Indische Musik (2): Alles Karma

31 01 2011

SENDUNG: Radiokolleg: Ragas, Bansuris und Gurukuls. Wenn Westler der indischen Musik verfallen. TEIL 2,
Dienstag, 1. Februar 2011, 9:45 Uhr (WH: 22:40 Uhr), Ö1

Wenn Westler so sehr auf klassisch-indische Musik reinkippen, dass ihr bürgerliches Leben an den Nagel hängen und Jahr für Jahr nach Indien zu ihren musikalischen Gurus pilgern, dann ist das für gewöhnlich nicht geplant. Dann ist das Karma, also Vorherbestimmung. Zumindest sind davon die Musiker und Musikerinnen selbst überzeugt. Und diese höhere Macht kann unerwartet zuschlagen: Am Flussufer des Ganges im indischen Pilgerort Varanasi, in der WC-Schlange eines Flugzeugs oder auch mit einem Tennisschläger.


Zwischen den Kulturen

Oft kann man es sich nicht aussuchen, wann man von der Leidenschaft gepackt wird. Da sitzt man nichtsahnend am Gangesufer im indischen Pilgerort Varanasi, ein Flötenverkäufer kommt zufällig vorbei und schon ist es passiert. Das ist eben Schicksal – oder: Karma, wie die Inder sagen. So geschehen ist es Rina Chandra alias Renate Stroganov, Tochter einer Weinbauernfamilie aus Raggendorf in Niederösterreich.

Eigentlich wollte Renate damals, vor mehr als zehn Jahren, nach Nepal in die Berge. Auf der Suche nach Abenteuer. Oder nach Spiritualität. So genau weiß sie das heute selbst nicht mehr. Und weil Indien in der Nähe war, wollte sie auch eine kurzen Abstecher dorthin machen. Ein schicksalshafter Abstecher sollte das werden. Seit mittlerweile neun Jahren hat sie ihr Leben dieser indischen Bambusflöte namens Bansuri gewidmet und pendelt seither zwischen den Kulturen hin und her. Sie ging zunächst nach Delhi, um zu lernen und später nach Mumbai.

AUDIO: Renate Stroganov (Rina Chandra) und der Flötenverkäufer (0:44)

Krishnas Flöte
Auf so etwas wie ein geregeltes bürgerliches Leben hat Renate Stroganov verzichtet. In den Sommermonaten arbeitet die ausgebildete Physiotherapeutin als Urlaubsvertretung in einer Klinik in Niederösterreich. Den Winter verbringt sie meist in der indischen Großstadt Mumbai, bei ihrem Guru – so bezeichnet man in Indien einen Lehrer. Ihr Flötenmeister Hariprasad Chaurasia ist einer der bekanntesten Bansurispieler weltweit.

Die Bansuri wird als Querflöte gespielt. Sie besteht aus einem Bambusrohr mit sieben Löchern: eines zum Reinblasen, sechs für die Finger zum Greifen. Sie ist eines der ältesten Instrumente Indiens und gilt als das Instrument des Gottes Krishna. Ursprünglich wurde sie eher in der Volksmusik verwendet. Mittlerweile aber auch in der klassischen Musik.

Vor ein paar Jahren hat Renate Stroganov gemeinsam mit anderen westlich-indischen Musikern in Wien das indische Musikensemble Alankara gegründet. Sie tritt unter dem Künstlernamen Rina Chandra auf. Manchmal gemeinsam mit dem Tabla-Spieler Gerhard Rosner.

