Die Kriegerinnen der Vila Brandão

24 07 2010

SENDUNG: Leporello, Dienstag, 27. Juli 2010, 7:52 Uhr, Ö1

Die brasilianische Sängerin Celia Mara lebt eigentlich in Wien. Aber auch in Salvador da Bahia, Brasilien. Dort bekommt sie jetzt selbst die Auswüchse von Immobilienspekulationen zu spüren: Ihr Wohnviertel am Meer soll angeblich einem Touristenkomplex weichen.


Vila Brandão, Haus von Celia und Silvia, blaue Tür. So lautet die offizielle Adresse. Beim Victoria Platz in Salvador da Bahia, einer relativ noblen Wohngegend, führt eine steile Straße den Hang hinunter Richtung Meer. Bald gibt es keinen Asphalt mehr, keine Straßennamen, keine Hausnummern und nur wenige Häuser sind verputzt. Über eine Baustelle geht es durch einen schmalen Gang: links und rechts rohe Ziegelwände, oben Wellblech. Hinter den Mauern wohnen Menschen. Durch die breiten Spalten an Fenster und Türen kann man in ihre kahlen Räume blicken. Endlich: die blaue Tür.

Paradies in der Favela
Dahinter befindet sich eine völlig andere Welt: Das Reich der Musikerin Celia Mara und der Ethnologin Silvia Jura. Die Wände im Haus sind blau, orange und gelb bemalt. Begrünte Terrassen mit Bananen- und Maracujabäumen bieten auf drei Geschoßen einen ungestörten Blick aufs Meer.

Celia Mara stammt ursprünglich aus dem Bundesstaat Minas Gerais, doch lebt schon seit mehr als 15 Jahren in Wien. Hier in Salvador haben Celia und Silvia eine weitere Heimat gefunden, wo sie dem österreichischen Winter entfliehen können. Die Drei-Millionen-Metropole ist nach Sao Paulo und Rio de Janeiro die drittgrößte Stadt Brasiliens und Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaates Bahia. Hier befand sich am Hafen einst der größte Sklavenmarkt des Kontinents. Heute wird dort Kunsthandwerk an Touristen verkauft. Diesen „Mercado Modelo besingt Celia Mara auch in einem ihrer Lieder. Bis heute ist Bahia der Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an afrobrasilianischer Bevölkerung.

Die Herrinnen der Baustelle
Das dreistöckige Haus in der Vila Brandão haben Celia Mara und Silvia Jura selbst geplant und gebaut. Oder besser gesagt: die Baustelle überwacht. Keine einfache Aufgabe für zwei Frauen in der brasilianischen Macho-Gesellschaft. Aber die beiden resoluten Damen haben sich bald Respekt verschafft, erzählt Celia: „Die Leute hier sagen über uns: mit denen ist nicht zu spaßen. Das sind zwei Kriegerinnen.“ Falls es mit der Musik einmal nicht so gut läuft, könnte sie sich jetzt zur Not auch als Baumeisterin bewerben, scherzt Celia.

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Die Vertreibung aus dem Paradies?
Am strahlend blauen Wasser fahren Segelboote. Fischer aus der Siedlung gehen mit Harpunen auf Jagd nach dem Abendessen. Um sechs versinkt die Sonne im Meer und färbt das Wasser orange. Idyllischer geht es gar nicht.

Das hat sich wohl auch João Enrique, der Bürgermeister von Salvador, gedacht. Welche Verschwendung, den Armen diesen romantischen Blick aufs Meer zu schenken, wenn man ihn doch teuer an Touristen und Touristinnen vermieten könnte. Anstelle der Favela würde er hier lieber Hotelburgen für betuchte Gäste sehen.

Im März 2009 haben die 350 Einwohner und Einwohnerinnen der Vila Brandão die Enteignungsdekrete zugestellt bekommen. Seither kämpfen sie gegen die Zwangsumsiedelung. Allen voran Celia Mara und Silvia Jura. Bis das Gericht entschieden hat, ist die Enteignung vorläufig gestoppt.

