Slow Media

12 09 2010

SENDUNG: Digital.leben, Montag, 13. September 2010,
16:55 Uhr, Ö1

Slow Food ist Essen, bei dem die Zutaten sorgfältig ausgewählt wurden und das mit Liebe und Konzentration zubereitet wurde. Die Slow Food Bewegung hat weltweit an die 100.000 Mitglieder. Und die leben wohl am liebsten in sogenannten Slow Cities: Das sind Städte, die die Lebensqualität der Bewohner und Bewohnerinnen in den Mittelpunkt stellen und auf die Umwelt achtgeben. Bewusste Langsamkeit gegen die Beschleunigung der Welt. Und das wird jetzt auch von Medien gefordert. Eine Gruppe rund um den Münchner Soziologen Benedikt Köhler hat ein Slow Media Manifest verfasst: Es geht um nachhaltige, qualitätsvolle Inhalte aus dem Internet.

AUDIO: Benedikt Köhler über den Wunsch, inne zu halten


Trüffel, Rotwein und Internet
Benedikt Köhler ist ein Genussmensch. Er betreibt einen kulinarischen Blog, interessiert sich für Molekularküche und isst gerne Trüffel. Und er kocht gerne selbst, am liebsten gemeinsam mit seiner Familie, erzählt er. Essen ist für ihn nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch Kommunikation und Genuss. Ähnliches gilt für ihn bei Medien.

Monotasking, statt Multitasking – so lautet einer der 14 Punkte von Köhlers Slow Media Manifest. Ein Slow Media Genießer muss nicht während er mit Freunden in einer Bar sitzt, nebenbei fünfmal seinen Facebook-Status übers iPhone aktualisieren. Er lehnt sich lieber bewusst zurück, mit einem Glas Rotwein neben sich, und genießt qualitätsvolle, horizonterweiternde Lektüre.

Monotasking statt Multitasking
Die Autoren des Slow Media Manifests sind keineswegs ältere Herrschaften, die sich vom Informationskoller des Web 2.0 erschlagen fühlen, sondern Mitte Dreißig und Social Media Experten. Sie wollen die Möglichkeiten des Internets für ihre Zwecken nutzen, aber sich nicht vom Internet und seiner Geschwindigkeit beherrschen lassen.

Es wäre falsch, Geschwindigkeit per se zu verdammen, sagt Benedikt Köhler. Wenn etwas Bedeutsames passiert, dann will man natürlich sofort informiert sein. Nachrichten sind schon wichtig, aber eben keine Slow Media. Denn diese sind nachhaltig. Das heißt einerseits: Ihr Inhalt ist auch in ein paar Jahren noch interessant. Und andererseits: Sie werden unter nachhaltigen Bedingungen hergestellt.

Fair produzierte Medien
Für AnhängerInnen des Slow Food-Bewegung ist es nicht nur relevant, wie das Essen schmeckt, sondern auch, wo es herkommt und unter welchen Bedingungen es produziert wurde. „Gut, sauber und fair“ ist das Motto. Auch bei Medien sollte man über Themen, wie den ökologischen Fussabdruck diskutieren, sagt Benedikt Köhler. Wieviel CO2 produzieren wir denn eigentlich durch unseren Internetkonsum? Welche seltenen Rohstoffe werden zur Herstellung von Computern verwendet? Was für soziale Auswirkungen hat das?

Und natürlich sollte man auch über Arbeitsbedingungen sprechen. Nicht nur über jene, in der Computerindustrie, sondern auch über die Arbeitsbedingungen von JournalistInnen. „Ich bin überzeugt davon, dass man gute Medien nicht in Form von Ausbeutungsverhältnissen gestalten kann. Gerade hier ist die Nachhaltigkeit in den Arbeitsbeziehungen sehr wichtig“, sagt Benedikt Köhler. Ausnahme: Blogs, wo jemand Inhalte für sich selbst und aus eigenem Antrieb heraus produziert. Denn im Vordergrund steht bei langsamen Medien immer die Freude am Schreiben.

AUDIO: Benedikt Köhler über Nachhaltigkeit (1:18)

Die Prosumentin und ihre Community
Slow Media sind soziale Medien, sagt Benedikt Köhler: Sie fördern den Dialog, schaffen Communities und bemühen sich um das Vertrauen ihrer Nutzer und Nutzerinnen. Sie werden nicht beworben, sondern empfohlen und richten sich nicht an Konsumenten, sondern an sogenannte Prosumenten – ein Kunstwort, das sich aus den Begriffen „Produzent“ und „Konsument“ zusammensetzt. „Konsument ist ja eigentlich ein Schimpfwort“, sagt Köhler, „denn wenn man etwas konsumiert, dann vernichtet man es eigentlich.“

Das Glas Rotwein ist weg. Der horizonterweiternde Internetartikel ist noch da und wartet darauf, dass wir ihn kommentieren oder an interessierte Freunde weiter empfehlen.

Hier schreiben noch echte Menschen
Während viele Medien aufgrund des Zeit- und Geldmangels fast nur noch Agenturmeldungen wiedergeben, spürt man bei langsamen Medien, dass da noch echte Menschen schreiben, sagt Köhler: „Man merkt, da muss ein Mensch gewesen sein, weil da ein eigener Standpunkt herauskommt.“ Slow Media müssen auch nicht statisch sein, sie können sich kontinuierlich weiterentwickeln. Etwa bei Blogeinträgen, auf die ein Feedback kommt, das dann dazu führt, dass man seinen Text noch einmal überarbeitet.

Ähnliche Initiativen wie das Slow Media Manifest gibt es auch schon in den USA, in Italien, Frankreich und sogar in Japan, erzählt Köhler. Die Idee verbreitet sich bereits über verschiedene soziale Medien – und das mit zunehmender Geschwindigkeit.

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