Indische Musik (4): Die Kunst des Zuhörens

2 02 2011

SENDUNG: Radiokolleg: Ragas, Bansuris und Gurukuls. Wenn Westler der indischen Musik verfallen. TEIL 4
Donnerstag, 3. Februar 2011, 9:45 Uhr (WH: 22:40 Uhr), Ö1

Die indische Gesellschaft folgt strengen Regeln und strengen Hierarchien. Jede Information kommt zu ihrer Zeit. Dem Lehrer Fragen zu stellen gilt als Ausdruck des Misstrauens. Und auch sonst ist für Westler einiges ungewohnt an der Art und Weise, wie in Indien klassische Musik unterrichtet wird. So gibt es keine richtige Notenschrift und wer ein Instrument spielen will, muss zuerst singen lernen.


Von Kalifornien nach Basel
Tabla-Workshop im Ali Akbar College für indische Musik in Basel. Der Lehrer, Swapan Chaudhuri sitzt im Schneidersitz auf einem Podest, am Boden vor ihm die Schüler. Überall sind bunte Teppiche aufgelegt und es riecht nach Räucherstäbchen. Seit mittlerweile 25 Jahren findet hier in Basel einmal pro Jahr ein ein-wöchiges Seminar statt. Musikvirtuosen aus verschiedenen Ländern werden eingeladen, um zu unterrichten. Schüler reisen aus allen möglichen Teilen Europas an: aus Bern, Lausanne, Wien, Stuttgart und sogar aus Litauen.

Das Ali Akbar College in Basel ist neben dem Musikkonservatorium in Rotterdam DIE Ausbildungsstätte für klassisch indische Musik in Europa. Gegründet wurde es vom US-Amerikaner Ken Zuckerman. 37 Jahre lang hat er beim erst 2009 verstorbenen Ali Akbar Khan das Saiteninstrument Sarod studiert. Nicht in Indien, sondern in Kalifornien, wo der Meister selbst in den 1960ern das erste Ali Akbar Khan College ins Leben gerufen hatte.

AUDIO: „It’s not only sexy“. Swapan Chaudhuri über die „Poetry“ der Tabla.

Ich musste „ja“ sagen
Neben indischer Sarod studierte Ken Zuckerman auch mittelalterliche Laute und das verschaffte ihm einen Lehrstuhl am Institut für Alte Musik an der Musikhochschule Basel. Doch bald sammelte er in der Schweiz auch Freunde der nordindischen Musik um sich und beschloss, eine Privatschule zu gründen. „Ich hab das mit Ali Akbar Khan besprochen und er hat gemeint: ja, gute Idee. Du kannst das Ali Akbar Khan College nennen.“ Ken Zuckerman war zunächst ein wenig schockiert, erzählt er. Denn das war ursprünglich gar nicht seine Absicht gewesen. Doch natürlich musste er ja sagen. „Und das war auch ein starker Moment für unsere Beziehung. Denn jetzt hatte ich seinen Namen für die Schule und war wie sein Sohn.“

Der Tabla-Lehrer Swapan Chaudhuri stammt ursprünglich aus Kolkata – früher: Kalkutta – einer der bedeutendsten Musikstädte in Indien. Seit seinem 5. Lebensjahr spielt er Tabla. Heute leitet er das Ali Akbar Khan College in Kalifornien. „Am Anfang, als ich in die USA kam, war es schwierig für mich“, erzählt er, „denn ich begriff nicht, wie die Studenten tickten und was sie für einen Zugang zur Musik hatten. Davor hatte ich in Indien unterrichtet und da war alles ganz anders.“ Zum Beispiel irritierte ihn, dass die amerikanischen Studenten immer so neugierig waren und ständig Fragen stellten.

Das Unlogische logisch machen
Die indische Gesellschaft folgt strengen Regeln und strengen Hierarchien. Jede Information kommt zu ihrer Zeit. Dem Lehrer Fragen zu stellen gilt als Ausdruck des Misstrauens. Es bedeutet soviel wie: Ich traue dir nicht zu, dass du weißt, was ich schon kann und woran ich als nächstes arbeiten sollte. Europäer tun sich oft schwer mit diesem System, sagt der niederösterreichische Tabla-Spieler Gerhard Rosner: „Die Atmosphäre ist in Indien eine andere. Das ganze musikalische Umfeld ist ein anderes. Man könnte auf diese Art und Weise nicht erfolgreich bei uns unterrichten.“ Er findet es vor allem irritierend, dass viele Dinge in der indischen Musik so wahnsinnig unlogisch seien. Klar vorhandene Widersprüche würden einfach hingenommen. Und so etwas sei schwer zu etragen für einen europäischen „mind“.

So könne es etwa vorkommen, dass ein bestimmter Tala – also: Rhythmus – in der Theorie auf eine bestimmte Weise erklärt, auf dem Instrument aber dann ganz anders gespielt werde. Gerhard Rosner beschäftigt sich in seiner Dissertation damit, die nordindische Rhythmik logisch zu ergründen.

Misstrauen gegen Wörter
Der Sitar-Spieler Daniel Bradley unterrichtet seit vielen Jahren beim jährlichen Seminar in Basel. Ansonsten wohnt der gebürtige US-Amerikaner in der Nähe von Wien. Einer seiner Lehrer war Nikhil Banerjee aus Kolkata: „Nikhilda hat nicht viel gesprochen, aber er konnte mit wenigen Worten sehr viel sagen. Und er hat mir mal gesagt, es gibt ein Sprichwort in Bengali, das heißt: wenn du schweigst, spricht die Natur, aber wenn du sprichst, schweigt die Natur.“

Dass das gesprochene Wort in Indien einen anderen Stellenwert hat, davon ist auch Ken Zuckerman überzeugt. Sowohl in der Musik, wie auch im Leben. Beim ersten Musikseminar in Basel war es zu einem Streit mit Ali Akbar Khan gekommen. Der Guru war unzufrieden mit seinem Quartier, sagte das aber nicht. Ein paar Tage später wurde er wütend und Zuckerman verstand die Welt nicht mehr. Er hatte den Meister doch gefragt, ob er ein anderes Quartier wolle und diese hatte geantwortet: Nein, es sei alles in Ordnung.

„Und dann hat er gesagt: Ken, es macht gar nichts, was ich sage. Du musst wissen, was ich will.“ Für Ken Zuckerman, den Westler, war das ein großes Aha-Erlebnis: „Und dann hab ich realisiert: Er kommt aus einer anderen Tradition, einer anderen Kultur, wo man nicht so ein großes Vertrauen in Worte hat. Und da hab ich realisiert: Das hat auch etwas mit seinem Unterricht zu tun. Deshalb sollen wir keine Fragen stellen.“ Die Schüler sollten das feine, subtile Zuhören trainieren.

Aufschreiben verboten
Westler wollen immer alles mit dem Kopf verstehen. Doch worauf es bei der indischen Methode ankommt, sei Zuhören und Spüren, sagt Swapan Chaudhuri. Er gestattet seinen Schülern daher nicht, im Unterricht irgendetwas zu notieren. Sie dürfen sich die neu erlernten Rhythmen aber auf Tonband aufnehmen: „Es ist wichtig, dass man die Musik spürt. Und dafür muss man sie auswendig lernen. Wenn man ein Gedicht auswendig lernt und es immer wieder und wieder aufsagt, dann begreift man langsam die Bedeutung. Und wenn die Studenten die Bedeutung der Musik begriffen haben, dann können sie ihre eigenen Ausdrucksformen finden.“

In der indischen Musik gibt es überhaupt keine traditionelle Notenschrift. Die Weitergabe von Wissen vom Guru an den Schüler erfolgte direkt. Im alten Gurukul-System lebten Schüler im Haus des Gurus, da saßen sie ohnehin tagtäglich zusammen und wiederholten das Gelernte. Wozu also aufschreiben? Im Laufe der Zeit hat sich das verändert. Und so haben Musiker wie Ali Akbar Khan, Amjit Khan und Ravi Shankar eigene Notationssysteme entwickelt.

Wenn der Lehrer das Interesse verliert
Aber die sind mehr eine Gedächtnisstütze, als eine exakte Partitur, erzählt der Ravi-Shankar-Schüler Alex Stroganov alias Alokesh Chandra. Ohne Zuhören und Merken geht gar nichts: „Wir sind meist zu zweit gesessen und dann hat Ravi Shankar irgendwelche Melodien für mich komponiert. Er sang mir etwas vor und ich musste mir das merken. Wenn ich mir eine Phrase beim zweiten oder dritten Mal immer noch nicht gemerkt hatte, dann sagt er ganz enttäuscht: oh, du verstehst das nicht… Und wenn so etwas öfter vorkommt, dann verliert ein Lehrer das Interesse. Und das ist das schlimmste, was dir als Schüler passieren kann. Und daher hab ich mein Gedächtnis trainiert.“

