Yes Theatre – Geschichten aus einem palästinensischen Flüchtlingslager

24 10 2010

SENDUNG: Leporello, Montag, 25. Oktober 2010, 7:52 Uhr, Ö1

Das Yes Theatre ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, durch das Theaterspielen traumatische Erfahrungen zu verarbeiten, sich zu reflektieren und Möglichkeiten zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung zu erlernen. Auf diese Weise versucht das Yes Theatre dazu beizutragen, dass aus Jugendlichen Hoffnungsträger für die palästinensische Gesellschaft werden, die die Spirale der Gewalt durchbrechen können. Im Oktober war das Yes Theatre zu Gast beim Festival Salam.Orient in Wien.


Müll, Siedler, Militärkontrollen
„Austria is nice, no garbage, no settlers, no checkpoints“ – Österreich ist schön. Da hat man soviel Platz zum Herumlaufen. Da gibt es keine aggressiven Siedler, keine israelischen Soldaten, kein Schlangestehen an Militär-Checkpoints. Muhamed, Muath, Wa’ad – 13 und Muhamed, 16 Jahre alt, spielen auf der Bühne „Jugendliche aus einem palästinensischen Flüchtlingslager“. Die vier Jugendlichen spielen sich selbst.

Alle vier stammen aus dem Flüchtlingslager Al Fawwar, im besetzten Westjordanland, etwa zehn Kilometer südwestlich von der Stadt Hebron. Sie gehören zur palästinensischen Theatergruppe Yes Theatre und waren im Rahmen des Festivals Salam Orient zu Gast im Jugendtheater Dschungel in Wien.

Die Freiheit, Wut auszudrücken
„Für mich ist das schönste beim Theaterspielen diese Freiheit auf der Bühne. Sie gibt uns Kraft und Mut. Wir können dort unsere ganze Wut ausdrücken und unsere Probleme. Wir zeigen unser Leben und was in uns vorgeht“, erzählt der 13-jährige Muath. Man muss nicht unbedingt Arabisch können, um das Stück zu verstehen. Viel passiert durch Pantomime. Dazwischen erklärt ein Erzähler die Rahmenhandlung – und die wird auf Deutsch übersetzt.

„Wir haben dieses Stück nach Europa gebracht, damit die Leute hier das Leben in den Flüchtlingslager verstehen“, erklärt Ihab Zahdeh. Er ist professioneller Schauspieler und Theater-Trainer. „Die Leute in Europa sollen wissen, wie sehr wir leiden, wie wir unseren Alltag bewältigen. Denn wir haben wirklich ein sehr schweres Leben dort in Palästina. Wir konzentrieren uns in den Stücken immer auf das Alltagsleben. Wir lassen die Kinder improvisieren und dann nehmen wir ihre Geschichten auf: Szenen aus ihrem Zuhause, der Straße, der Schule. Und daraus machen wir Stücke.“

Ja zum guten Leben
Ihab Zahdeh selbst stammt aus der Stadt Hebron – einer der konfliktreichsten Städte im Westjordanland. Denn mitten in der arabischen Altstadt gibt es jüdische Siedlungen. Um diese zu schützen, wird das Stadtzentrum vom israelischen Militär kontrolliert. Hass regiert auf beiden Seiten. Dort ist seit mittlerweile drei Jahren das Yes-Theatre angesiedelt. Die Trainer bilden Lehrer und Lehrerinnen in Theaterpädagogik aus und veranstalten Theaterworkshops für Schüler und Schülerinnen – meist getrennt nach Geschlechtern. Denn die meisten palästinensischen Familien hätten Probleme mit gemischten Gruppen.

„Wir nennen unser Theater Yes Theatre, denn wir wollen ja sagen zu all den guten Dingen. Wir sagen ja zu Menschen, die eine eigene Meinung haben und diese laut sagen – auch wenn sie nein zu schlechten Dingen sagen. Das Yes Theatre sagt ja zum guten Leben, zur Gesundheit, zum Frieden, zu Jugendlichen – Buben und Mädchen.“

AUDIO: Muhamed Titi über Buben und Mädchen

Ein Leben in der Warteschlange
Gearbeitet wird mit Jugendlichen aus der Stadt Hebron und vor allem auch mit solchen aus dem nahegelegenen Flüchtlingslager Al Fawwar. Für Theater-Trainer Ihab Zahdeh ist es wichtig, dass diese Jugendlichen einander kennenlernen, sich austauschen und ihre Realitäten miteinander vergleichen. Al Fawwar ist zwar nur zehn Kilometer von Hebron entfernt, trotzdem kann die Anreise für die Kids Stunden dauern. Denn unterwegs müssen sie mehrere Checkpoints des israelischen Militärs überqueren.

