Carlinhos Brown: Der „Held“ von Candeal

15 03 2010

Das Armenviertel Candeal in der nordostbrasilianischen Stadt Salvador da Bahia hat einen berühmten Sohn: den Musiker Carlinhos Brown. Dieser fördert dort seit mehr als zehn Jahren Sozialprojekte um die Lebensumstände im Viertel zu verbessern.


„Für die Menschen hier in Candeal ist Carlinhos Brown so etwas wie ein Prinz“, erzählt uns die Sozialarbeiterin und Philosophin Tatiana de Macedo, „gut, bescheiden und hilfsbereit sind die Eigenschaftswörter, die man am öftesten zu hören bekommt, wenn man hier mit den Leuten über ihn spricht.“

Candeal ist ein Stadtviertel in der Drei-Millionen-Metropole Salvador, der Hauptstadt des Bundesstaates Bahia in Nordostbrasilien. Und Carlinhos Brown ist hier so etwas, wie ein Volksheld. Doch, Heldenverehrung hin oder her: das Viertel mit seinen 5.500 Bewohnern und Bewohnerinnen hat dem Musiker tatsächlich einiges zu verdanken.

Candeal war ursprünglich ein Quilombo, eine Siedlung von entlaufenen Sklaven und wurde schließlich zu einem der zahlreichen Slumbezirke von Salvador. Tatiana de Macedo betreibt hier Stadtteilforschung mit Kindern und Jugendlichen. Alte und neue Fotos werden gesammelt, Interviews mit den Bewohnern und Bewohnerinnen geführt. In einem Buch soll dann dokumentiert werden, wie sich das Viertel im Laufe der Zeit verändert hat. Und diese Geschichten sind stark verwoben mit dem Leben von Carlinhos Brown.

Vom Slumbewohner zum Superstar
Carlinhos Brown ist heute einer der Superstars der reichhaltigen Musikszene von Salvador da Bahia. Im spanischsprachigen Raum kennt man ihn als „Carlito Marrón“. Seinen Künstlernamen hat er zu Ehren von Soullegende James Brown und des Black Panther-Aktivisten H. Rap Brown angenommen. Seine Musik ist eine Mischung aus allen möglichen „schwarzen“ Stilrichtungen: dem Samba-Reggae (dem Rhythmus der Afrobrasilianer in Salvador), Funk, Soul, Rock, aber auch ein wenig Salsa.

Berühmt wurde er auch mit der Band Tribalistas und der Percussiongruppe Timbalada, die vor allem bei den Karnevalsumzügen von Salvador in Erscheinung tritt. Salvador hat eine reiche Tradition an sogenannten Afro Blocos. Das sind große Percussiongruppen, die zu Karnevalszeiten durch die Straßen ziehen, aber daneben meist auch eine Bühnenband haben. Sie entstammen dem „Movimento Negro“, der Schwarzenbewegung Bahias.

Carlinhos Brown heißt mit bürgerlichem Namen Antônio Carlos Santos de Freitas und wurde 1962 in eben diesem Stadtviertel geboren. Damals war Candeal eine ärmliche Enklave umringt von Wohngegenden der Mittelschicht, ein Slum, in den sich viele nicht hinein wagten. Carlinhos Mutter war Wäscherin.

Eine Straße für Bob Marley
Als Ruhm und Geld kamen, hat sich der Musiker dafür eingesetzt, die Lebensbedingungen in seinem Geburtsviertel zu verbessern. Er rief den Verein Pracatum ins Leben. Das erste Projekt wurde im Jahr 1997 gestartet und widmete sich der Verbesserung der Infrastruktur.

Es wurden Sponsoren gefunden, um die heruntergekommenen Häuser zu sanieren. Auch die Regierung des Bundesstaates Bahia beteiligte sich. Würdige Wohnverhältnisse mit Wasser- und Abwasserversorgung sind der erste sichtbare Schritt zu einem besseren Leben und einer Aufwertung des Viertels. Wir besuchen die Rua Bob Marley. In dieser Straße stehen zahlreiche hübsche Reihenhäuschen in vielen bunten Farben, die im Rahmen des Programms saniert wurden.

Aber auch Bildung spielt eine Rolle. Pracatum betreibt unter anderem eine Sprachschule, wo Spanisch und Englisch unterrichtet wird und organisiert Kurse für Radioproduktionen.

Ghettosquare und Musikschule
Für den Künstler Carlinhos Brown sind auch Kunst und Kultur wichtige Instrumente, um ein Viertel aufzuwerten und Menschen eine neue Perspektive zu geben. Während die meisten der Afro-Blocos in Salvador ihre Veranstaltungslokale im historischen Stadtzentrum, dem Pelourinho, haben, ließ er das Haus von Timbalada, den sogenannten „Ghettosquare“, hier in Candeal bauen. Dieser lockte eine Zeit lang Konzertbesucher aus der ganzen Stadt an. So viele, dass die Kapazitäten nicht ausreichten und Timbalada sich schließlich doch ein anderes Quartier suchen mussten.

Nur etwa hundert Meter weiter befindet sich die Musikschule Pracatum. Sie wurde speziell für Kinder und Jugendliche aus einfachen Verhältnissen ins Leben gerufen, die sich keine teuren Privatuniversitäten leisten können. Im Vorraum ein lebensgroßes Plakat ihres Gründers: Carlinhos Brown. Ganz in weiß gekleidet, streckt er den Besuchern die ausgestreckte Hand entgegen.

Stärkung des schwarzen Selbstbewusstseins
Hier treffen wir Daniela Aguiar. Ihre Eltern sind Gemüsehändler, erzählt sie uns. Sie hat hier Gesang studiert, aber auch Gitarre und Klavier. Heute ist Daniela Aguiar Backgroundsängerin von Carlinhos Brown und hat ihn auf Tourneen in zahlreiche Länder begleitet. 2008 wurde sie von der deutschen Rock-Band Scorpions für deren Brasilientour engagiert.

„Ohne Pracatum wäre mein Leben wohl ganz anders verlaufen“, sagt sie. Aber abgesehen von der künstlerischen Ebene hat sie hier noch um ganz etwas anderes gelernt: Früher war sie extrem schüchtern, erzählt uns die bildhübsche junge Frau. Und sie habe Probleme mit ihrer afrobrasilianischen Herkunft gehabt. Wie viele Afro-Brasilianerinnen habe sie damals stets versucht, ihre krausen Haare zu glätten, damit sie aussehen, wie die Haare der Weißen. „Aber hier bei Pracatum habe ich gelernt, dass meine kulturellen Wurzeln auch etwas Schönes haben. Mein Selbstbewusstsein als Afro-Brasilianerin wurde gestärkt, und auch mein Selbstbewusstsein als Frau und als Mensch überhaupt.“

Das Projekt Pracatum gilt als Musterbeispiel für erfolgreiche Stadtteilarbeit. Vor allem, weil die Bevölkerung an der Projektplanung beteiligt wurde. „Man muss die Arbeit von Carlinhos Brown hier wirklich wertschätzen“, sagt Sozialarbeiterin Tatiana de Macedo, „es ist viel passiert und ich bin stolz darauf, an diesem Projekt mitarbeiten zu können.“

Text erschienen auf oe1.ORF.at

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