Bicycle Music Festival: The Pleasant Revolution

9 08 2010

SENDUNG: Kulturjournal, Montag, 9. August 2010, 17:09 Uhr, Ö1

Wie klimafreundlich sind Konzerttourneen? Wenn eine Band fünf Monate lang mit dem Tourbus durch ganz Europa fährt und jeden Abend ein Konzert spielt mit E-Gitarren, Mikrophonen und Lautsprechern, wieviel CO2 wird da wohl produziert? Das haben sich einige Musiker und Musikerinnen aus den USA gefragt und den Tour-Bus kurzerhand gegen Fahrräder eingetauscht. Seit Mai touren fünf amerikanische Bands mit ihren Lastenrädern durch Europa. Auch der Strom, den die Bands für ihre Auftritte benötigen, wird von Fahrrädern erzeugt: Wenn das Publikum Musik hören will, so muss es auch in die Pedale treten. Am Wochenende machten die fünf Bands der „Pleasant Revolution Tour“ Station in Wien. Gemeinsam mit österreichischen Musikern und Musikerinnen, wie Clara Luzia, veranstalteten sie das mobile „Bicycle Music Festival“. Musiziert wurde zwei Tage lang am Yppenplatz, im WUK und am Donaukanal. Aber auch am Weg zwischen den Veranstaltungsorten. Ulla Ebner ist am Samstag– trotz des Regenwetters – mitgeradelt.

AUDIO 1: Heather Normandale (Stitch Craft)

AUDIO 2: The Genie

AUDIO 3: Kipchoge Spencer (The Ginger Ninjas)

Foto (c) The Pleasant Revolution

Samstag mittag am Yppenplatz im 16. Bezirk in Wien. Hier findet der Auftakt des zweitägigen Bicycle Music Festivals statt. Neben türkischen Gemüseständen, italienischen Delikatessläden und Szenelokalen ist eine Bühne aufgebaut. Daneben drei Fahrräder auf Standvorrichtungen mit Dynamos. Ein paar Musiker der Pleasant Revolution Tour versuchen gerade, das Publikum dazu zu bewegen, sich auf die Fahrräder zu setzen und Strom für die Musik zu erstrampeln.

Heather Normandale von der Band Stitch Craft tritt selbst in die Pedale und erklärt wie das System funktioniert. An jedem Rad ist ein Dynamo befestigt, der Strom erzeugt, wenn sich der Hinterreifen dreht. Das Ganze wird dann kalibriert und von Wechselstrom in Gleichstrom umgewandelt. Das Publikum ist leicht zu überreden. In manchen Orten ist es nicht so einfach, erzählt Heather, denn manchmal sind die Leute sehr schüchtern.

Radeln für den Klimaschutz
15 Leute sind es insgesamt, die fünf Monate lang durch Europa touren ohne Flugzeuge oder Kraftfahrzeuge zu benützen. Mit dem Schiff ging es von den USA nach Großbritannien. Von dort weiter in die Niederlande, nach Deutschland und Tschechien. Endstation wird im Oktober Portugal sein. Manche Strecken werden mit Zug gefahren, aber der größte Teil mit dem Fahrrad. Initiator der Pleasant Revolution Tour ist Kipchoge Spencer, Sänger der kalifornischen Folk-Band The Ginger Ninjas. Er selbst bezeichnet seine Musik als “mind shaking love groove folk funk roots rock explosive international pedal powered mountain music for a pleasant revolution.” Die achtköpfige Band spielt einen Mix aus allen möglichen Stilen.

