachten und bekommen ein warmes Abendessen. Der Großteil der hier Schlafenden sind Bettler und Bettlerinnen aus Osteuropa, die tagsüber in der Grazer Innenstadt sitzen.

Es ist ein kalter ungemütlicher Frühmärztag mit Schneeregen. An solchen Tagen ist immer viel los, erzählt Portier Gustl Eisner. Elf Leute warten schon wieder auf eine Notmatratze, weil es zu wenig Betten gibt. „Aber ich schick niemanden weg. Mir ist lieber, sie schlafen wie die Sardinen nebeneinander, als sie schlafen draußen bei diesem Wetter“, sagt er. Zurzeit sind etwa 100 Männer und 25 Frauen im VinziNest untergebracht.

Seit 19 Jahren arbeitet Gustl Eisner bereits ehrenamtlich für die Vinzenzgemeinschaft rund um den Grazer Armenpfarrer Pucher. Die Notschlafstelle VinziNest ist nur eines von vielen Sozialprojekten der Vinzenzgemeinschaft. Die meisten Bettler und Bettlerinnen, die hier übernachten stammen aus dem südslowakischen Dorf Hostice, nahe der ungarischen Grenze. Sie sind Roma und gehören außerdem der ungarischen Minderheit an. Viele von ihnen kennt Gustl Eisner schon seit Jahren, unter anderem von seinen zahlreichen Besuchen in Hostice. „Gerade vorhin war ein Mädel da, die hab ich schon als Zweijährige herumgetragen.“

Eine schlechte Nachricht
Um 18 Uhr ist Essensausgabe im Speisesaal. Spinatnockerlsuppe, Geschnetzeltes und Buchteln stehen am Speiseplan. Zwölf Euro hat sie heute bekommen, erzählt eine slowakische Bettlerin, dafür ist sie den ganzen Tag im Schneeregen vor der Grazer Gebietskrankenkasse gesessen. Ihr Mann hatte weniger Glück, er hat nur zwei Euro bekommen, sagt sie. Die beiden pendeln zwischen Hostice und Graz hin und her. Zwei Wochen hier, zwei Wochen dort.

Sie weiß, dass Betteln ab Mai verboten sein wird. Doch was sie dann tun wird, das weiß sie noch nicht. Die Stimmung unter den Bettlern und Bettlerinnen im VinziNest ist gedrückt. Sie sehen der Zukunft mit großer Besorgnis entgegen. „Das ist eine ganz schlechte Nachricht für uns“, sagt Gesa Perky, der ebenfalls aus Hostice stammt, „denn wir haben Kinder zuhause. Unsere Situation in der Slowakei ist nicht so gut. Alles, was wir kaufen, bezahlen wir von diesem Geld, das wir hier in Graz verdienen.“

AUDIO: „Wir wollen nicht stehlen, wir wollen nicht rauben.“ – Gesa Perky über das Sitzen in Graz (1:16)

„In Slowakei keine Chance“
Lieber würde er arbeiten als betteln, sagt er, aber das ist in der Slowakei nicht so einfach. Gesa Perky hat Matura und spricht relativ gut Deutsch. Arbeit bekommt er trotzdem nicht, denn er ist Roma. „Es gibt sehr viel Rassismus in der Slowakei. Die Leute schauen nicht, was ich kann, sondern welche Farbe meine Haut hat.“ Auf der Straße in Graz verdient er durchschnittlich zwischen 12 und 20 Euro pro Tag. „Mehr nicht. Leider.“

Desider Bohan hatte früher Arbeit. Mit 16 musste er aus Geldgründen die Schule abbrechen und am Bau arbeiten. Das war in den 1980ern. Doch einige Jahre später kam die Wende in Osteuropa. Mit dem Ende des Kommunismus gingen viele Betriebe bankrott. Auch der Arbeitgeber von Desider Bohan. Seither hat er keine Arbeit mehr gefunden. Seit etwa 12 Jahren kommt er immer wieder nach Graz, um zu betteln. „In Slowakei keine Chance“, sagt er im gebrochenen Deutsch.

