Pippa Norris: Cosmopolitan Communications

2 06 2010

SENDUNG: Digital.leben, Mittwoch, 2. Juni 2010, 16:55, Ö1

Was passiert, wenn entlegene Dörfer in Bhutan oder Mali plötzlich Teil der Informationsgesellschaft werden, amerikanische Nachrichten, Soap Operas und Reality TV konsumieren? Führt das unweigerlich zu einem kulturellen Einheitsbrei in der Welt? Folgen dann alle denselben Wertmustern? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Politikwissenschafterin Pippa Norris von der Universität Harvard in ihrem neuen Buch „Kosmopolitische Kommunikation: Kulturelle Vielfalt in einer globalisierten Welt“. Bekannt wurde Pippa Norris vor allem durch ihr 2001 erschienes Werk „Digital Divide“, in dem sie die globale Kluft thematisiert zwischen jenen, die Zugang zu Informationsnetzwerken haben und jenen, die davon ausgeschlossen sind. Ulla Ebner hat mit Pippa Norris über ihr aktuelles Buch gesprochen.


Kulturelle Firewalls
In ihrem neuen Buch „Cosmopolitan Communications: Cultural Diversity in a Globalized World” geht sie der Frage nach, inwiefern die Ausbreitung von Massenmedien, wie Kabelfernsehen und Internet Einfluss auf die kulturelle Vielfalt in der Welt haben. Bekannt wurde Pippa Norris vor allem durch ihr 2001 erschienes Werk „Digital Divide“.

Coca-Kolonialisierung versus Kulturkampf
Die USA und Europa überschwemmen mit ihren Hollywoodfilmen, Seifenopern und Nachrichten die Welt. Es droht eine kulturelle Coca-Kolonialisierung von Afrika, Asien und Lateinamerika – das sagen die einen. Nein, der westliche Kulturimperialismus führt zu einer starken Gegenreaktion. Es droht ein Kampf der Kulturen –sagen die anderen.

Politikwissenschafterin Pippa Norris kann weder der einen, noch der anderen Theorie etwas abgewinnen. Sie hat die globale Verbreitung von verschiedenen Medien mit weltweiten Wertestuden verglichen. Ihrer Meinung nach ist die Macht von Fernsehen und Internet beschränkter, als wir glauben: „Wir haben festgestellt, dass es jede Menge Firewalls, also Barrieren, gibt, die globale Medien daran hindern, in Gesellschaften einzudringen. Wir bilden uns zwar ein, dass die ganze Welt miteinander verbunden ist. Aber tatsächlich gibt es da viele Grenzen. Und diese hindern kosmopolitische Medien daran, nationale Kulturen zu verändern.“

Zensur und Armut verhindern Medienzugang
Manche Regierungen errichten absichtlich solche Firewalls, um ihre Bürger vor zuviel kosmopolitischen Einflüssen abzuschirmen: China und Iran sperren Internetseiten, in Nordkorea und Myanmar wird bestraft, wer ausländische Radiosender hört.

Manche Barrieren entstehen aber ohne gezielte Absicht, sagt Pippa Norris. Armut, zum Beispiel. Afrikanische Länder wie Ghana, Mali und Benin seien zwar demokratisch regiert und es herrsche auch Pressefreiheit, trotzdem habe der Großteil der Bevölkerung keinen Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien: „Wir sprechen hier auch von Zugang zu Fernsehen und Radio – nicht nur vom Internet. Denn die digitale Kluft ist viel breiter. Es geht hier um jede Form von Medien. Die dringen noch immer nicht bis in die ärmsten Länder der Welt vor.“

Digital Divide in reichen Ländern

Die digitale Kluft besteht nicht nur zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern, sondern auch innerhalb von Gesellschaften: Zwischen Jung und Alt, Reich und Arm, Stadt und Land, zwischen ethnischen Gruppen. In den USA etwa hat etwa ein Drittel der Bevölkerung keinen Zugang zu Kabelfernsehen und Internet. Der Grund seien meist die hohen Kosten, erklärt Pippa Norris: „Das betrifft vor allem ländliche Regionen, ärmere Wohnviertel oder beispielsweise Afroamerikaner.“

Psychologische Firewalls
Doch selbst wenn man Internetanschlüsse und Kabelfernsehen in jeden einzelnen Haushalt in Mali, Nordkorea und die New Yorker Armenviertel legen würde, so würde auch das nicht zwangsläufig zu einem kulturellen Einheitsbrei führen, ist Pippa Norris überzeugt. Denn dagegen gibt es noch eine starke psychologische Firewall. Schließlich werden unsere Werthaltungen nicht nur durch die Medien geprägt, sondern durch viele andere Faktoren: Elternhaus, Schule, Religion, die Gesellschaft, in der wir aufwachsen. „Nur weil wir ein amerikanisches Drama anschauen, werden wir nicht gleich Amerikaner“.

So hätten etwa italienische, jüdische und irische Einwandererfamilien in den USA auch nach Generationen noch ihre eigenen Sitten und Gebräuche, sagt Pippa Norris. Und auch Wertestudien unter muslimischen Immigranten hätten gezeigt: Sie übernehmen westliche Werte bis zu einem gewissen Grad. Völlig assimilieren lassen sie sich aber nicht. Und auch die Theorie, junge Muslime würden im Westen als Gegenreaktion wieder fundamentalistischer werden, sei nicht haltbar, sagt Norris.

Text erschienen auf oe1.ORF.at

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: