Indische Musik (3): Ich und mein Guru

1 02 2011

SENDUNG: Radiokolleg: Ragas, Bansuris und Gurukuls. Wenn Westler der indischen Musik verfallen. TEIL 3
Mittwoch, 2. Februar 2011, 9:45 Uhr (WH 22:40), Ö1

In Indien Musik zu lernen bedeutet Eintauchen in eine andere Kultur: Wasser statt Klopapier, Finger statt Besteck. Niemals mit der linken Hand Essen berühren oder Geld überreichen. Niemals dem Guru die Fußflächen entgegenstrecken oder mit dem Fuß das Instrument berühren. Die Liste der kulturellen Fettnäpfchen ist lang. Ungewohnt für westliche Musiker ist auch die Beziehung zwischen Lehrer und Studenten. Denn Musik unterrichten ist keine Dienstleistung, die man von jedem erwünschten Meister erkaufen kann. Ein potentieller Schüler muss sich erst würdig erweisen.

Alokesh Chandra (Alex Stroganov) und sein Guru Ravi Shankar

Verflucht sei der undankbare Schüler
„Guru shishya parampara“ nennen die Inder die traditionelle Weitergabe von Wissen vom Guru an den Schüler, wie sie schon in den alten indischen Schriften, den Upanischaden, beschrieben wird. „Ein Guru sollte nicht zu viele Schüler haben“, erklärt Tablameister Swapan Chaudhuri, „er muss sie gut auswählen und ihnen viel Zeit widmen.“ Und irgendwann kommt der Tag für das Ritual: Der Guru bindet seinem Schüler ein Armband um und er verspricht vor Saraswati – der Göttin der Künste – dass er von nun an sein ganzes Wissen mit dem Schüler teilen wird. „Und der Schüler verspricht, dass er sich um den Guru kümmert, wie um seinen Vater: Ich werde ihn beschützen und niemals kränken oder anlügen. Wenn doch, so soll ich verflucht sein.“, sagt Swapan Chaudhuri. Und er ist überzeugt davon, dass es mit diesem Fluch auch tatsächlich etwas auf sich hat.

AUDIO: „Und plötzlich konnten sie nicht mehr spielen“. Swapan Chaudhuri über untreue Schüler (0:59)

In den alten Zeiten war es so, dass die Schüler – meist im Kindesalter – in das Haus des Gurus kamen um dort zu leben. Sie mussten für den Guru im Haushalt arbeiten, im Gegenzug wurden sie unterrichtet. Gurukul nannte man solche Ausbildungsstätten. Heute ist das eher die Ausnahme. Hariprasad Chaurasia, Großmeister der indischen Bambusflöte Bansuri zum Beispiel hat einen Gurukul in Mumbai eingerichtet. Dort lebt er selbst mit einigen ausgewählten SchülerInnen. Wer dort wohnen möchte, muss sich für mindestens drei Jahre verpflichten und an strenge Regeln halten, erklärt die Niederösterreicherin Renate Stroganov, alias Rina Chandra, Schülerin von Chaurasia. Das Leben in so einem Gurukul ist ein wenig vergleichbar mit dem Leben in einem Ashram, einem indischen Kloster.

Rina Chandra (Renate Stroganov) und ihr Guru, Flötenmeister Hariprasad Chaurasia

No sex, no drugs, no Rock ´n roll
Alkohol, Zigaretten und Sex sind im Gurukul verboten. Renate Stroganov selbst hat es vorgezogen, nicht dort zu wohnen. Sie verbringt mehrere Monate pro Jahr in Mumbai und besucht dann täglich den Gurukul von Hariprasad Chaurasia, um am Gruppen-Unterricht teilzunehmen. Wenn die Schüler und Schülerinnen den Raum betreten, berühren sie zuerst die Füße des Meisters. In Indien ist das Ausdruck von Respekt. „Wir haben sehr viel Respekt vor ihm und zeigen das auch“, erzählt Renate.

Wird die Silbe „ji“ an einen Namen angehängt, so ist das im Hindi Ausdruck von großem Respekt. „Guru-ji“ nennen die Schüler ihren Lehrer. Manch einer bekommt auch den Titel „Pandit-ji“, also großer Meister – wenn er Hindu ist, „Ustad“ sagt man zu muslimischen Meistern. Auch westliche Schüler bekommen meist glänzende Augen und einen ehrfurchtsvollen Ton, wenn sie über ihre Gurus sprechen. Das Verhältnis ist streng hierarchisch.

AUDIO: „Es ist so ähnlich wie in einem Ashram.“ Renate Stroganov über die Regeln im Gurukul.

Beim Maharaja von Maihar
„Die ersten vier Jahre wusste er meinen Namen nicht“, erzählt der US-Amerikaner Ken Zuckerman, langjähriger Schüler von Ali Akbar Khan. Erst als Zuckerman hartnäckig dabei blieb und dem Meister durch Fleiß und Talent auffiel, machte sich Ali Akbar Khan die Mühe, sich seinen Namen zu merken. Das sei schon mal ein erster großer Schritt gewesen, erzählt der Zuckerman: „Und einige Jahre später hat er dann angefangen, mich eins zu eins zu unterrichten. Und irgendwann hat er gesagt: Jetzt kann ich dich unterrichten, als ob du mein Sohn wärst.“

37 Jahre lang hat Ken Zuckerman bei Ali Akbar Khan gelernt. Der mittlerweile verstorbene Sarod-Meister war der Sohn des legendären Allauddin Khan, Hofmusiker des Maharajas von Maihar in Ostindien. Ali Akbar soll von seinem Vater 20 Jahre lang bis zu 16 Stunden täglich Unterricht bekommen haben. Allauddin unterrichtete einst auch die berühmten Sitarspieler Ravi Shankar und Nikhil Banerjee.