AUDIO: „Gehen, schauen. Keine Chance.“ – Desider Bohan über die Verlierer der Wende (0:40)

Sehnsucht nach dem Kommunismus
Dieser Fall ist ganz typisch, erklärt Barbar Tiefenbacher. Sie ist Slawistin und arbeitet an einem Forschungsprojekt des Instituts für Geschichte der Universität Graz mit, das die Hintergründe der Grazer Bettler und Bettlerinnen untersucht. Viele der Roma in Hostice arbeiteten vor der Wende auf einem naheliegenden Kolchosebetrieb. Doch der Zusammenbruch des Kommunismus machte sie zu Bettlern. Viele der befragten Roma wünschen sich den Kommunismus zurück, erzählt Barbara Tiefenbacher. Gemeinsam mit dem Historiker und Kulturwissenschafter Stefan Benedik hat sie zahlreiche Interviews mit slowakischen und bulgarischen Bettlern und Bettlerinnen geführt und das Dorf Hostice besucht.

Die Wissenschafter kommen zu einer etwas unerwarteten Schlussfolgerung: das Betteln in der Steiermark könne für die Roma einen nachhaltigen Ausweg aus den schlechten Lebensbedingungen im Herkunftsland darstellen. Denn mit dem erbettelten Geld werde Wohnraum geschaffen und die Ausbildung der Kinder finanziert. Stefan Benedik erzählt von einer bulgarischen Bettlerin, die ihrem Sohn das Gymnasium finanziert: „Das heißt nicht nur Geld für den Schulbus, Schulgeld, Bücher, Verpflegung und so weiter. Sondern das bedeutet auch, dass sie den Buben doppelt so gut anziehen muss, wie die sogenannten weißen Kinder, um zu vermeiden, dass er in der Schule rassistischen Attacken ausgesetzt ist.“

Ausweg aus der Lethargie
In Hostice könne man heute einen deutlichen Unterschied im Lebensstandard sehen zwischen jenen Menschen, die regelmäßig nach Graz betteln fahren und jenen, die das nicht tun, erzählen die beiden Forscher. Ein zweiter Effekt: Den betroffenen Menschen werde bewusst, dass sie ihre miserable Situation durch Eigeninitiative verändern können, sagt Stefan Benedik, und das sei eine Signalwirkung, die nicht zu unterschätzen sei: „Gerade im Zusammenhang mit der der Roma-Minderheit in ex-kommunistischen Ländern. Denn plötzlich sehen die Leute, dass das eine bessere Lösung ist als nur lethargisch zuhause zu sitzen und auf die Sozialhilfe zu warten. Sie stellen fest, dass sie ihr Leben selbst verändern können.“ Natürlich sei Arbeit besser als Betteln. Aber Betteln besser als Nichtstun.

Doch diese „inneuropäisch exportierte Armut“ lasse sich nicht in der Grazer Innenstadt lösen, sagt der steirische Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ). Und 50 der 56 Abgeordneten im steirischen Landtag sahen das ebenso. Manche meinen sogar, gerade das soziale Engagement der Vinzenzgemeinschaft und Armenpfarrer Pucher habe Graz zur „Bettelhauptstadt Europas“ werden lassen. Ab Mai ist Betteln in der Steiermark verboten. Wer dann am Straßenrand sitzt und die Hand aufhält, muss 2.000 Euro zahlen. Wer das nicht kann, dem droht eine Ersatzfreiheitsstrafe.

Passend zum zehnjährigen Jubiläum als Menschenrechtsstadt will sich die steirische Landeshauptstadt also von ihrer schönsten Seite präsentieren: als eine saubere Stadt, in der es offenbar keine Armut gibt.

AUDIO: „Dass nur ja keiner zu uns kommt“ – Pfarrer Wolfgang Pucher über die Angst vor den Hilfesuchenden (0:42)

LINKS:
Vinzenzgemeinschaft
Bettelverbot.at – Menschenrechte für alle
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