Wohin mit den Armen?
Aber nicht nur die kleine Enklave Vila Brandão ist betroffen. Zahlreiche Siedlungen an der Küste Salvadors sollen angeblich Tourismusprojekten weichen. Vielen Grundstücken droht Enteignung. Auch ganz im Zentrum rund um den Mercado Modelo. Immerhin findet 2014 in Brasilien die Fußball WM statt. Auch Salvador ist Austragungsort.

Im Hinterland werden derweilen riesige Reihenhaussiedlungen für Arme errichtet. Infrastruktur gibt es dort kaum: wenig Arbeitsmöglichkeiten, nicht genügend Schulen, Probleme mit der Wasser- und Abwasserversorgung.

Favela Light
Die Vila Brandão entstand – wie die meisten Favelas – auf besetztem Land. Der Hügel wurde in den 1940er Jahren von einer Gruppe rund um einen Candomblé-Priester in Beschlag genommen. Sie bauten Häuser hin, zapften die öffentlichen Wasser- und Stromnetze an. Im Laufe der Jahre wurde die Siedlung legalisiert, das Land den Bewohnern und Bewohnerinnen geschenkt. Seither bezahlen sie Grundsteuer. Im Grundbuch eingetragen sind sie aber nicht.

Diese Favela ist aber nicht so, wie man es aus den Gangsterfilmen kennt, mit Drogenbanden und bewaffneten Kindern. „Es ist eher eine Favela Light“, erzählt Celia, während sie auf ihrer Gitarre vor sich hin klimpert. „Man kann hier auch im Dunkeln als Frau noch problemlos durch spazieren“, fügt Silvia Jura hinzu. Trotzdem würden sich „normale“ Leute aus der oberen Welt fürchten, hier her zu kommen. Denn die Boulevardmedien verbreiten Schauergeschichten. Sogar die Polizei hat Angst.

Silvia Jura

Kulturzentrum besetzt
Celia Mara und Projektpartnerin Silvia Jura haben ein zweites Haus gekauft, das am Hügel direkt unter ihrem eigenen steht. Dort wollten sie ein Kulturzentrum zu errichten: die Casa Matria. Workshops für die Kids der Gemeinde wurden organisiert: Augusto-Boal-Theater, Origamifalten, Ballett. Demnächst steht biologischer Gemüseanbau auf dem Programm. Die ganze Community sollte von dem Kulturzentrum profitieren.

Doch nach der offiziellen Enteignung ist alles ein wenig chaotisch geworden. „Banditen haben plötzlich unser Kulturzentrum besetzt“, beschwert sich Celia. In der Casa Matria wohnen jetzt deren Verwandte. Die Besitzerinnen haben Anzeige erstattet und sind zu allen möglichen wichtigen Personen bei Polizei und Politik gelaufen, um ihr Zentrum zurück zu bekommen. Bislang vergeblich. Der Anführer der Besetzung ist flüchtig. Die Polizei sagt, sie kann ihn nicht finden. Dabei wird er immer wieder in der Favela gesehen, erzählt Silvia Jura.

Auf dem Kriegspfad
Silvia Jura vermutet hinter dem Ganzen politisches Kalkül: Ein gut funktionierendes Gemeindeleben würde die Vila Brandão und deren Zusammenhalt stärken. Und das macht es schwieriger, die Leute von hier wegzubekommen. Konflikte sind da schon besser. Die Polizeichefin gehört zufällig zur selben Partei wie der Bürgermeister, der von Hotelburgen träumt.

Trotzdem sind die Frauen der Vila Brandão optimistisch: Wenn die Leute zusammenhalten, kann alles Mögliche gelingen. Der Kriegspfad führt jetzt über die Gerichte.

Text erschienen auf oe1.ORF.at

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