Schicksalshafter Sitznachbar
Gerhard Rosner stammt ebenfalls aus Niederösterreich. Ihn hat vor elf Jahren ein Auslandssemester im Rahmen seines Philosophiestudiums nach Indien verschlagen. Doch die Vorsehung hatte anderes vor. Im Flieger saß neben ihm ein Deutscher, der klassisch indische Musik lernte. Und weil Gerhard Rosner noch kein Quartier hatte, nahm ihn der Deutsche mit zu seinen indischen Freunden. Rein zufällig war das eine Familie von traditionellen Tabla-Spielern.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Gerhard Rosner noch nie sonderlich für Perkussionsinstrumente interessiert. Aber das war Liebe auf den ersten Blick erzählt er: „Der Klang hat mich fasziniert und auch diese Virtuosität und Vielfalt, die auf der Tabla möglich ist.“ Wie besessen übt er jeden Tag sechs Stunden. „Was meinen Händen nicht besonders gut getan hat. Die waren extrem geschwollen. Aber das hat meinem Enthusiasmus keinen Abbruch getan.“

AUDIO: Gerhard Rosner über die Liebe auf den ersten Blick (1:12)

Schmerzen ertragen können
Westler, die indische Musik lernen, müssen sich nicht nur an die fremden Klänge gewöhnen. Auch für den Körper ist das eine Herausforderung. Man muss stundenlang auf dem Boden im Schneidersitz verharren – oder in ähnlich ungewohnten Körperhaltungen. Schon oft sind ihm beim Spielen die Beine fast abgestorben, erzählt der Sitar-Spieler Daniel Bradley: „Es gab schon Fälle, wo die Tränen fast geflossen sind. Nicht vor Freude am Musizieren, sondern vor Schmerz.“

Doch wer Sitar lernen will, muss eben physische Schmerzen ertragen können, sagt Bradley. Auf den Fingern seiner linken Hand hat er eine dicke Hornhaut mit Millimeter-tiefen Furchen, hier haben sich die dicken Saiten der Sitar verewigt. Im Gegensatz zu Renate Stroganov und Gerhard Rosner war der US-Amerikaner Daniel Bradley bereits Musiker, bevor er die Hindustani-Musik für sich entdeckte. Nach Europa kam er in den 1960er Jahren. „Bei uns war damals der Vietnam-Krieg sehr in Mode. Aber ich war noch nie besonders modebewusst“, sagt Bradley. Anstatt in den Krieg zu ziehen, studiert er lieber klassischen Gesang. Zuerst in Paris, dann in Wien. Zur indischen Musik brachte ihn ein Tennisschläger, erzählt Bradley.

Ein Schlag auf den Kopf
Nämlich der, den er für einen US-amerikanischen Bekannten bespannte. Tennisschläger bespannen war damals ein kleiner Nebenjob für Daniel Bradley. Die Übergabe findet in einer Bar statt und zufällig taucht dort auch ein Arbeitskollege des Amerikaners auf, der aus Bangladesh stammt. „Wir haben uns kennengelernt und sofort angefreundet“, sagt Daniel Bradley. Er taucht ein in die Bangladeshi bzw. ost-indische Community in Wien. Er lernt ein paar Brocken Bengali, trifft Musiker aus Kalkutta, spielt mit ihnen in einem gemischten Musikensemble. Und er hält das erste Mal eine Sitar in Händen.

„Nach einer Probe hat mein Freund dann einmal eine LP von Nikhil Banerjee aufgelegt“, erzählt Bradley, „ich wusste damals noch nicht wer das war. Aber das war wie in diesen Comicbüchern: Da kommt eine Hand aus der Wolke heraus und haut dir auf den Kopf. Es war – bumm. Und da hab ich gewusst: Das ist es, was ich all die Jahre gesucht hab in der Musik.“ Bei einem Wien-Konzert lernt Daniel Bradley schließlich den Großmeister persönlich kennen. Er folgt ihm nach Kolkata, und studiert dort sechs Jahre lang Sitar bei Nikhil Banerjee. Bis der Altmeister 1986 schließlich verstirbt.

