Indische Musik (1): East goes West

29 01 2011

SENDUNG: Radiokolleg: Ragas, Bansuris und Gurukuls. Wenn Westler der indischen Musik verfallen. TEIL 1
Montag, 31. Jänner 2011, 9:45 Uhr (WH: 22:40 Uhr), Ö1

Klassische indische Musik klingt fremd für europäische bzw. amerikanische Ohren. Und trotzdem zieht diese Musik immer mehr „Westler“ in ihren Bann. Bereits die Beatles meditierten in einem Ashram im nordindischen Pilgerort Rishikesh, George Harrison lernte Sitar bei Großmeister Ravi Shankar. Viele westliche Musiker ließen sich in den 1960ern und 70ern von der indischen Kultur beeinflussen und kreierten den sogenannten „Raga-Rock“, der in den 1990ern sein Revival in Großbritannien erlebte.

Alankara Ensemble: Gerhard Rosner (Tabla), Alokesh Chandra (Sitar), Rina Chandra (Bansuri)

Ungewohnte Klänge
1971 organisierte der Beatle George Harrison in New York ein Benefizkonzert für Flüchtlinge aus dem kriegsgeschüttelten Bangladesch. Eingeladen war unter anderem der berühmte indische Sitar-Spieler Ravi Shankar. Dieser kam auf die Bühne, entlockte seinem Instrument die ersten Töne und das amerikanische Publikum tobte vor Begeisterung. Ravi Shankar lächelte und sagte mit sanfter Stimme: „Danke. Wenn Ihnen das Stimmen der Instrumente schon so gut gefällt, dann hoffe ich, Sie werden unser Spiel noch mehr genießen.“

Tatsächlich hat die klassische indische Musik wenig mit dem zu tun, was westliche Ohren so gewohnt sind. Wenig mit der Logik, wie westliche Musik aufgebaut ist und wenig mit der Art wie man westliche Musik lernt.

Die Hierarchie der Instrumente
Das System ist hierarchisch, erklärt der Niederösterreicher Gerhard Rosner. Er lernt seit mehr als 20 Jahren Tabla, das sind die indischen Trommeln, bei verschiedenen Tablameistern in Indien. Hierarchisch einerseits, was die Rangordnung der Musiker anbelangt: Am höchsten angesehen sind die Sänger und Sängerinnen. Dann kommen die Instrumenten der Solo-Instrumente, wie Sitar, Sarod oder Bansuri, dann die Tabla-Spieler und danach die Tänzer und Tänzerinnen.

Aber auch die Musik selbst folgt einem Autoritätsprinzip, sagt Rosner. Denn es gibt ein Hauptinstrument, das eine Melodie spielt und die anderen Musiker begleiten. Die indische Musik kennt keine Mehrstimmigkeit. Etwa 90 Prozent des Gespielten ist improvisiert. Trotzdem schaffen es die einzelnen Instrumente – auf wundersame Weise – harmonisch zusammen zu spielen. In Indien ist es durchaus üblich, dass sich wildfremde Musiker auf der Bühne treffen und dann einfach gemeinsam spielen. Dass jetzt ein Perkussionist an der Improvisation einer Sitar erkennen kann, in welchem rhythmischen Rahmen er sich befindet, braucht eine gewisse Erfahrung, erklärt Gerhard Rosner.

„Ein guter Tabla-Spieler kann vorhersehen, was ich auf der Sitar spielen will und dann begleitet er mich dabei. Da ist nichts ausgemacht und wir zwinkern uns auch nicht heimlich zu, bevor eine bestimmte Phrase kommt. Was uns zusammenhält, ist der strenge Rahmen von Raga und Tala“, sagt der ukrainisch-israelische Sitarspieler Alex Stroganov, Künstlername: Alokesh Chandra.

AUDIO: „Das heißt nicht, dass man irgendeinen chaotischen Nonsense spielt“. Alex Stroganov übers Improvisieren

Jede Melodie zu ihrer Tageszeit
Tala und Raga nennt sich das Regelwerk der Hindustani-Musik. Grob vereinfacht ausgedrückt: Rhythmus und Melodie. Raga heißt wörtlich „Was den Geist färbt“ und ist mehr als nur eine Tonleiter, quasi ein Stil, in dem jeweils aufsteigend und absteigend nur bestimmte Töne erlaubt sind. Jeder Raga hat einen ganz eigenen Charakter und ist einer bestimmten Tageszeit zugeordnet, erzählt die Flötenspielerin Renate Stroganov, die sich als Künstlerin Rina Chandra nennt: „Ich hab die Ragas immer schon zu der Tageszeit geübt, zu der sie hingehören und für mich ist es ganz komisch, am Abend einen Morgenraga zu spielen. Da kommt einfach nicht die richtige Emotion durch und das lässt sich ganz schwer mit Worten erklären.“ Niemand weiß genau, wie viele Ragas es gibt. Wohl mehrere Hundert.

