Samba Reggae in Salvador da Bahía

4 04 2010

So ganz unkompliziert ist es ja nicht, in Brasilien Interviewtermine zu organisieren. Zumindest nicht für MitteleuropäerInnen ohne eigenes Telefon und Internet. Man schreibt E-Mails, bekommt keine Antwort. Man klopft an Türen, bekommt (oft falsche) E-Mail Adressen oder Telefonnummern in die Hand gedrückt. Man ruft an – nachdem man endlich einen funktionierenden Münzfernsprecher gefunden hat: die Person ist nicht da. Man möge doch später anrufen. Man ruft später an: die Person ist schon wieder weg.

Aber mit genügend Beharrlichkeit klappt es dann doch. Irgendwann hat man den Chef persönlich dran und plötzlich wird alles ganz unkompliziert: Na kommts halt in zwei Stunden vorbei…

Und so konnten wir uns letztens an einem Tag gleich mit zwei Größen des Samba Reggae unterhalten: João Jorge, dem Präsidenten von Olodum und Viviam Queiros, Direktorin von Didá.

Im Wartezimmer von Olodum
Das Haus von Olodum liegt im historischen Stadtzentrum von Salvador de Bahia, dem sogenannten Pelourinho. Und wenn man in die Büroräumlichkeiten kommt, merkt man sofort: hier ist man nicht zu Gast bei Musikern, sondern bei politischen Aktivisten.
Wir haben dann schließlich 1,5 Stunden Zeit, die Bilder an den Wänden zu studieren. João Jorge ist nämlich eine spontane Besprechung dazwischen gekommen. Er lässt uns bitten, zu warten. Und so beschäftigen wir uns eben mit Nelson Mandela, Steve Biko und Marcus Garvey. Und auch mit den zahlreichen goldenen Schallplatten, die da hängen.

Nie im Leben würde es mir in Österreich einfallen, 1,5 Stunden auf einen Interviewpartner zu warten. Aber hier scheint die Zeit ohnehin still zu stehen. Es hat 40 Grad im Schatten. Man starrt in die Luft, verfällt in einen tiefen meditativen Zustand und plötzlich ist es ganz viel später und plötzlich steht João Jorge vor uns: ein stattlicher Herr mit Rastazöpfen und grau meliertem Bart. Hoch gebildet. Ein Aktivist des Movimento Negro der ersten Stunde. Als Johannes den Fotoapparat auspackt, wird sofort der Haargummi entfernt und werden die Rastas fotogerecht in Szene gesetzt.

Foto: Johannes Schmidt

Ein Rhythmus für Menschenwürde
„Für uns ist Samba Reggae ein Weg, um gegen Unterdrückung und für Gleichheit und Menschenwürde zu kämpfen“, erklärt er uns. Der Samba Reggae entstand in den frühen 1980ern. Damals befand sich die brasilianische Militärdiktatur in ihrer Endphase und diverse soziale Bewegungen wurden stark: die Bewegung der Landlosen, die Frauenbewegung und das Movimento Negro, die Bewegung der Schwarzen.

Bahia ist jener Bundesstaat mit dem größten Anteil an afrobrasilianischer Bevölkerung. Denn im Hafen von Salvador befand sich der Mercado Modelo, der größte Sklavenmarkt des Kontinents.
Der politische Aktivist und Musiker Neguinho do Samba (was übersetzt ungefähr soviel heißt wie: der kleine Schwarze des Samba) erschuf damals einen neuen Rhythmus: er vermischte brasilianischen Samba mit jamaikanischem Reggae. Das Ergebnis war eine Art Offbeat Samba. Gespielt wird das ganze von großen Percussiongruppen, so genannten Blocos Afro. Neguinho selbst ist vergangenen Herbst verstorben. Aber sein Samba Reggae wurde DER Rhythmus des Movimento Negro in Bahia. Eine der ersten Gruppen, die diesen Ryhthmus spielte, war Olodum.

João Jorge, Präsident von Olodum. Foto: Johannes Schmidt

Weltstars, Karneval und Bildung
„Olodum ist nicht in erster Linie Musikgruppe. Bedeutend für uns ist nicht Geld, Ruhm und Erfolg, sondern Bildung und Bewusstseinsarbeit“, sagt João Jorge. Er selbst hat nie getrommelt, sondern war immer im organisatorischen Bereich von Olodum tätig. Olodum besteht einerseits aus einer Band: der Banda Olodum. Diese tourt durch die Welt, spielt auf diversen Festivals, nimmt CDs auf, bekommt goldene Schallplatten und musiziert mit Stars wie Paul Simon und Michael Jackson.

Daneben gibt es den Bloco Olodum, eine riesige Perkussionsgruppe, die vor allem im Karneval durch die Straßen von Salvador zieht. Das Herzstück ist aber die Olodum-Schule, erklärt João Jorge. Hierher kommen Kids aus den unterprivilegierten Schichten Salvadors. Sie bekommen kostenlos Unterricht im Trommeln, Tanzen, Musik, aber auch beispielsweise Informatik.
Aber auch Bewusstseinsarbeit über schwarze Identität spielt eine große Rolle: in den 1,5 Stunden Wartezeit bekamen wir ein Comic zu lesen, das die Geschichte eines Sklavenaufstandes aus Perspektive der Sklaven erzählt. „Die Geschichte wurde von der weißen Elite geschrieben“, sagt João. Aber es sei wichtig für die afrobrasilianische Bevölkerung, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Das Sozialprojekt von Olodum finanziert sich durch die Einnahmen der Band, Förderungen und Spenden.

