Samba Reggae – Die Musik der Unterdrückten

28 06 2010

„Da ist ein Tippfehler im Titel. Da fehlt der Beistrich zwischen Samba und Reggae“, erklärt mir die Tontechnikerin. Und sie ist damit schon die vierte, die mich darauf aufmerksam macht. Doch worum es sich hier dreht, ist weder Samba, noch Reggae, sondern eben: Samba Reggae. Ein Rhythmus, der keine Satzzeichen braucht.

Banda Feminina Didá

Sozialkritik und Karneval
Es ist der Rhythmus der schwarzen Bürgerrechtsbewegung: der Samba Reggae aus Salvador da Bahia, an der Nordostküste Brasiliens. Ein Offbeat-Samba mit Reggae-Feeling, afrikanischen Einflüssen und politischen Botschaften.

Entstanden ist dieser lokale Musikstil gegen Ende der 1980er. Damals befand sich die brasilianische Militärdiktatur (1964-85) in ihrer Endphase und diverse soziale Bewegungen wurden stark: die Bewegung der Landlosen, die Frauenbewegung und die Bewegung der Schwarzen.

Während der Diktatur war es quasi verboten, öffentlich Themen wie Rassendiskriminierung anzusprechen. Ein Raum, wo es dennoch möglich war, zumindest versteckt Kritik zu üben, war der Karneval. 1975 tauchte im Karneval von Salvador der erste politische Afro-Block auf: Ilé Aiyé. Eine Gruppe junger Schwarzer mit bunten Gewändern ging da plötzlich durch die Straßen, trommelte afrikanisch anmutende Rhythmen und sang davon, dass schwarze Menschen schön seien.

Musik der Unterdrückten
Salvador da Bahía ist heute mit drei Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes. Im 16. Jahrhundert war es die erste Hauptstadt der portugiesischen Kolonie. Im Stadtzentrum, in der Nähe des Hafens, befand sich damals einer der größten Sklavenmärkte Lateinamerikas. Bis heute ist Bahía der Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an afrobrasilianischer Bevölkerung. Bis heute wird diese Bevölkerungsgruppe stark diskriminiert.

„Für uns ist Samba Reggae ein Weg, um gegen Unterdrückung und für Gleichheit und Menschenwürde zu kämpfen“, sagt Joao Jorge, Präsident von Olodum, einer der bekanntesten Samba Reggae Gruppen. Im Vereinslokal von Olodum merkt man sofort: Man ist nicht zu Gast bei Musikanten, sondern bei politischen Aktivisten. Neben den zahlreichen goldenen Schallplatten von Olodum hängen an den Wänden auch Portraits von Nelson Mandela, Steve Biko und Prinzessin Isabel – jener Frau, die offiziell die Sklaverei in Brasilien abgeschafft hat.

Weltstars, Karneval und Bildung
„Olodum ist nicht in erster Linie Musikgruppe. Bedeutend für uns ist nicht Geld, Ruhm und Erfolg, sondern Bildung und Bewusstseinsarbeit“, sagt João Jorge. Olodum besteht einerseits aus einer Band: der Banda Olodum. Diese tourt durch die Welt, spielt auf diversen Festivals, nimmt CDs auf, bekommt goldene Schallplatten und hat mit Stars wie Paul Simon und Michael Jackson musiziert.

Daneben gibt es den Bloco Olodum, eine riesige Perkussionsgruppe, die vor allem im Karneval durch die Straßen von Salvador zieht. Das Herzstück ist aber die Olodum-Schule, erklärt João Jorge. Hierher kommen Kids aus den unterprivilegierten Schichten Salvadors. Sie bekommen kostenlos Unterricht im Trommeln, Tanzen, Musik, aber auch Informatik und Sprachen. Daneben spielt Bewusstseinsarbeit über schwarze Identität eine große Rolle.

Banda Feminina Didá

Frauen tanzen, Männer trommeln
Nach dem Vorbild von Olodum entstanden in Salvador zahlreiche ähnliche Projekte: Afro-Blocos mit sozialer Komponente. Lange Zeit ging es hier aber fast nur um Männer und Buben. Frauen tanzen, Männer trommeln. So war das früher, erklärt uns Viviam Queiros, Direktorin der Gruppe Didá.

Didá funktioniert im Grund ganz ähnlich, wie Olodum: Es gibt eine Bühnenband (Banda Feminina Didá), einen Karnevalsblock und eine Schule. Die Unterschied: Hier sind ausschließlich Frauen am Werk. „Die Männer haben das damals für gar keine gute Idee gehalten“, erzählt Viviam. Die Väter und Ehemänner waren besorgt, die Frauen würden dann ihre häuslichen Pflichten vernachlässigen. Ihr Vater war zunächst der Meinung, der Pelourinho mit den vielen Touristen und Drogenhändlern sei kein Ort für ein anständiges Mädchen. Und die männlichen Musiker hatten Angst vor der weiblichen Konkurrenz. „Sie haben gesagt, Frauen könnten nicht spielen, die großen Trommeln seien viel zu schwer für uns und lauter so Blödsinn. Aber aus ihrer Macho-Logik heraus hatten sie natürlich recht. Denn alles, wovor sie Angst hatten, ist auch eingetroffen.“

Herz und Schmerz
Je erfolgreicher und massentauglicher der Samba-Reggae geworden ist, desto unpolitischer wurden die Texte. Heute geht es meist um Herz und Schmerz, Liebe und Leidenschaft. Das mögen die Massen und die TV-Sender. Aber trotz allem: Durch den Samba Reggae sei die Schwarzenbewegung in Bahia sichtbar und hörbar geworden, betont Joao Jorge Präsident von Olodum. Und das ist sie in Salvador auch heute noch.

Text erschienen auf oe1.ORF.at

LINKS:
Mehr zu Brasilien auf oe1.ORF.at
Reiseblog Brasilien 2010
Reisebericht: Samba Reggae in Salvador da Bahía

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25 07 2010
Schlagwerk, Hip Hop, Samba Reggae « Ulla Ebner

[…] Teil 1: Samba Reggae aus Salvador da Bahía […]

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