Beim Tablaspiel ist jedem einzelnen Schlag eine Silbe zugeordnetm sogenannte Bols. „Bolna“ bedeutet auf Hindi „sprechen“. Bei diesen Bols handelt es sich um lautnachahmende Silben, erklärt Gerhard Rosner. Die Schüler lernen neue Rhythmen indem sie sie zunächst rezitieren. Wenn man hört, wie jemand rezitiert, weiß man meist schon, wie gut er oder sie spielt, sagt Rosner.

AUDIO: Gerhard Rosner rezitiert Tabla-Bols.

Nicht nur Tabla-Spieler singen. Ken Zuckerman gibt in Basel Gesangsunterricht für verschiedene Instrumentalisten. Denn in Indien ist man überzeugt: Wer einen Rhythmus oder eine Melodie nicht singen kann, der kann sie auch nicht spielen: „Ali Akbar Khan hat immer gesagt, wenn du Sarod spielst, musst du innerlich singen. Denn dann hat man diese lyrische Qualität von Musik.“ In Kalifornien hat der Meister seine Studenten erst zwei Stunden lang singen lassen, bevor sie zu den Instrumenten greifen durften, erzählt Zuckerman.

Viele Lehrer unterrichten auch nicht mit dem Instrument, sondern nur mit der Stimme. Zum Beispiel Annapurna Devi, Sitar-Lehrerin von Daniel Bradley. Nur ein einziges Mal habe sie im Unterricht zum Instrument gegriffen, erzählt er.

AUDIO: „Wenn du mit einem einzigen Ton jemanden zum Weinen bringen kannst, dann hast du etwas erreicht.“ Daniel Bradley über den Unterricht mit Annapurna Devi.

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One response

4 03 2011
Anubhab-Academy indian music and more

Sehr geehrte Frau Ebner,
mein Name ist Matthieu Rossez, aus Köln. Ich betreue die ANUBHAB-ACADEMY indian music and more http://www.anubhab.net | http://bloganubhab.wordpress.com
Ich habe Ihre Artikel über die indische mit großem Interesse gelesen und erlaube mir, Sie über das Bestehen der ANUBHAB-ACADEMY in Kenntnis zu setzen, für den Fall, dass Sie persönlich und/oder redaktionell Interesse hätten.

Herzliche Grüße und viel Erfolg!

Matthieu Rossez

le concept m
fotografie & neue medien
friedrich-karl-str. 111 | 50735 Köln

m@le-concept-m.com
http://www.le-concept-m.com
http://www.himalayan-impressions.com

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Das indische Musikensemble ANUBHAB ist seit mehr als 15 Jahren mit wechselnder Besetzung im europäischen Raum unterwegs, um mit ihrer Musik die indische Kultur in den Westen zu bringen. Außerdem ist die Gruppe sehr an der Arbeit mit unterschiedlichen Musikern und Musikstilen interessiert.

Im Mai 2008 gründete der Leiter des Ensembles Debasish Bhattacharjee zusammen mit der Siegburgerin Conny Rave die „ANUBHAB-ACADEMY indian music & more“, bestehend aus dem o.g. Musikensemble und einer Musikschule, an der klassische indische Musik und hauptsächlich Tabla und indischer Gesang (optional auch Harmonium, Sitar, Bansuri, indische Geige oder Guitar) gelehrt werden.

Das Musikensemble besteht aus dem Leiter der Gruppe und Tablaspieler Debasish Bhattacharjee, der Siegburgerin Conny Rave (Tanpura, Perkussion) und 16 Musikern in Indien, von denen jeweils 1-2 im 3-monatigen Rhythmus nach Deutschland kommen. Dabei touren die Musiker mit klassischen Raga, Ghazal, Qawwali, Folktunes, Bollywood, Fusion und Crossover im Gepäck durch Europa.

Das Ensemble ist bekannt für seine besonders einfühlsamen und virtuosen Interpretationen der klassischen Ragas aber auch für den mitreißenden Stil von semi-klassischen Stücken des Ghazal, Thumri, Qawali bis hin zur Bollywood-Musik. Außerdem gelingt es der Gruppe immer, mit interreligiösen spirituellen Liedern das Publikum zum Mitsingen zu animieren.

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