AUDIO: Daniel Bradley über seinen Guru Nikhil Banerjee und die Moskitos (2:01)

Selbstfindung in Kolkata
Die Sitar ist ein Zupfinstrument mit etwa 20 Saiten – der Großteil davon Resonanzsaiten, die die typischen Obertonklänge erzeugen. Der international bekannteste Sitar-spieler ist Ravi Shankar, er ist mitterweile über 90 Jahre alt. Er hat schon in den 1960er Jahren die indische Musik im Westen populär gemacht. Der Geiger Yehudi Menuhin und der Beatle George Harrison zählen zu seinen berühmtesten Schülern.

Alokesh Chandra, der mit bürgerlichem Namen Alex Stroganov heißt, hat damals in seiner Jugendzeit sowohl die Beatles gehört wie auch Ravi Shankar. Alokesh ist Weltenbürger: Geboren in Kiew in einer russischen Familie, aufgewachsen in Israel, die Verwandten verstreut über die Kontinente. Mit 20 fuhr er zur Selbstfindung nach Kolkata und begann dort Sitar zu lernen. Zufällig landete er bei einem Lehrer, der selbst ein Schüler von Ravi Shankar gewesen war: Shyamal Chatterjee. Mehrere Jahre lang fuhr Alokesh Chandra immer wieder nach Kolkata zu seinem Guru.

Ein unerreichbarer Stern
Als er eines Tages, nach einem längeren Aufenthalt, Indien wieder verlassen wollte, kam sein Lehrer auf die Idee, Alokesh solle doch Ravi Shankar kennenlernen. „Du musst dir vorstellen, Shyamalji ist jetzt 82 Jahre alt und für diese Generation ist die Welt irgendwie einfacher. Er dachte sich: oh, Alex fährt ins Ausland. Und Ravi Shankar lebt ja auch dort – im Ausland. Da können sie sich ja treffen“, erzählt Alokesh alias Alex Stroganov.

Er selbst hielt das aber nicht für besonders realistisch. Schließlich war Ravi Shankar ein Star, ein unerreichbarer Stern am Himmel. Wie sollte er ihn „einfach treffen“? Wie sollte er ihn überhaupt kontaktieren? Damals, in den 1980ern gab es schließlich kein Internet, wo man mal schnell eine Adresse recherchierte und ein e-mail schrieb.

Das Schicksal in der WC-Schlange
Am nächsten Tag am Flughafen sieht Alokesh Chandra einen Tabla-Spieler, den er schon öfters auf der Bühne gesehen hat: Bikram Gosh, der auch häufig mit Ravi Shankar gemeinsam spielt. Sie sitzen im gleichen Flieger. Alokesh traut sich zunächst nicht, ihn anzusprechen – bis die beiden zufällig in der WC-Schlange hintereinander stehen.

Bikram Gosh erzählt ihm, dass er gerade auf dem Weg nach London sei, um mit Ravi Shankar auf Tournee zu gehen. „Und dann kam mir plötzlich die Idee, einen Brief zu schreiben“, berichtet Alokesh. Der Flug dauerte sieben Stunden und es wurde ein langer Brief. „Darin versuchte ich, all meine Gefühle für die Sitar und die indische Musik auszudrücken. Beim Aussteigen gab ich Bikram Gosh das Kuvert und bat ihn: Können Sie das bitte Ravi Shankar geben?“

Einige Monate später ist Alokesh Chandra wieder in Kalkutta bei seinem Lehrer. Ein enger Freund aus Tel Aviv ruft ihn an. Ein Brief sei gekommen. „Als mein Freund den Brief öffnete, haute es ihn fast um: denn er war von Ravi Shankar. Er schrieb, er hätte sich sehr über meinen Brief gefreut und er würde mich gerne treffen. Er sei dann und dann in Delhi und er schickte mir seine Telefonnummer. So begann das alles.“ Alokesh wird schließlich ein Schüler von Ravi Shankar. „Es war wirklich ein riesengroßer Zufall und ich glaube, irgendjemand hat das von oben gelenkt“, ist er überzeugt.

AUDIO: Alex Stroganov (Alokesh Chandra) und der Brief an Ravi Shankar

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