Hat die Krise ein Geschlecht?

10 08 2009

SENDUNG: Journal Panorama, Montag, 10. August 2009, 18:25, Ö1

Sind Männer allein schuld an der Krise? Profitieren Männer und Frauen gleichermaßen von den Konjunkturpaketen? Oder wird die Kluft zwischen den Geschlechtern nur noch größer? Die Autorin hat für diese Sendung die „Medienlöwin 2009“ verliehen bekommen.


Liebkind Autoindustrie, Sorgenkind Pflege

„Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Arbeit klaut!“ Tausende Angestellte der deutschen Handelskette Karstadt gehen im Juni dieses Jahres auf die Straße und fordern von der Regierung, ihre Arbeitsplätze zu retten. Es geht um 56.000 Jobs. Doch während die deutsche Regierung zwar bereit war, große Summen in die Rettung des Autoherstellers Opel zu pumpen, wird Karstadt seinem Schicksal überlassen. „Der Mann am Fließband bei Opel erfreut sich offensichtlich einer höheren öffentlichen Wertschätzung, als die Frau an der Kasse im Kaufhaus Karstadt“, wurde von vielen Seiten kritisiert.

Frauenarbeitslosigkeit totgeschwiegen?
„Das, was Schlagzeilen macht, sind die Männerjobs, die in Gefahr sind“, beschwert sich auch Myria Vassiliadou von der Europäischen Frauenlobby, „jedes Mal, wenn man den Fernseher aufdreht, ist von der Autoindustrie und der Bauwirtschaft die Rede. Aber niemand spricht vom öffentlichen Sektor, der Pflege oder der Textilbranche, die auch stark betroffen sind und wo hauptsächlich Frauen arbeiten.“

Tatsächlich wurden in der ersten Phase der Krise die Bauwirtschaft und die Autoindustrie am stärksten erfasst. Und daher stieg auch die Arbeitslosigkeit von Männern im letzten Jahr zunächst stärker als die von Frauen. Aber Frauen holen in einer zweiten Phase auf, erklärt Maria Jepsen, Wirtschaftswissenschafterin vom Europäischen Gewerkschaftsinstitut (ETUI) in Brüssel. Frauenjobs sind vor allem im Handel, im Tourismus, der Gastronomie, aber auch im Gesundheits- und Sozialbereich verloren gegangen.

Managerhälter retten, Mindestsicherung kürzen
Die Maßnahmenpakete zur Krisenbekämpfung hält Jepsen – aus Frauenperspektive betrachtet – für skandalös. Unsummen werden in die männerdominierten Sektoren Bauwirtschaft und Autoindustrie gesteckt, das sei jedoch nicht nachhaltig – schon gar nicht in Zeiten des Klimawandels: „Die Regierungen setzen Maßnahmen, die in kurzer Zeit Ergebnisse zeigen. Es geht nur darum, der Bevölkerung zu zeigen: Wir tun etwas! Aber das ist ineffizient und kurzsichtig. Wir sollten uns lieber fragen, was für eine Gesellschaft wollen wir längerfristig?“ Geld werde zudem nicht primär in jene Bereiche investiert, wo es am notwendigsten und am sinnvollsten wäre, sondern in jene Bereiche, die die stärkste Lobby haben.

Überhaupt werden all jene, die auf einen Systemwandel im Zuge der Krise gehofft hatten, derzeit enttäuscht. Die Maßnahmen zielen darauf ab, die Krise zu beseitigen und den alten Zustand wieder herzustellen, meint auch die Volkswirtin Christa Schlager von der Wiener Arbeiterkammer: „Es ist für die jetzigen Eliten eben viel leichter gewesen, ihre Interessen durchzusetzen. Hier gibt es große Ungleichgewichte und es verursacht auch Unmut in der Bevölkerung, wenn man merkt, wie leicht große Beträge gehen – siehe Bankenpakete und Unternehmensliquiditätsgesetz – und wie schwer hingegen so manche kleine Beträge gehen.“

Eine notwendige Maßnahme, die zum Beispiel nicht passiert, sind Investitionen in den Pflegebereich, beklagt Schlager. Und das ist ein Bereich, in dem hauptsächlich Frauen arbeiten und viele davon unbezahlt. Dabei könnte gerade hier eine enorme Zahl an Arbeitsplätzen geschaffen werden, so Schlager.

Sparpakete treffen Frauen
Fast alle Maßnahmen, die die Regierungen zur Krisenbekämpfung setzen, haben auch unterschiedliche Auswirkungen auf Männer und Frauen, wie die britische Universitätsprofessorin und UNESCO-Gender-Expertin Sylvia Walby analysiert hat. Während zum Beispiel höhere Einkommens- und Vermögenssteuern de facto eine Umverteilung von Männern zu Frauen bedeuten, treffen Sparpakete Frauen härter. Sie leben schließlich öfter an der Armutsgrenze und sind abhängiger von Sozialleistungen.

Wirtschaftswissenschafterin Maria Jepsen befürchtet, dass sich die Ungleichheit der Geschlechter durch unbedachtes Krisenmanagement noch weiter vergrößern könnte. Vor allem wenn man im Bereich Bildung und Kinderbetreuung spart, hat das gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Konsequenzen: „Wenn es keine leistbare Kinderbetreuung gibt, dann hören Frauen auf zu arbeiten oder sie bekommen erst gar keine Kinder. Das können wir derzeit in Italien und Griechenland beobachten.“ Auch in Österreich ist die Geburtenrate im vergangenen Jahr um knapp fünf Prozent zurückgegangen. Dabei wäre das genau das Gegenteil von dem, was die EU will.

Was kostet die Geschlechterungleichheit?
Europa droht die Überalterung und die Pensionssysteme werden unfinanzierbar. Daher braucht es sowohl mehr Kinder, wie auch eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen. Doch um das zu erreichen, müssen die Regierungen Maßnahmen setzen, die es Frauen leichter machen, Beruf und Familie zu vereinbaren, erklärt Agnes Hubert, Gender-Expertin in der EU-Kommission. Und das heißt: leistbare Kinderbetreuung, erschwingliche Pflege für alte Menschen und gleiche Chancen am Arbeitsmarkt, denn die Erfahrung in Europa zeigt, dass Frauen eher Kinder bekommen, wenn sie selbst über ein stabiles und ausreichendes Einkommen verfügen, sagt Hubert.

Gerade jetzt in der Krise wäre es also wichtig, mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu schaffen, ist Myria Vassiliadou überzeugt: „Ist Geschlechtergerechtigkeit etwa ein Luxus? Etwas, auf das wir zurückkommen, wenn Zeit und Geld da ist? Aber warum betrachten wir das nicht aus einem anderen Blickwinkel und sagen: Eben weil es in unseren Gesellschaften so viel Ungleichgewicht gibt, sind wir in diese Krise geschlittert.“

LINKS:
Sylvia Walby, Gender and the financial crisis
Sylvia Walby, Auditing the gender implications of recovery policies for the financial and economic crisis

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