Das Ich 2.0

30 09 2010

SENDUNG: Digital.leben, Donnerstag, 30. September 2010,
16:55 Uhr, Ö1

Wer bin ich? Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit es sie gibt. Das Internet hat sie nicht unbedingt leichter gemacht. Denn: Was bedeutet Identität im digitalen Zeitalter? Wann bin ich jemand im Netz? Und bin ich im Netz jemand anderer als im echten Leben? Wie gehören meine Online- und meine Offline-Identität zusammen? Und wird sich das in Zukunft ändern? Über diese und andere Fragen sprach der niederländisch-australische Medienwissenschaftler und Netzaktivist Geert Lovink im September im RadioKulturhaus. Er ist der Meinung, dass unsere Identität in Zukunft noch mehr gespalten sein wird.


Das digitale Alter-Ego
Ein wenig unchamant klingt es schon, wenn Geert Lovink beschreibt, was unsere digitale Identität eigentlich ausmacht. Denn ihm zufolge werden wir im Cyberspace reduziert auf zwei Grundelemente: Loginname und Passwort.

Doch wie wir diese simple digitale Identität verwenden, das hat sich seit Beginn des Internets verändert. Lovink unterscheidet dabei vier Phasen: Zunächst, als das Internet zum Massenphänomen wurde, bauten sich dort viele Menschen ein zweites Ich auf, ein digitales Alter-Ego, das mit dem realen Ich oft wenig zu tun hatte. Zum Beispiel in virtuellen Spielen, wie Second Life. Auch in Online-Singlebörsen und Chats tummeln sich lauter Märchenprinzen und –prinzessinnen mit falschen Namen und falschen Fotos. Man ist im Internet gerne jemand anderer – und vor allem: anonym.

Anonymität macht verdächtig
Diese Kultur, die da enstanden ist, lebt natürlich bis heute weiter, etwa in der Game Community, sagt Lovink. Aber parallel dazu hat ein Wandel stattgefunden. Denn je interessanter das Netz für e-commerce wurde, desto unerwünschter – ja gefährlicher wurde die Anonymität. Zumindest für die Unternehmen, denn die wollen ihre Produkte schließlich nicht an das digitale Alter-Ego verkaufen. Authentizität wird in dieser zweiten Phase immer wichtiger. Spätestens seit dem 11. September geht es außerdem um Sicherheit. „Tatsächlich ist ja im Netz heute niemand anonym“, sagt Lovink, „über IP Tracking und andere Software kann man immer feststellen, wer jemand ist. Es herrscht im Netz eher so etwas wie Pseudonymität.“

Der Wunsch nach authentischer Selbstdarstellung
Mit dem Web 2.0, dem Mitmach-Netz, verändert sich das Digitale Ich nocheinmal. In Phase Drei haben die User und Userinnen selbst immer mehr den Wunsch, sich selbst – und nicht ihre Phantasie – im Netz darzustellen. Sie möchten eine einheitliche, authentische Online Identität. Die sozialen Netzwerke werden immer mehr als Teil des eigenen Lebens wahrgenommen – und nicht als Parallelwelt. Facebook ist genau deshalb groß geworden, weil es verstanden hat, dass die Leute sich selbst gerne darstellen möchten, so wie sie es eben wünschen, meint Lovink.

Die multiple Netz-Persönlichkeit
Im echten Leben nimmt ein und derselbe Mensch verschiedene Rollen ein: Privat und ausgelassen am Stammtisch, förmlich und seriös bei Geschäftsbeziehungen, als Musterschwiegersohn, der weder trinkt noch raucht beim jährlichen Familienpflichtbesuch. Daher entsteht immer mehr das Problem: In welcher Rolle stelle ich mich im Netz dar? Sind alle meine Facebook-Freunde, Stammtischfreunde, die alles über mich sehen dürfen?

„Unsere soziale Welt ist sehr viel komplexer, als es diese amerikanische Modell scheinen lässt, wo wir alle Menschen als Friends bezeichnen“, sagt Geert Lovink. Und genau deshalb wird sich das große digitale Netzwerk in einer vierten Phase spalten, glaubt er: Es wird zerfallen in kleinere Netze, die dafür stärker spezialisiert sind: in digitale Welten, wo wir nicht nur Friends treffen, sondern – je nachdem – Geschäftspartner, politische Mitstreiterinnen oder eben: echte Freunde.

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