Schauplatz Brasilien – Wie nachhaltig ist Biotreibstoff?

14 10 2010

SENDUNG: Journal Panorama, Donnerstag, 14. Oktober 2010, 18:25 Uhr, Ö1

In Brasilien boomt die Biotreibstoffproduktion. Doch: Können Biotreibstoffe helfen, die Armut zu bekämpfen und den Klimawandel zu bremsen? Oder sind sie schuld an hohen Lebensmittelpreisen, Landflucht und Umweltzerstörung? Experten sind sich uneinig.

DOWNLOAD SENDUNG


Zwischen Hungerlohn und Sozialhilfe
Die Kleinstadt Aracoiaba im nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco ist umringt von Zuckerrohrplantagen. Die Unterkünfte am Stadtrand bestehen aus Brettern, Pappe und Wellblech. Müll liegt auf der Straße. Schweine suchen darin nach Essbarem und es riecht ziemlich streng. Die Erntesaison ist vor kurzem zu Ende gegangen. Einige Männer lungern auf der Straße herum und trinken billigen Cachaca – den lokalen Zuckerrohrschnaps.

Die Zuckerrohrplantagen rundherum sind fast die einzige Einkommensquelle hier, erzählen sie. Doch Arbeit bieten sie nur sechs Monate im Jahr. Das restliche halbe Jahr sind die meisten hier arbeitslos und leben von Sozialhilfe – das sind in Brasilien oft nur 20 Euro pro Monat – bzw. von Nahrungsmittelpaketen, die Kirchen, Firmen oder Politiker als Almosen verteilen.

Wer kann, fährt jetzt in den Süden, in das Hauptanbaugebiet für Zuckerrohr. Denn dort beginnt die Erntesaison genau dann, wenn sie im Nordosten vorbei ist. Manchmal kommen Personalfirmen vorbei, um Arbeiter für den Süden anzuheuern.

Benzin vom Acker
Der Zuckerrohranbau boomt seit einigen Jahren in Brasilien. Nicht weil die Menschen sich jetzt süßer ernähren, sondern weil man aus Zuckerrohr den Agrotreibstoff Ethanol erzeugt, quasi „Bio-Benzin“. Brasilien ist der zweitgrößte Hersteller von Ethanol – nach den USA – sowie der weltgrößte Exporteur.

Bereits in den 1970er Jahren – zu Zeiten des großen Ölschocks begann Brasilien, Ethanol als Treibstoff einzusetzen. Der große Boom startete aber erst 2003: Da kamen in Brasilien die sogenannten Flex-Fuel-Autos auf den Markt. Sie fahren sowohl mit herkömmlichem Benzin, wie auch mit Ethanol. 90 Prozent der Neuwagen sind bereits Flex-Fuel und auf allen brasilianischen Tankstellen gibt es neben Benzin und Diesel auch eine Zapfsäule für Ethanol – hier ganz einfach „Alkohol“ genannt.

Derzeit gehen nur 10-20 Prozent des brasilianischen Ethanols in den Export. Doch Brasilien möchte gerne mehr exportieren. In die USA zum Beispiel, aber auch in die EU. Die Interessensvertretung der Zuckerrohrproduzenten (UNICA) hat auch Büros in Washington und Brüssel. Und demnächst soll eines in Asien eröffnet werden. Auch die Chinesen investieren bereits in den brasilianischen Zuckerrohrsektor.

Agrotreibstoffe gegen Klimawandel?
Große Hoffnungen in Agrotreibstoffe setzt auch die Europäische Union. Zumindest bis vor kurzem. Als Maßnahme gegen den Klimawandel hat die EU beschlossen, dass bis zum Jahr 2020 in jedem Mitgliedsstaat zehn Prozent der Treibstoffe aus erneuerbaren Quellen stammen müssen, darunter eben auch Biodiesel und Ethanol. Die brasilianische Zuckerrohrindustrie sitzt bereits in den Startlöchern.

Wenn aber Agrotreibstoffe importiert werden, so müssen diese aus nachhaltiger Produktion kommen, sagt die EU. Denn viele Treibstoffe aus Entwicklungsländern sind diesbezüglich stark in Verruf geraten, vor allem Biodiesel aus Palmöl. Brasilianisches Ethanol gilt da als vergleichsweise sauber: Schweden und die Niederlande importieren es bereits heute und auch die US-Umweltbehörde hat ihm ein gutes Zeugnis ausgestellt.

Bei der Interessensvertretung der brasilianischen Zuckerrohrindustrie (UNICA) macht man sich überhaupt keine Sorgen: Selbstverständlich wird der brasilianische Agrotreibstoff Ethanol alle Nachhaltigkeitskriterien der EU erfüllen, betont Pressesprecher Adhemir Altieri.

Gottseidank ist alles fürchterlich
NGOs und Wissenschafter sehen das anders. Problem Nummer Eins: Arbeitsbedingungen. Nach wie vor wird ein großer Teil des Zuckerrohrs händisch geerntet und diese Arbeit gehört zu den härtesten überhaupt. 12 Stunden oder länger sind die Arbeiter am Feld, in brütender Hitze. „Wenn du das 40 Jahre lang machst, bist du quasi tot. Du hast überhaupt keine Widerstandskraft mehr“, erklärt mir ein 63-jähriger Zuckerrohrschneider in Pernambuco.

Seine Schienbeine sind voller tiefer Narben von Schnittwunden und es fehlt die Kuppe des linken Daumens – die hat er sich versehentlich mit der Machete abgehackt. „Heute passieren weniger Unfälle, denn mittlerweile bekommen wir vom Plantagenbesitzer Schutzkleidung“, sagt er und fügt hinzu: „Gottseidank, heute ist alles fürchterlich. Aber es ist besser als früher.“

Todesfälle und Schuldknechtschaft
Mitunter kommt es sogar zu Todesfällen durch Überanstrengung, erzählt Antonio Canuto von der brasilianischen Landlosenpastoral CPT, einer kirchlichen Organisation, die sich mit Konflikten auf dem Land beschäftigt. Besonders schlimm ist es im südlichen Bundesstaat Sao Paulo – denn dort wird zunehmend auf Ernte-Maschinen umgestellt. Das heißt für die Arbeiter, sie müssen mit dem Tempo der Maschinen mithalten, um konkurrenzfähig zu sein. In den 1980ern schnitt ein Arbeiter durchschnittlich sechs Tonnen pro Tag. Heute sind es bereits zwölf.

AUDIO: Antonio Canuto über Todesfälle:

Die Männer, die dort im reichen Süden das Zuckerrohr schneiden, sind großteils Arbeitsmigranten aus dem armen Nordosten, erklärt Luisa Mendonca von der Menschenrechtsorganisation Rede Social (Soziales Netzwerk), und das macht sie leichter ausbeutbar: Wenn sie auf der Plantage ankommen, sind sie bereits verschuldet, denn sie müssen der Personalfirma den Transport bezahlen und oft auch ihr Werkzeug. Bezahlt werden sie nicht pro Stunde, sondern pro Tonne. Laut Mendonca betrügen viele Firmen die Arbeiter auch noch beim Abwiegen.

AUDIO: Maria Luisa Mendonca über die Arbeitsbedingungen auf Zuckerrohrplantagen:

Wenn eines Tages die gesamte Ernte von Maschinen gemacht wird, erledigt sich das mit den Arbeitsbedingungen ohnehin von selbst, sagt Adhemir Altieri von der UNICA. Für die Wanderarbeiter bedeutet das dann allerdings: arbeitslos statt ausgebeutet.

Zerstörung von Ökosystemen
Problem Nummer Zwei: Umweltzerstörung. Die Zuckerrohrplantagen breiten sich vor allem im Cerrado aus – einer 2.000 km2 großen Savanne in Zentralbrasilien. Der Cerrado ist das zweitgrößte Ökosystem in Brasilien, nach dem Amazonasregenwald und besonders reich an Artenvielfalt. Er ist Quellgebiet für viele große Flüsse und eine der ältesten Vegetationen Brasilien. Durch Brände und Abholzungen ist bereits knapp die Hälfte des ursprünglichen Pflanzenbewuchs im Cerrado zerstört worden. Erst vor wenigen Wochen hat die brasilianische Regierung angekündigt, strengere Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Gefahr für den Regenwald?
Problem Nummer Drei ist absurderweise genau das, weshalb man Biotreibstoffe eigentlich einsetzen möchte: der Klimawandel. Mehrere wissenschaftliche Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass diese Biotreibstoffe gar nicht so gut für das Klima sind, wie ursprünglich angenommen.

