RoboBraille: Texte per e-mail hörbar machen

21 10 2010

SENDUNG: Digital.leben, Dienstag, 19. Oktober 2010,
16:55 Uhr, Ö1

Wie lesen sehbehinderte Menschen elektronische Texte? Wie überwinden sie Barrieren im Netz? Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs hat jetzt einen neuen, kostenlosen Webservice vorgestellt: RoboBraille kann Dokumente für Blinde übersetzen und noch einiges mehr.

Kostenloser Webservice
Man muss nicht sehen können, um Infos auf der Ö1-Website zu lesen, denn oe1.orf.at ist barrierefrei. Das bedeutet: sehbehinderte Menschen können die Inhalte stattdessen hören – vorausgesetzt, sie haben ein entsprechendes Lesegerät. Ansonsten gibt es für sehbehinderte Menschen in der digitalen Welt aber alle möglichen Hindernisse. Einige davon möchte RoboBraille aus dem Weg räumen.

Hinter dem Projekt RoboBraille steht ein E-Mail-basierter Dienst, der elektronische Dokumente in synthetische Sprache oder in Blindenschrift konvertiert. Dazu muss man einfach den gewünschten Text als Attachment an die E-mail-Adresse deutsch@robobraille.org schicken. Einige Minuten – oder auch Stunden – später bekommt man einen Link zum Audiofile.

Wahlweise kann das System Texte auch in das Format DAISY umwandeln – das sind strukturierte Hörbücher, speziell für Sehbehinderte entwickelt. Oder es kann sie direkt in die Blindenschrift Braille konvertieren. Dazu braucht man dann allerdings einen speziellen Braille-Drucker.

Aus Bildern werden Buchstaben
Was RoboBraille außerdem kann: Dateiformate, die für herkömmliche Lesegeräte unleserlich sind, in lesbare Formate umwandeln. Scannt man zum Beispiel einen Zeitungsartikel ein und schickt das als pdf an einen blinden Kollegen, der eine herkömmliche assistierende Technologie verwendet, so hat er ein Problem: Sein Lesegerät betrachtet das Dokument nämlich als Grafikdatei und nicht als Text. RoboBraille ist in der Lage, das Ganze wieder als Text umzuwandeln, erklärt Daniele Marano, Projektleiter von RoboBraille Deutsch.

Hördokumente für Sehende
Zielgruppe sind nicht nur blinde Menschen, sondern auch solche mit Leseschwäche, Migranten, die die deutsche Schriftsprache nicht gut beherrschen und alle anderen auch. Denn mit Hilfe dieser Umwandlungstechnologie könnte man sich zum Beispiel Sitzungsprotokolle beim Autofahren anhören, Informationen aus alten, eingescannten Archivdokumenten in einen aktuellen Bericht einfügen und Unterrichtsmaterialien für sehbehinderte Schüler erstellen.

Robert Lender, Referent für e-Inclusion im Wirtschaftsministerium ist überzeugt davon, dass sich da noch viele andere Andwendungsmöglichkeiten herauskristallisieren werden, denn: „Ein Webservice, der nicht für etwas anderes verwendet wird, als die Benutzer sich gedacht haben, ist kein richtiger Web 2.0-Service.“

Wie klingt Rage against the machine?
Entwickelt wurde RoboBraille vor sechs Jahren in Dänemark. Mittlerweile gibt es den Service in elf Sprachen. Weitere sind in Arbeit: darunter Chinesisch, Arabisch und Inuit. So ein richtiger multilingualer Kosmopolit ist der synthetische Sprecher aber trotzdem noch nicht, denn die Software kennt naturlich nur die Ausspracheregeln der jeweiligen Sprachversion – Fremdwörter und ausländische Namen erkennt sie nur teilweise. So sind der Computerstimme etwa die Beatles bestens bekannt, bei der Band Rage against the machine klingt es schon recht abenteuerlich.

Der Konverter lernt Mathematik
Womit sich RoboBraille auch schwer tut sind Brüche, Quadratwurzeln und mathematische Formeln. „Es ist ein bisschen schade und traurig, dass der Erfinder der Brailleschrift, Louis Braille, kein Mathematiker war, sondern Musiker“, bedauert Bernhard Stöger von der Universität Linz. Denn es existiert zwar eine einheitliche Braille-Notenschrift, für mathematische Formeln gibt es hingegen vier verschiedene Schreibsysteme. Und Menschen die eines davon beherrschen, beherrschen die anderen für gewöhnlich nicht.

Bernhard Stöger ist Mathematiker und selbst blind. Er arbeitet derzeit an einem Nachfolgeprojekt: MathInBraille – ein Webservice, der mathematische Formeln für Sehbehinderte übersetzen soll.

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