Unterricht im Gurukul von Hariprasad Chaurasia

Hausfrauen, Banker, Polizisten
Es ist nicht immer einfach, von einem großen Meister als Schüler akzeptiert zu werden. Worauf es ankommt, ist aber nicht nur Können, sagt der niederösterreichische Tablaspieler Gerhard Rosner. Ausschlaggebend für die Gurus sei auch, ob sie mit dem Charakter eines Menschen umgehen können und wollen: „Sie schauen zunächst: Hat er genug Willen? Hält er durch? Denn es ist schon eine harte Kost. Körperlich sehr hart und geistig auch sehr anstrengend.“

Nicht alle Meister der klassischen nordindischen Musik verdienen ihr Geld mit Musik. Viele sind nur Eingeweihten in der Musikszene ein Begriff und stehen so gut wie nie auf der Bühne. Annapurna Devi zum Beispiel. Sie ist Tochter des legendären Allauddin Khan, Schwester von Ali Akbar Khan und Ex-Frau von Ravi Shankar. In jungen Jahren traten sie und Shankar gemeinsam auf. Doch in Indien ist es nicht so gut angesehen, wenn Frauen auf der Bühne musizieren. Es gibt zwar zahlreiche bekannte Sängerinnen, jedoch nur sehr wenige Instrumentalistinnen. Böse Zungen behaupten, Ravi Shankar sei es ganz recht gewesen, dass Annapurna sich aus der Öffentlichkeit zurückzog. Denn eigentlich sei sie die begnadetere Musikerin.

AUDIO: „Sie hat nicht mal Grüßgott gesagt“. Daniel Bradley über seine erste Begegnung mit Annapurna Devi.

Der Guru von Tabla-Meister Swapan Chaudhuri war kein Profimusiker, sondern Banker.  „Ich hatte mein ganzes Leben lang nur einen einzigen Guru“, erzählt Chaudhuri, „niemand kannte ihn, aber er war ein großartiger Musiker.“ Auch Shyamal Chatterjee, der erste Lehrer des ukrainisch-israelischen Sitarspielers Alex Stroganov alias Alokesh Chandra, gibt fast keine Konzerte. Von Beruf war er früher Polizist. Seit er im Ruhestand ist, widmet er sich ganz und gar der Musik. Nur ganz zu Beginn verlangte er von Alokesh Geld für den Unterricht. „Als ich das zweite mal nach Kalkutta kam fragte ich Shyamalji nach dem Preis für die Stunden. Wie viel kannst du geben? fragte er mich. Ich gebe dir alles, was ich habe, sagte ich. Und das hab ich wirklich so gemeint. Er hat gelacht und gesagt: Ich will nur deine Liebe und deine Demut. Gib mir meine Musik zurück: Ich möchte meine Musik von dir hören.“

Gib mir meine Musik zurück!
Nur wenige Meister nehmen langfristig Geld von ihren Schülern. Shyamal Chatterjee lud seinen Schüler Tag für Tag zu sich nach Hause ein. Dann saßen die beiden acht Stunden zusammen und musizierten.

Zeit spielt in Indien eine andere Rolle. Das Wort „Kal“ bedeutet im Hindi sowohl gestern, wie auch morgen. „Parson“ ist sowohl vorgestern, wie auch übermorgen. Als Schüler braucht man Geduld: Zeitliche Abläufe sind oft nicht so genau geplant, für Westler kann das sehr mühsam sein, weiß Tablaspieler Gerhard Rosner. Denn es ist keineswegs fixiert, wann genau der Unterricht stattfindet. Meist sitzen die Schüler im Haus des Meisters im Übungsraum und üben. „Und wenn man Glück hat, kommt der Meister vorbei und gibt Unterricht“, sagt Rosner. Er fährt seit etwa zehn Jahren regelmäßig nach Pune zu seinem Tablalehrer Suresh Talwalkar.

Lieben heißt leiden lassen
Der in Österreich lebende Sitar-Spieler Daniel Bradley hat unter anderem bei Annapurna Devi gelernt, der Ex-Frau von Ravi Shankar. Zunächst wollte sie ihn gar nicht nehmen. Als sie zufällig eine Aufnahme von ihm hörte, änderte sie ihre Meinung. Sie bestellte ihn für zehn Uhr abends in ihr Haus in Mumbai. Dort hieß es, solle er sich erst mal hinsetzen und alleine üben. „Ich setz mich also hin und übe“, erzählt Bradley, „und dann schau ich auf die Uhr und es ist schon elf Uhr. Ich übe weiter und plötzlich ist es Mitternacht. Und dann kommt sie rein und sagt: jetzt trinken wir mal einen Tee.“ Der Unterricht dauerte schließlich bis vier Uhr Früh und dann musste sich Daniel Bradley erst mal auf die Suche nach einem Taxi machen, das ihn mitten in der Nacht nach Hause brachte: „Das ging dann jede Nacht so. Nach zwei Wochen war ich erledigt.“

Indische Gurus gehen hart um mit ihren Schülern. Fragen dürfen meist nicht gestellt werden. Und auch Lob wird nicht als geeignete Methode zur Motivation von Lernenden betrachtet – erklärt der indische Tabla-Meister Swapan Chaudhuri: „Wenn ich zu einem Schüler sage: du spielst gut, dann übt er nicht mehr. Und dann kann er die nächste Stufe nicht erreichen. Ein Lehrer hat die Aufgabe, seiner Schüler anzutreiben. Wenn er das Talent erkennt und den Schüler liebt, dann muss er streng sein. Ich bin sehr streng, denn genauso bin auch ich unterrichtet worden.“

AUDIO: „Du bist auf dem richtigen Weg.“ Swapan Chaudhuri über seinen gestrengen Guru (1:31)

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