Meine Wohnung wird Filmstar

30 11 2010

SENDUNG: Moment – leben heute, Mittwoch, 1. Dezember 2010, 14:40 Uhr

Hätten Sie ein Problem damit, wenn 40 fremde Menschen für ein paar Tage in ihre Wohnung kommen, ihre Möbel verstellen, ihre Bilder abhängen, ihre Teppiche austauschen, die Fenster schwarz verhängen oder die Wände Pink streichen? Wenn Ihnen das alles keine Angst bereitet, dann könnten Sie getrost darüber nachdenken, ihre Wohnung zwischendurch an Foto- oder Filmproduktionen zu vermieten – so wie es zahlreiche Österreicher und Österreicherinnen bereits tun.


Eine Kommissarinnenwohnung wird eingerichtet
Ein ganz normales Wohnhaus im 4. Wiener Gemeindebezirk. Die Produktionsfirma Superfilm dreht gerade eine neue Folge der TV-Krimiserie „Tatort“. Mit Harald Krassnitzer als Kommissar Eisner und Adele Neuhauser als seine Assistentin Bibi. Hausmeisterin Stefanie schaut am Set nach dem Rechten. Vor allem, dass nach dem Dreh in der Nacht die Haustüre wieder zugesperrt wird. Denn schließlich wohnen im Haus ja noch weitere 24 Parteien.

Im Stiegenhaus tummeln sich Tontechniker, Lichttechniker, Ausstatter, Regieassistentinnen, Maskenbildnerinnen und unzählige andere. Ums Eck parken mehrere LKW und Kleinbusse, mit Equipment und Ausstattung: Kabel, Stative, Scheinwerfer, Möbel, Requisiten, Verpflegung, Kostüme. Während draußen eine Straßenszene gedreht wird, sind in der Filmwohnung von Kommissarin Bibi Fellner noch die Ausstatter am Werk. Sie kleben die letzten Tapeten an die Wand. Davor haben sie den Vorraum ausgemalt, neue Lampen und Bilder an die Wand gehängt. Die ursprüngliche Einrichtung musste raus, neue Möbel kamen rein.

Karli, Irmi und Anna
Tag für Tag sehen wir in Spielfilmen, Werbespots oder Plakaten irgendwelche Wohnungen. Die meisten davon sind auch tatsächlich bewohnt. Karli Sackbauer, der Sohn von Mundl Edmund Sackbauer zum Beispiel wohnt in den neu gedrehten Mundl-Kinofilmen mit seiner Frau Irmi in einer schönen, bürgerlichen Altbauwohnung. Normalerweise wohnt dort aber Frau Anna. Irgendwann wurde sie von einer Bekannten gefragt, ob sie nicht Interesse hätte, ihre riesige Altbauwohnung an eine Produktionsfirme zu vermieten. „Und da hab ich mir gedacht: Na gut, sollen sie mal vorbei kommen.“

AUDIO: Frau Anna über das Chaos

Rette sich, wer kann?
Mittlerweile wurden schon mehrere Filme und Werbespots bei Frau Anna in der Wohnung gedreht. Die Wände neu tapezieren oder streichen – das hat sie den Ausstattern noch nie erlaubt. Aber ansonsten verkraftet sie es ganz gut, wenn in ihren heiligen vier Wänden alles umdekoriert wird, wenn Möbel rausgeräumt werden und Vorhänge neu aufgehängt. Ihre ganz privaten Gegenstände, die niemand sehen soll, bringt sie eben tags davor in Sicherheit.

Viele Wohnungseigentümer ergreifen die Flucht, wenn ein Filmteam bei ihnen einfällt, erzählt Szenenbildner Hannes Salat. Frau Anna hingegen ist immer dabei. Sie zieht sich dann halt in irgendeinen freien Winkel zurück, wo sich noch keine Schauspieler, Regisseure oder Maskenbildner breit gemacht haben, erzählt sie.

Size matters
Bei diversen Filmausstattern und Produktionsfirmen sind Frau Anna und ihre Wohnung bestens bekannt. 180 m2 Altbau, Nähe Wiener Naschmarkt, 5 Zimmer, allein der Vorraum hat 30 m2. Ein Traum für alle Filmteams. Denn die brauchen vor allem eines: viel Platz. Nicht jede Wohnung hat schließlich das Zeug zum Filmstar. „Die klassische Werbewohnung liegt im Erdgeschoß, Mezzanin oder 1. Stock, hat 140 m2 oder mehr und hat eine interessante Farbgebung. Also nicht komplett weiße Wände“, erklärt Location Scout Stefan Teuber, „die klassische Spielfilmwohnung gibt es nicht. Das hängt vom Drehbuch ab. Der Look ist relativ egal, weil sie ohnehin komplett umgemodelt wird.“

Seit etwa 12 Jahren lebt Stefan Teuber – als einer der wenigen in Österreich – hauptberuflich davon, dass er für Filmproduktionsfirmen die passenden Drehorte findet: Bauernhöfe, Schlösser, Luxuswohnungen oder auch schmuddelige Studenten-WGs. In seinem Archiv finden sich mittlerweile über 400 Objekte.

Location Scouts klappern Immobilienmakler ab, schauen sich Architekturplattformen im Internet an, sprechen mit Hausmeistern und verteilen auch manchmal Flugzettel vor den Wohnungstüren interessanter Häuser.

Den Tag zur Nacht machen
Übrigens ist es nicht nur die Größe, mit der eine Wohnung beim Casting ihr Star-Potential offenbaren kann, erklärt Teuber. Sondern auch die Frage: Kann man außen vor den Fenstern Scheinwerfer postieren? Denn um eine kurze Szene in einem Film zu drehen, braucht man oft den ganzen Tag. Und da muss die Lichtstimmung konstant bleiben.

AUDIO: Stefan Teuber

Die Filmcrews können mit ihrem Equipment die Nacht zum Tag machen. Aber auch den Tag zur Nacht, weiß Frau Anna. Denn als in ihrer Wohnung eine Nachtszene gedreht wurde, dunkelten ihr die Ausstatter kurzerhand für ein paar Tage die Fenster komplett ab.

Doch egal, was die Szenenbildner am Drehort alles auf den Kopf stellen, am Ende bekommen die Bewohner und Bewohnerinnen alles wieder so zurück, wie es ursprünglich war. Selbst wenn die Ausstatter die weißen Wände pink oder schwarz ausmalen, streichen sie sie nachher wieder weiß – es sei denn den Bewohnern gefällt Pink oder Schwarz.

Text erschienen auf oe1.ORF.at

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One response

29 03 2011
FILMQUARTIER WIEN

Sehr netter Report, bleibt zu hoffen, dass sich Wien immer mehr als Filmdrehort manifestiert, auch für internationale Produktionen, die den Wiener Flair für Filmlocations nutzen wollen. Neuerdings gibt es ja sogar noch 25% Ermäßigung bzw. Zuschuß für Filmproduktionen, die in Wien geshooted werden, siehe http://portal.wko.at/wk/format_detail.wk?AngID=1&StId=571202&DstID=686

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