Repentistas: Sprechgesang aus Pernambuco

12 04 2010

Wer glaubt, die Rapper und Hip Hopper hätten den Sprechgesang erfunden, der liegt völlig falsch. Die Altmeister der Reime, die Urväter des Poetry Slams, die findet man zum Beispiel im Nordosten Brasiliens. Etwa bei einem Nachmittagspaziergang durch Olinda.


Lustwandeln bei den kolonialen Zuckerbaronen
Am Sonntag machen viele BewohnerInnen Recifes, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaates Pernambuco einen Ausflug ins benachbarte Olinda. Dort war die ältere Ansiedelung der portugiesischen Kolonialherren in dieser Region. Die Zuckerbarone bauten dort ihre Stadtresidenzen. Das heutige Recife war damals der Hafen, an dem das Zuckerrohr verschifft wurde und wo die afrikanischen Sklaven ausgeladen wurden, die das Zuckerrohr schneiden sollten.

Doch irgendwann änderte sich das. Die Geschäftsleute aus Recife kämpften mit den Plantagenbesitzern aus Olinda um die Macht und setzten sich durch. Recife wurde zur Metropole. Es zählt heute knapp drei Millionen EinwohnerInnen. Die Altstadt von Olinda wiederum ist heute eine Art Freilichtmuseum. Ein entzückender Ort mit bunten, sauber renovierten Kolonialhäusern. Ein Ort für TouristInnen, KünstlerInnen und eben SonntagsausflüglerInnen, die dem Lärm Recifes entkommen wollen.

Die Doktorin und der Künstler
In Olinda flaniert man dann auf dem Hügel zum Praca da Se und kauft sich bei einem der zahlreichen Essenstände ein Tapioca, eine Art gefülltes Omelette aus dem Mehl der Maniok-Wurzel. Wahlweise mit Fleisch und Käse oder mit Banane und Schokosauce gefüllt. Ich mehr die Herbe, Johannes der Süße.

Man genießt die beinahe kitschige Aussicht auf die Altstadt und das dahinterliegende Meer. Und wenn man Glück hat, dann bekommt man auch ein Ständchen dargeboten. Am Alto da Se trifft man nämlich sogenannte „Repentistas“. Das sind Duos von älteren Herren mit Steelgitarren (Violas). Sie nähern sich BesucherInnen und dichten ihnen spontan Verse: Sprechgesang in Form von Doppelconferencen: „Diese jungen Leute hier kauen Tapioca. Die wissen, wie man sich gut ernährt. Ich glaub, die sind aus Porto Alegre oder Santa Cantarina.“ – „Nein, nein, die kommen aus Sao Paulo, aus Minas Gerais oder Rio. Die da ist, glaube ich, Doktorin und der junge Mann schaut aus, als ob er Künstler wäre.“

Sie verdächtigen uns, aus dem Süden Brasilliens zu kommen. Das wäre durchaus denkbar, denn dort gibt es viele Menschen mit heller Haut und blauen Augen. Dort gibt es immerhin auch Ortschaften, die „Blumenau“ heißen und Oktoberfeste feiern.

Die kleine Löwin und die Liebe
Repentistas gab es früher angeblich auch in Portugal und heute lebt diese Tradition vor allem im Nordosten Brasiliens weiter. Der Begriff kommt vom portugiesischen Wort „repente“, was soviel heißt, wie „auf der Stelle“. Die Kunst besteht nämlich darin, sich möglichst schnell spontan etwas passendes für die jeweiligen ZuhörerInnen auszudenken. Dabei treten die beiden Dichter quasi in den Wettstreit miteinander, wer die originelleren Verse erfindet.

Die Volkspoeten beschreiben, wie die Leute aussehen, was sie gerade tun, stellen Mutmaßungen über Beruf und Herkunft an und Spekulationen darüber, ob die Beziehung des jeweiligen Pärchens harmonisch verläuft. Wir haben Glück: „Er findet diese kleine Löwin aufregend. Und sie ist ganz glücklich, wenn sie in seiner Nähe sein darf.“ Echte Menschenkenner, kann man nur sagen.

Die Musik dazu ist relativ monoton. Hier in Recife bzw. Olinda spielen die Musiker auf Violas, in anderen Regionen können es auch Perkussionsinstrumente sein, z.B. das Schellentambourim Pandeiro. Das bekannteste Repentista-Duo sind Caju & Castanha (Cashew und Erdnuss), ebenfalls aus Recife.

Das Schneetreiben und der Hitler
Nach mehreren falschen Rateversuchen, verraten wir es den beiden Sprechsängern schließlich: wir kommen aus Österreich, aus Wien. Und was ein echter Repentista ist, der hier in Olinda auf TouristInnen aus aller Welt trifft, der hat sich natürlich informiert über diverse Länder. Zum Beispiel über das dortige Wetter: „Sie sind aus Wien, gekommen aus der Kälte, hierher nach Brasilien, wo das Klima besser ist.“ Vor ein paar Tagen erst haben wir erfahren, dass es in Österreich wieder zu schneien begonnen hat. Und wir freuen uns gleich noch viel mehr, hier zu sein.

Aber auch über Geschichte wissen sie Bescheid, die Repentistas von Olinda: „Er wohnt in dem Land, das damals den Hitler verehrt hat.“ – „Ja, ja, der Hitler, das war ein fürchterlicher Kerl. Aber dieser junge Mann hier, der ist in Ordnung.“

Aber um ganz ehrlich zu sein, wären uns ein paar Zeilen über Kängurus fast lieber gewesen.

LINK:
Reiseblog Brasilien 2010

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