So kommt z.b. eine Forschergruppe rund um David Lapola von der Universität Kassel zu dem Ergebnis: Das brasilianische Ethanol könnte den Klimawandel noch weiter anheizen, weil es zur Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes beiträgt. Zwar wird im Amazonas kaum Zuckerrohr angebaut – wie die UNICA nicht müde wird zu betonen. Doch die Zuckerrohrindustrie verdrängt Viehzüchter und Sojaproduzenten. Und die dringen dann immer weiter in die Amazonasregion vor.

AUDIO: US-Wissenschafter Tim Searchinger über indirekte Landnutzungsänderungen:

EU verheimlicht Forschungsergebnisse
Inzwischen stellte sogar der EU-Forschungsrat fest: Viele Agrotreibstoffe erzeugen sogar mehr CO2 als fossile Treibstoffe – rechnet man diese indirekten Landnutzungsänderungen mit hinein. Die EU-Kommission gab sich zunächst große Mühe, die eigenen Forschungsergebnisse vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen – bis die Nachrichtenagentur Reuters die Herausgabe der Studie durchsetzte. Denn einigen europäischen Politikern waren die Erkenntnisse der Wissenschafter nicht besonders angenehm. Und vor allem nicht der Agrarindustrie. Schließlich lobbyiert nicht nur die brasilianische UNICA in Brüssel – auch so manche europäische Agrarunternehmen witterten ein fettes Geschäft.

Lula: Everybody’s Darling?
In Brasilien setzt man vorerst weiter auf Ethanol. Und falls die EU nicht will, gibt es immer noch die USA und China. Und sollte es hier bei der brasilianischen Regierung eine Trendwende geben, dann wohl nicht aufgrund von Bedenken der Klimaforscher, sondern weil vor der brasilianischen Küste unlängst Öl gefunden wurde.

Die Amtszeit von Präsident Lula geht dieses Jahr zu Ende. In den vergangenen acht Jahren hat er mit seiner Politik die Agro-Industrie im allgemeinen – und den Ethanolsektor im besonderen – unterstützt um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Bei der Interessensvertretung der Zuckerrohrproduzenten ist man halbwegs zufrieden mit der Politik des linken Arbeiterpräsidenten. „Präsident Lula hat im Ausland immer positiv über das brasilianische Ethanol gesprochen. Natürlich haben wir kein – wie soll ich sagen – besonderes Naheverhältnis zu dieser Regierung. Aber bei vielen Themen sind wir uns einig“, erklärt Adhemir Altieri von der UNICA.

Kritik aus der Landlosenbewegung
Präsident Lula kommt selbst aus der Gewerkschaftsbewegung. Das Entwicklungsmodell, das viele dort vertreten, ist das der nachholenden Entwicklung, sprich: Industrialisierung und Wachstum um jeden Preis. Fragen des Umwelt- oder Klimaschutzes stehen weiter hinten auf der Agenda.

Weniger glücklich mit Lulas Agrarpolitik sind jedoch die sozialen Bewegungen – Lulas ureigenste Klientel. Vor allem nicht die Landlosenbewegung. Ihnen hat der Arbeiterpräsident zu Beginn seiner Amtszeit eine umfassende Landreform versprochen. Auf die warten sie noch heute. „Nein, es war nicht das, was wir uns erwartet haben. Lula hat uns Landarbeitern viel versprochen und das meiste ist nicht passiert. Aber wir sehen auch: die Schuld liegt nicht bei der Regierung Lula. Sie hatte einfach nicht genug Macht, um sich gegen die konservativen Abgeordneten durchzusetzen. Die sind gegen eine Landreform. Sie sagen: Wir brauchen ein anderes Entwicklungsmodell. Nämlich das der großen Agrounternehmen. Wenn Lula gekonnt hätte, hätte er es sicher anders gemacht“, sagt der Kleinbauer Almir Jesus de Oliveira von der Landlosenbewegung in Bahia. Trotz allem ist er der Meinung, dass die Regierung Lula die beste Regierung war, die Brasilien je hatte.

AUDIO: Landlosenaktivist Almir Jesus de Oliveira über Präsident Lula:


DOWNLOAD SENDUNG (rechte Maustaste – Ziel speichern unter…)

Advertisements

Aktionen

Information

One response

28 03 2012
Schauplatz Brasilien – Wie nachhaltig ist Biotreibstoff? «

[…] schuld an hohen Lebensmittelpreisen, Landflucht und Umweltzerstörung? Experten sind sich uneinig. Ein Link zu einem Journal Panorama von Ulla Ebner. Sharen mit:MehrGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: