Bei den Landbesetzern von Alagoinhas

24 03 2010

Land ist in Brasilien so ungleich verteilt, wie kaum wo auf der Welt. Es gibt ein paar wenige Großgrundbesitzer und Millionen von Landlosen, die in bitterer Armut leben. Diese haben eine Bewegung gegründet und besetzen Grundstücke, die niemand bebaut.


„Das hier ist eine historische Landbesetzersiedlung“, erklärt uns der Landlosenaktivist Adailton de Oliveira. „Ja, eine historische Siedlung“, wiederholt sein Vater Valdemir. Der alte Mann nickt gedankenverloren mit dem Kopf. „Hätten wir dieses Land damals nicht erkämpft, dann gäbe es die ganzen anderen Siedlungen rundherum gar nicht. Wir waren die Pioniere.“

Das Assentamento Alagoinhas liegt im Landesinneren des Bundesstaates Bahía in Nordostbrasilien, ca. 30 Kilometer von der Stadt Jacobina entfernt. Wir befinden uns hier im sogenannten Sertao, einer halbwüstenartigen Landschaft. 47 Familien leben in Alagoinhas. Seit mittlerweile 15 Jahren.

Großgrundbesitzer lassen Land brach liegen
Als „Assentamento“ bezeichnet man Siedlungen bzw. Ländereien, die ursprünglich von Landlosen besetzt wurden, aber mittlerweile bereits rechtmäßig in deren Besitz übergegangen sind. Die brasilianische Verfassung sieht nämlich vor, dass fruchtbares Land, das brach liegt, den ursprünglichen Besitzern weggenommen und an Kleinbauern verteilt werden kann.

Aber natürlich wird die Regierung hier nicht von selbst aktiv, sondern erst, wenn es einen Konflikt gibt“, erklärt uns der österreichische Landlosenaktivist Thomas Bauer. Der Vorarlberger lebt seit 15 Jahren in Bahia und arbeitet hier für die Comissao Pastoral da Terra (CPT), eine kirchliche Organisation, die Landlose in ihrem Kampf um Grund und Boden unterstützt.

Landbesitz ist in kaum einen Staat so ungleich verteilt, wie in Brasilien: Zehn Prozent der Bevölkerung besitzen 80 Prozent der Fläche. Daneben sind Millionen von Familien in ruralen Gebieten landlos. Dies bestätigt uns auch der lokale Sekretär für Landwirtschaft. Auf unsere Frage, ob es hier große Plantagen gibt, lacht er: „Nein, große Plantagen gibt es hier nicht. Aber es gibt riesengroße Grundstücksbesitze, die kaum bebaut werden. Und auf der anderen Seite gibt es sehr viele Kleinbauern und Landarbeiter die wenig, bis gar kein Land besitzen.“

Der Kampf gegen die Doktoren
Um eine Enteignung zu erzwingen, besetzen besitzlose Landarbeiter und Landarbeiterinnen mitunter brachliegende Grundstücke. Sie errichten dort provisorische Zeltlager und versuchen, über die Gerichte ein Zwangsenteignung zu erreichen. In diesem Stadium der Landebesetzung spricht man von einem „Acampamento“.

„Zwei Jahre haben wir hier im Zeltlager ausgeharrt“, erzählt Almir Jesus de Oliveira, der Bruder von Adailton. Die Anwältin der Diözese hat ihnen bei den rechtlichen Formalitäten geholfen. „Das war nicht einfach, denn das Land gehörte drei Doktoren. Wenn man sich mit lokalen Großbauern, den Fazendeiros, anlegt, ist das schon nicht ganz ohne. Aber dann erst Doktoren… Diese Familie hatte sehr viel Einfluss in der Region und ein Heer von Anwälten.“ Die lokalen Gerichte in Jacobina schmetterten den Antrag auf Enteignung ab. Aber die Anwältin der Landlosen brachte den Fall bis nach Brasilia. Die Gerichte der Hauptstadt sprachen das Land schließlich den Besetzern und Besetzerinnen zu.

„In diesen zwei Jahren waren wir sehr stark von Spenden abhängig. Wir bauten ein paar Grundnahrungsmittel an, aber konnten ja nicht die gesamte Fläche bewirtschaften“, berichtet Almir. Bei den Großgrundbesitzern der Umgebung bekamen sie keine Arbeit mehr. Denn wer Land besetzt steht quasi auf der schwarzen Liste. Zum Glück gab es damals in Jacobina noch den Padre José, einen österreichischer Pfarrer, sagt Adailton: „Er hat in der Messe Lebensmittelspenden eingesammelt und dann persönlich zu uns gebracht.“

Heute weht ein konservativer Wind aus der katholischen Kirche. Sozial engagierte Priester und Befreiungstheologen sind nicht mehr so gern gesehen. Padre José wurde aus Jacobina abberufen.

Zeltstädte am Straßenrand
Das Acampamento von Alagoinhas verlief aber noch verhältnismäßig rasch, erklärt uns Thomas Bauer. Häufig leben die Menschen sechs bis neun Jahre in Zeltlagern, bis ihnen das Land zugesprochen wird. Erschwert wurden das Landbesetzen durch ein Gesetz, das der vorige Präsident Fernando Henrique Cardoso erlassen hat: Ländereien, die besetzt sind, können nicht mehr so ohne weiteres enteignet werden. Seither campieren Landbesetzer eben jahrelang am Straßenrand, neben dem Grundstück, das sie beanspruchen.

Die Bewegung der Landlosen entstand in Brasilien in den 1980ern während der Militärdiktatur. Die größte dieser Organisationen ist die Bewegung der Landarbeiter ohne Land (MST). Diese ist in verschiedenen Regionen Brasiliens aktiv. Aber hier in Bahia weniger verbreitet.

Almir und sein Bruder sind Aktivisten der lokalen Landlosenbewegung CETA. Die MST habe ein Problem, erklärt er uns: Der jetzige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, der selbst aus der Arbeiterbewegungen kommt, hat viele hohe MST-Funktionäre in die Regierung geholt. Das habe die MST zahnlos gemacht. Denn sie tue sich jetzt schwerer, die Regierung zu kritisieren.

Die ersten Landlosen mit Uniabschluss
Wir sitzen im Haus seiner Mutter und trinken schwarzen Kaffee mit Zucker. Almir erzählt uns, dass er am Abend noch in die Schule gehen wird. Almir ist 37 Jahre alt. In seiner Kindheit konnte er nur wenige Jahre zur Schule gehen, weil er schon sehr früh arbeiten musste. Aber jetzt will er das nachholen. In seiner Klasse sitzen an die 40 Erwachsene aus der Gegend.

Etwa drei Viertel der Menschen in dieser Region können weder lesen noch schreiben, erklärt uns Thomas Bauer. Aber für die Aktivisten und Aktivistinnen der Landlosenbewegung hat Bildung einen hohen Wert. „Die mächtigen Eliten hätten gerne, dass wir dumm bleiben, damit sie uns leichter ausbeuten können“, sagt Almir.
Die Landlosenbewegung in Bahia hat sogar eigene Universitätslehrgänge für Landlose durchgesetzt. An der öffentlichen Universität von Salvador, der Hauptstadt Bahias, können fleißige junge Menschen aus den Assentamentos unter anderem Pädagogik, Landwirtschaft und technische Studien absolvieren.

Vor kurzem hat der erste Jahrgang die Universität abgeschlossen. Demnächst werden in Salvador die Diplome verliehen, im Rahmen eines Riesenevents. 3.000 Besucher und Besucherinnen werden erwartet. Auch Almir und sein Bruder Adailton werden nach Salvador fahren. Schließlich kommen drei der Absolventen aus Alagoinhas: „Das sind die ersten Landlosen hier mit Universitätsdiplom. Für uns ist das ein historischer Moment.“

Text erschienen auf oe1.ORF.at

LINKS:
Mehr zu Brasilien auf oe1.ORF.at
Reiseblog Brasilien 2010

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