Der Tala wiederum ist die rhythmische Struktur eines Musikstückes, also so etwas wie ein Takt. Er ist eingeteilt in Zyklen von beispielsweise 7, 10 oder auch 16 Schlägen. Doch, anders als bei einem einfachen Dreiviertel oder Viervierteltakt, ist es für das ungeübte Ohr fast unmöglich, hier irgendwelche Zyklen herauszuhören. Ein indischer Tala groovt nicht, erklärt Gerhard Rosner. Die psychische Präsenzzeit, also jene Zeit, in der das soeben Vergangene noch präsent ist, ohne, dass das Gedächtnis eingeschalten wird, beträgt 4 bis 6 Sekunden. In der westlichen Musik ist es eher selten, dass ein Takt länger dauert, sagt Gerhard Rosner. In Indien ist das anders: Da kann so ein Zyklus auch ein Minute lang sein.

AUDIO: „Die können noch gar nicht bis 16 zählen und spielen schon ganz komplizierte Figuren.“ Gerhard Rosner über 3-Jährige Tabla-Virtuosen

Von den Mogulen zu den Hippies
Das was wir heute als nordindische klassische Musik – auch Hindustani-Musik genannt – kennen, dürfte etwa im 12. Jahrhundert entstanden sein. Damals eroberten muslimische Herrscher aus Zentralasien den Norden Indiens. Sie brachten persische Musik mit, die mit den uralten Musiktraditionen Indiens vermischt wurde. Bis ins 20. Jahrhundert hinein gab es auf allen indischen Fürstenhöfen eigene Musik- und Gesangsstile.

Das erste Mal wurde indische Musik in Europa gegen Ende des 18. Jahrhunderts wahrgenommen. Der britische Indologe William Jones verfasste ein Traktat „The Music of Hindostan“, das offenbar auch Beethoven mit Interesse gelesen hat. Gehört hat er indische Musik jedoch nie. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts reisten zwei junge französische Musiker nach Indien: Albert Roussel und Maurice Delage. Sie besuchten klassisch indische Konzerte und versuchten später das Gehörte in ihre eigene Musik einfließen zu lassen.

So richtig populär wird die indische Musik im Westen in den späten 1960er-Jahren, in der Hippie-Ära. Und hier waren es vor allem die Beatles, die indische Instrumente in ihre Musik einbauten. Das erste Mal war bei ihnen eine Sitar im Song „Norwegian Wood“ zu hören. Die Rolling Stones, die Doors, die Kinks, Donovan und viele andere Bands der 1960er verwendeten Sitar oder Tabla in ihrer Musik. Kaum einer der Musiker setzte sich jedoch ernsthaft mit der komplizierten indischen Musik auseinander. Meist ahmten sie lediglich die indischen Klänge irgendwie nach. Raga-Rock nannte sich das Ganze.

Ein Musik-Guru im US-TV
Eine Ausnahme war George Harrison. Er fuhr 1966 für sechs Wochen nach Indien, um beim Sitar-Großmeister Ravi Shankar zu lernen. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft.

Ravi Shankar war neben dem Sarod-Spieler Ali Akbar Khan jener indische Musiker, der am meisten zur Verbreitung der Hindustani-Musik im Westen beigetragen hat.
1955 lud der Geiger Yehudi Menuhin Ravi Shankar in die Vereinigten Staaten ein. Da dieser verhindert war, schickte er seinen Kollegn Ali Akbar Khan. Dieser wurde der erste klassisch-indische Musiker, der im amerikanischen Fernsehen auftrat. Bald danach tourte auch Ravi Shankar durch die USA und Europa. Beide übersiedelten schließlich nach Kalifornien. Shankar trat 1969 sogar in Woodstock auf – distanzierte sich jedoch später von der Hippie-Bewegung. Heute spielt er mit seinen 90 Jahren nach wie vor Konzerte. Der Sarod-Virtuose Ali Akbar Khan verstarb 2009 im Alter von 87.

Ali Akbar Khan gründete in den 1970er Jahren das „Ali Akbar Khan College for Music“ in Kalifornien. Sein erfolgreichster Schüler in den Staaten war Ken Zuckerman. Der US-Amerikaner ist einer der wenigen Nicht-Inder, die es geschafft haben, sich einen Namen auf dem Gebiet der klassisch nordindischen Musik zu machen. „Ich hab damals gedacht, nach drei bis vier Jahren könnte ich Profimusiker werden“, erzählt Ken Zuckerman, „aber nach etwa vier Jahren hab ich realisiert, dass ich immer noch ganz am Anfang bin. Und da dachte ich: oh, es wird wohl ziemlich lange dauern.“ Und es hat lange gedauert. Ken Zuckerman lernte insgesamt 37 Jahre bei Ali Akbar Khan.

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