Der Musiker war immer schon begeisterter Radfahrer und arbeitete früher auch in einem Fahrradgeschäft. Für ihn standen bei der ganzen Aktion Umwelt- und Klimaschutz im Vordergrund. Bei der Pleasant Revolution geht es einerseits darum, Spaß zu haben, aber auch darum, die Leute zum Denken anzuregen, sagt Kipchoge Spencer: „Die meisten Leute sagen, es ist wichtig, dass wir unseren Planeten schützen. Aber wenn es um unseren Lebensstil und unser Konsumverhalten geht, sind wir meist inkonsistent. Bei unserer Tour geht es darum, den Leuten zu zeigen, dass ein anderer Lebensstil möglich ist. Und wir wollen auch für uns selbst herausfinden, wie weit es möglich ist.“

10.000 Kilometer on tour
Vier Jahre lang tüftelte Kipchoge Spencer an diversen technischen Lösungen: wie man den Strom erzeugen kann und wie die Lastenräder konstruiert sein müssten, damit man ein ganzes Band-Equipment transportieren kann. Im Jahr 2007 ging die erste Fahrrad-Tour der Ginger Ninjas von Kalifornien nach Mexiko. Mittlerweile hat Kipchoge bereits an die 10.000 Kilometer on Tour mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Bis zu zehn Stunden pro Tag sitzen die Musiker und Musikerinnen der Pleasant Revolution Tour auf dem Fahrrad, erzählt Heather Normandale: „Manchmal ist es schon hart. Wir sind Performer und Harcore-Sportler. Wir transportieren die ganze Ausrüstung und dann müssen wir auch noch alles organisieren. Das machen wir von unterwegs. Wenn es regnet, setzen wir uns in ein Café, packen den Laptop aus und dann kommunizieren wir mit der Botschaft in Budapest und Berlin.“

The Beatboxing Cellist
Neben Heather Normandales Folk-Band Stich Craft, den Ginger Ninjas und der Singer-Songwriterin Amanda Mora, gehört zur Pleasant Revolution Tour auch der Musiker Cello Joe. Mit einer regenbogenfarbenen Irokesen-Perrücke und einem Fahrraddress steht er auf der Bühne. Neben ihm ein Zuschauer mit Regenschirm, der das teure Cello vor den Tropfen schützt. Cello Joe kombiniert sein Cello-Spiel mit Beat-Boxing.

Scratch Guitar and Live Looping
90 Kilogramm werden auf so einem Lastenrad transportiert, erklärt der Musiker The Genie aus San Francisco. Selbstverständlich sind da auch die Instrumente dabei. „Wir tragen unser ganzes Zuhause mit uns herum: Zelt, Schlafsack, Computer, Tonanlage, Kleidung, alles.“ Für ihn hat das lange Radfahren auch etwas Spirituelles: „Du bist an der frischen Luft, der Körper ist durchblutet und all deine Sinne erwachen. Ich bin auf dieser Tour gesünder als je zuvor.“

The Genie ist Gitarrist. Auf seiner E-Gitarre hat er eine eigene Spieltechnik entwickelt, die er „Scratch-Guitar“ nennt: „Ich bin stark beeinflusst von der Musik der DJs. Ich imitiere auf der Gitarre vieles von dem, was sie mit ihren Platten machen. Ich loope mich auch selbst. Live. Ich hab einen ganz eigenen Stil entwickelt. Niemand auf der Welt macht das noch so.“ Seit 20 Jahren spielt er Gitarre, seit acht Jahren lebt er ausschließlcih von der Musik.

Der Sänger am Gepäckträger
Musiziert wird nicht nur an den veranstaltungsorten, sondern auch dazwischen. Trotz des nassen Wetters machen sich vom Yppenplatz an die hundert Radler und Radlerinnen auf den Weg Richtung WUK im 9. Bezirk. Cello Joe spielt während der Fahrt auf seinem „Percussion-Rad“. Ein tschechischer Liedermacher sitzt auf dem Gepäckträger eines Lastenrades und singt. Ein weiteres Lastenrad transportiert die zugehörigen Lautsprecherboxen.

Die nächste Station der Pleasant Revolution Tour ist übrigens das Sziget-Festival, das vom 11-16. August in Budapest stattfindet.

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