AUDIO: Ihab Zahdeh über die Flüchtlingslager

Schlangestehen gehört zum Alltag von Palästinensern und Palästinenserinnen, erzählt einer der jungen Schauspieler: „Es gibt so viele Checkpoints im Westjordanland, dass wir sie gar nicht zählen können. Wenn ich meine Großeltern besuchen fahre, dann müssen wir so an die 180 Checkpoints überqueren. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, dann muss man manchmal ein bis zwei Stunden warten. Dann kommen 30 Soldaten und sagen: Alle raus! Und dann müssen alle an der Wand stehen. Die Soldaten kontrollieren alles: unsere Taschen und Rucksäcke. Und wenn alles durchsucht ist, dann dürfen wir vielleicht durch. Aber vielleicht schicken sie uns auch zurück.“

60 Jahre Flüchtlingslager
Im israelisch-arabischen Konflikt 1948 besetzte Israel den Gaza-Streifen und das Westjordanland. Damals wurden 750.000 Palästinenser von ihrem Zuhause vertrieben. Bis heute gelten 4,7 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge. Ein Drittel von ihnen lebt nach wie vor in Flüchtlingslagern. Seit über 60 Jahren. Das Lager Al Fawwar ist etwas mehr einen Viertel Quadratkilometer groß: 520 mal 520 Meter. Dort leben mittlerweile 8.000 Menschen. Jungfamilien bauen weitere Stockwerke auf die Häuser ihrer Familien, auf den Dächern wird Gemüse angebaut, Müll liegt überall auf den engen Gassen.

Schüsse auf spielende Kinder
Eine Szene aus dem Stück: Die Jugendlichen spielen auf der Straße Fußball. Bis einer von einem Auto angefahren wird. Das passiert auch im echten Leben sehr häufig, erzählt der Darsteller Wa’ad: „Wir wollten in dem Stück nicht irgendwie übertreiben. So ist unser Leben – und noch schlimmer. Es ist überall eng im Lager. Wir haben keinen Platz zum Spielen. Die einzigen freien Flächen sind die Straßen. Und dort spielen Kinder, dort fahren Autos und dort verkaufen Händler ihre Waren.“

Der heute 16-jährige Muhamed wollte einmal den engen Straßen des Lagers entkommen und am Hügel spielen, ganz in der Nähe der Mauer. Israel hat ja im Jahr 2002 begonnen, eine Mauer rund um das Westjordanland zu bauen – und dafür viel internationale Kritik geerntet. „Diese Mauer ist ein sehr großes Problem für uns“, erzählt er, „sie hat den Palästinensern viel Land weggenommen. Und in der Nähe der Mauer ist es sehr gefährlich. Wenn man da zu nahe kommt, wird gleich geschossen. Ich hab einmal in der Nähe der Mauer gespielt und dann hat mir ein Soldat ins linke Bein geschossen.“

„Wir trainieren keine Schauspieler“
Für die Theater-Trainer des Yes-Theatre ist ihre Kulturarbeit in erster Linie eine Form von Sozialarbeit, erzählt der zweite Lehrer der Gruppe, Muhamed Titi: „Wir bringen den Kids nicht bei, Schauspieler zu sein. Wir bringen ihnen bei, sich selbst auszudrücken. Sie sollen entdecken, was in ihnen steckt – und das sollen sie der Welt zeigen.“

Muhamed Titi stammt selbst aus dem Flüchtlingslager: „Als Kind hatte ich dort auch viele Probleme. Aber als ich dann begann, Theater zu spielen, habe ich mich selbst gefunden. Ich habe seltsame Dinge entdeckt und schöne Dinge. Natürlich können wir den Kindern keine großen Hoffnungen machen. Aber so Schritt für Schritt sollen sie lernen, dass die Zukunft besser werden könnte, dass es etwas gibt, wofür es sich auszahlt, zu leben.“

Theater gegen die Gewalt
Wenn Kinder und Jugendliche tagtäglich mit Gewalt konfrontiert werden, dann kennen sie selbst auch keine anderen Handlungsmöglichkeiten. Gerade in der tristen Situation des Flüchtlingslagers bestehe die Gefahr, dass sie mit extremistischen Gruppen sympathisieren. Es gebe sogar Theatergruppen, die versuchten, die Kinder zu fanatisieren, erzählt Muhamed Titi. Doch das Yes Theatre möchte genau das Gegenteil erreichen, betont Ihab Zahdeh: „Wir sind gegen Gewalt – das ist eines der wichtigsten Ziele des Yes Theatre. Daran arbeiten wir seit wir das Theater 2007 gegründet haben. Wir lehnen Gewalt ab, wir wünschen uns eine friedliche Generation – nicht eine Kopie ihrer Eltern und Großeltern, die alle gleich denken. Eine neue Generation mit neuen Ideen. Jeder einzelne soll seine eigene Meinung haben, seinen eigenen Weg. Ohne Gewalt.“

Die Strategie scheint aufzugehen: Er hege überhaupt keinen Hass gegen Israelis, sagt der 13-jähriger Darsteller Muhamed ganz von sich aus: „Wir haben überhaupt kein Problem mit den Menschen in Israel. Unser Problem sind die Soldaten. Denn die marschieren jeden Tag in unser Lager, nehmen jemanden fest oder bringen jemanden um. Manchmal kommt auch der Hubschrauber und schießt auf uns. Aber mit den israelischen Zivilisten – nein, mit denen haben wir gar kein Problem.“

Mehr zum Alltag im Westjordanland:
Not in my name – Unterwegs mit israelischen FriedensaktivistInnen

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