Gruppenbild mit Dame: Frauen in der IKT

4 10 2010

SENDUNG: Digital.leben, Montag, 4. Oktober 2010,
16:55 Uhr, Ö1

Im Netz hätte alles anders werden können: Mehr Gleichbehandlung und eine Loslösung von alten Geschlechterrollen. Doch nach wie vor ist das Internet – und eigentlich die gesamte Branche der Informations- und Kommunikationstechnologie vor allem von Männern dominiert. Warum? Dieser Frage gehen  Barbara Novak und Karoline Simonitsch in ihrem Buch nach: „Frauen im Netzwerk der IKT. Wie erfolgreiche Frauen die Männerdomäne Informations- und Kommunikationstechnologie bereichern und verändern.“ 15 erfolgreiche Top-Managerinnen aus der IKT-Welt erzählen darin von den Löchern in der gläsernen Decke und von frauenspezifischen Arbeitsstilen.


Kalt und kabellastig
Glasfaserkabel, Handymasten, UMTS-Frequenzen: Nein, das ist nicht besonders sexy für Frauen. Dieses kalte, kabellastige und maskuline Image der Informations- und Kommunikationstechnologien ist auch einer der Hauptgründe, weshalb in dieser Branche so wenig Frauen anzutreffen sind – glaubt Buchherausgeberin Barbara Novak. Bei zwei Drittel der österreichischen Telekommunikations-Unternehmen sitzt nicht eine einzige Frau im Aufsichtsrat.

Die Angst vor der Technik
„Auf IKT-Branchen-Events ist es üblich, dass man zunächst einmal scherzt und sagt: sehr geehrte Herren. Dann schaut man in die Runde und sagt: und liebe Dame“, erzählt Barbara Novak. Und wünscht sich, dass sich das irgendwann einmal umgekehrt wird. Novak ist Landtagsabgeordnete der Wiener SPÖ und zuständig für den Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien. Sie selbst hat keine Berührungsängste mit Technik. Als Kind wollte sie Lokführerin werden.

Viele Frauen haben aber offenbar Angst vor technischen Studien – zumindest in Österreich und Deutschland. Das hängt vor allem mit unserem Erziehung und Bildungssystem zusammen, glauben die Herausgeberinnen des Buches „Frauen im Netzwerk der IKT“. Denn in Ost- und Südosteuropa schaut das ganz anders aus: Da sitzen in Informatikvorlesungen gleich viel Frauen, wie Männer. Den weltweit höchsten Anteil an Führungskräften in der IKT-Branche hat übrigens die Türkei.

Der Preis des Erfolges
„Wir wollten zeigen, dass es auch bei uns erfolgreiche Frauen in der IKT gibt und diese ins Scheinwerferlicht rücken“, sagt Barbara Novak, „darüberhinaus wollten wir schauen, wie es diesen Frauen geht und welchen Preis sie zahlen müssen für ihre Karriere.“

Der Preis: wenig Freizeit und Verzicht auf Familie. 15 weibliche Führungskräfte wurden befragt – von der Microsoft-Geschäftsführerin Petra Jenner, über die deutsche Technologie-Bloggerin Heike Scholz bis hin zu Novaks politischem Gegenüber: der ÖVP Landtagsabgeordneten Karin Hakl, Sprecherin für IKT, Innovation und Technologie. Die meisten der Befragten sind kinderlos.

Auch das ist ein Phänomen des deutschsprachigen Raums, betonen mehrere Befragte. Sie beneiden ihre Kolleginnen in Skandinavien und Frankreich: Denn in Ländern, wo es ausreichend Kinderbetreuung gibt und wo es normal ist, dass auch Männer in Karenz gehen, dort gibt es viel mehr Frauen – beziehungsweise: Mütter – in leitenden Positionen von IKT-Unternehmen.

Einsame Managerinnen?
„Es muss noch viel getan werden, um mehr Frauen in die IKT zu bringen“, sagt die zweite Herausgeberin Karoline Simonitsch. Sie ist Unternehmernsberaterin und Expertin für e-Business und mobile Business. Auch sie hatte nie Angst vor Technik. Ihr Vater brachte ihr das Schweißen bei und als Teenager führte sie eine Vespa-Gang an. Nähen hat sie nie gelernt. Gerade im Bereich der IKT-Beratung gibt es außer ihr in Österreich so gut wie keine Frauen, musste Simonitsch feststellen.

Überhaupt ist Einsamkeit ein Thema für IKT-Führungsfrauen. Denn es fehlt an Role Models und Seilschaften. Frauen sind weniger gut im Netzwerken, sagt Tatjana Oppitz, Vertriebsdirektorin für Zentral- und Osteuropa beim Computerriesen IBM. Und zu oft würden sich Frauen mit Neid begegnen, anstatt sich gegenseitig zu stärken: „Wir müssen hier etwas vorantreiben. Ich selbst betreibe sehr viel Mentoring und Coaching für jüngere Frauen in meiner Firma. Die Zeit muss man sich einfach nehmen, denn das ist wichtig.“

Als Tatjana Oppitz vor 22 Jahren zum Assessment Center bei IBM kam, saßen ihr 15 Männer in dunkelblauen Anzügen und weißen Hemden gegenüber. Es ist Zeit, da etwas zu ändern, sagte sie schon damals.

Yin und Yang
Mehr Frauen in der IKT-Welt wäre nicht nur gut für die Frauen, sondern vor allem für die Unternehmen, glaubt auch Karoline Simonitsch. Denn Frauen arbeiten anders: „Ich weiß, dass ich anders arbeite. Ich habe selbst früher viele Männerteams geleitet. Ich hatte keine Probleme mit ihnen. Sie vielleicht manchmal mit mir.“ Frauen und Männer ergänzen sich gut, ist Simonitsch überzeugt. Auch die IKT-Welt braucht Yin und Yang. Simonitsch plädiert für mehr gemischte Teams in den Führungsriegen der Informations- und Kommunikationsunternehmen.

Was machen Frauen anders? Die befragten Managerinnen sind der Meinung: Frauen sind kommunikativer und teamfähiger, sie achten darauf, wie es ihrer Umwelt geht, sie sind multitaskingfähiger und haben immer mehrere Baustellen im Blickfeld. Frauen gehen erst dann Risiken ein, wenn sie im Geiste alle Konsequenzen simuliert haben. Männer lieben technische Spielereien einfach so und wollen die ersten sein, die es haben. Frauen fragen: Wie erleichtert das Ding meinen Alltag?

Eine Studie der Beraterfirma McKinsey bestätigt übrigens: Gemischte Management-Teams sind kreativer und erfolgreicher.

Buch:
Barbara Novak, Karoline Simonitsch (Hg.), Frauen im Netzwerk der IKT. Wie erfolgreiche Frauen die Männerdomäne Informations- und Kommunikationstechnologie bereichern und verändern. edition rot.

MEHR zum Thema:

Mein Chef ist eine Frau. Erfahrungsberichte über die weibliche Seite der Macht

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2 responses

18 03 2013
Femcamp | Ulla Ebner

[…] Gruppenbild mit Dame: Frauen in der IKT […]

19 10 2010
Karoline Simonitsch

Vielen Dank für die tolle Beschreibung/Gestaltung und Wiedergabe der Inhalte … die Sendung zu hören war ein Genuss und nun auch Dank für die Schriftform! KS

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