Frauen tanzen, Männer trommeln
Nach dem Vorbild von Olodum entstanden in Salvador zahlreiche ähnliche Projekte: Afro-Blocos mit sozialer Komponente. Lange Zeit ging es hier aber fast nur um Männer und Buben. Nicht, dass es Frauen offiziell verboten gewesen wäre, zu Olodum oder anderen Schulen zu kommen. Aber nur wenige trauten sich hin. Frauen tanzen, Männer trommeln. So war das früher, erklärt uns Viviam Queiros, Direktorin der Gruppe Didá.

Didá funktioniert im Grund ganz ähnlich, wie Olodum: Es gibt eine Bühnenband (Banda Feminina Didá), einen Karnevalsblock und eine Schule. Die Unterschied: Hier sind ausschließlich Frauen am Werk.

Das Projekt wurde ebenfalls von Neguinho do Samba ins Leben gerufen. Und zwar im Jahr 1993. Viviam Queiros war von Anfang an dabei: „Meine Brüder haben bei Olodum gespielt. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, selbst zu trommeln“. Bis eben Neguinho gekommen ist und sie überredet hat, bei seinem neuen Projekt für Frauen mitzumachen.

Banda Feminina Didá. Foto: Johannes Schmidt.

Die Männerdomäne wird geentert
Viviam ist die personifizierte Leidenschaft. Ein Energiebündel mit feurigen Augen, strahlendem Lächeln und blonden Rastazöpfen. In ca. einer Stunde sollte sie auf der Bühne stehen. Sie ist noch nicht umgezogen und noch nicht geschminkt. Trotzdem gibt sie uns völlig entspannt ein Interview. Und sie nimmt sich kein Blatt vor den Mund. „Die Männer in ihrer Macho-Welt haben das damals für gar keine gute Idee gehalten“, sagt sie.

Die Väter und Ehemänner waren besorgt, die Frauen würden dann ihre häuslichen Pflichten vernachlässigen. Ihr Vater war zunächst der Meinung, der Pelourinho mit den vielen Touristen und Drogenhändlern sei kein Ort für ein anständiges Mädchen. Und die männlichen Musiker hatten Angst vor der weiblichen Konkurrenz. „Sie haben gesagt, Frauen könnten nicht spielen, die großen Trommeln seien viel zu schwer für uns und lauter so Blödsinn.“

Mittlerweile hat sich die Gruppe Didá etabliert und mittlerweile gibt es auch immer mehr Frauen in den anderen Afro Blocos, zum Beispiel bei Olodum.

Bloco Didá am Pelourinho mit „Sklavin Anastacia“. Foto: Johannes Schmidt.

Extase, Schweiß und Caipirinhas
Wir haben großes Glück: Es ist Freitag. Und da hält Didá immer öffentliche Probe ab. Zuerst ziehen die Nachwuchsmusikerinnen des Blocos durch die Straßen. Eine Caixa-Spielerin tänzelt leichtfüßig mit Stöckelschuhen über das Kopfsteinpflaster im Pelourinho, die Surdo-Spielerinnen lassen die Hüften kreisen, als wären die großen Metalltrommeln, die sie um die Mitte gebunden haben, aus Luft.

Vorne weg eine Tänzerin in einem weiten Jutekleid. Sie trägt eine Maske vor dem Mund. Sie repräsentiert die Sklavin Anastacia, erklärt uns Viviam. Die Legende erzählt, dass diese schwarze Sklavin magische Kräfte gehabt haben soll. Die Weißen hatten Angst vor ihr. Sie setzten ihr eine eiserne Maske auf, damit sie keine Zauberformeln mehr sprechen konnte. Anastacia starb am Wundbrand. Verursacht durch die Maske. In vielen Teilen Brasiliens wird sei heute als Heilige verehrt. Für Didá ist sie Mahnmal für die Unterdrückung von Schwarzen und Mahnmal für die Unterdrückung von Frauen.

Danach tritt in ihrem Stammlokal, dem Praça Tereza Batista, die Bühnenband von Didá auf: die Banda Feminina Didá. Am Eingang hängt ein großes Bild von Neguinho do Samba. Ein Tribut für den kürzlich verstorbenen Gründer des Samba Reggae.

Wir erleben Viviam Queiros in Action. Die blonden Rastazöpfe wirbeln durch die Luft. Pure Extase. Über drei Stunden geben die Damen Gas. Wir schwitzen alle Caipirinhas gleich wieder heraus, bis wir uns dann gegen Mitternacht geschlagen geben.

LINKS:
Mehr zu Brasilien auf oe1.ORF.at
Reiseblog Brasilien 2010

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