„Not in my name“: Unterwegs mit israelischen Friedensaktivistinnen

24 02 2009

SENDUNG: Globale Dialoge, Februar 2009, ORANGE 94.0

Schlangestehen. Daran sind die PalästinenserInnen im von Israel besetzten Westjordanland gewöhnt. Auf alltäglichen Wegen zur Universität, zur Arbeit oder aufs Feld müssen sie zahlreiche Checkpoints passieren. Man weiß nie, wie lange man für die 20 Kilometer von A nach B braucht und ob sie einen auch wirklich nach B lassen. Die Frauen der israelischen NGO „Machsom Watch“, fahren Tag für Tag zu den Checkpoints ins Westjordanland, um zu dokumentieren, was dort an Schikanen und Menschenrechtsverletzungen passiert.

(c) machsomwatch

Ein ungleiches Paar

„Ich hasse diesen Checkpoint“, sagt Sarah schon beim Aussteigen. Es handelt sich hier nur um eine kleine Straßensperre mit vier Soldaten. „Warum, was ist so besonders an diesem Checkpoint“, will ich wissen. Ob die Soldaten hier irgendwie unangenehmer seien, als woanders? „Nein“, entgegnet Sarah, „aber ich hasse sie alle.“ Die Machsom Watch-Aktivistin hasst alle Checkpoints und alle Soldaten – und die Soldatinnen ganz besonders, denn die seien oft noch übellauniger als ihre männlichen Kollegen. Sie rümpft verächtlich die Nase und dreht sich demonstrativ weg, als ihre Kollegin Tami sich freundlich mit den jungen Rekruten unterhält.

Sie sind wie Tag und Nacht und doch beste Freundinnen. Alle paar Wochen fahren die Aktivistinnen Sarah und Tami gemeinsam auf Checkpoint-Tour. Beide Frauen sind über 80 Jahre alt. Sarah stammt ursprünglich aus Brasilien. Sie ist eine linke Feministin und wünscht sich eine Revolution, die den Kapitalismus zu Fall bringt. Tami wiederum ist alles andere als eine linke Ideologin. Als 17-jährige schloss sie sich der israelischen Untergrundbewegung Palmach an. Diese kämpfte gegen die britischen Besatzer für einen unabhängigen jüdischen Staat Israel. Nachdem dieser gegründet worden war, kämpfte sie 1948 im Unabhängigkeitskrieg gegen die Arabischen Länder, die den neuen Staat angriffen. Heute sei ihr geliebtes Israel selbst eine Besatzungsmacht, kritisiert Tami: „Jahrelang war ich der Meinung, dass da etwas falsch läuft in der Art und Weise, wie wir die Palästinenser behandeln. Und da beschloss ich etwas zu tun.“ Viele Freunde habe sie dadurch verloren, erzählt Tamil. Gerade die ehemaligen Kampfgenossen hätten wenig Verständnis für ihr Engagement für die Palästinenser.

Die täglichen Hindernisse
„Machsom“ bedeutet soviel wie „Hindernis“ und ist die hebräische Bezeichnung für diese Checkpoints. Jeden Morgen und jeden Nachmittag, also zu den Hauptverkehrszeiten, fahren Teams von 2-4 Frauen ins Westjordanland und klappern Checkpoint für Checkpoint ab. Sie stellen sich dorthin, beobachten die Lage, dokumentieren alles – von kleinen alltäglichen Schikanen bis hin zu gröberen Zwischenfällen – und veröffentlichen die Protokolle auf ihrer Webseite. „Einmal habe ich beobachtet, wie ein Offizier einen Buben geschlagen hat“, erzählt Tami, „das habe ich natürlich sofort bei der Militärpolizei gemeldet.“

Die Checkpoints sind immer wieder wegen Menschenrechtsverletzungen ins Gerede gekommen. Vor einigen Jahren gab es mehrere aufsehenerregende Fälle, wo hochschwangere Frauen, die sich auf dem Weg ins Krankenhaus befanden, nicht rechtzeitig durchgelassen wurden und ihre Kinder ohne ärztliche Hilfe am Checkpoint zur Welt bringen mussten. Einige der Säuglinge starben dabei. Heute passiere so etwas zum Glück nicht mehr, sagt Tami. Mittlerweile umfasst die Organisation Machsom Watch vier Regionalgruppen mit insgesamt 300 bis 400 Aktivistinnen. Sie alle arbeiten ehrenamtlich. Und sie alle sind weiblich: „Männer sind nicht erlaubt. Das hat nichts mit Feminismus zu tun. Wir glauben einfach, dass Frauen umgänglicher sind und es daher nicht so viele Konflikte gibt. Natürlich funktioniert das in der Praxis nicht immer“, erzählt Tami.

(c) machsomwatch

Die eingezäunte Stadt
Wir haben die Grenze zum Westjordanland nahe der palästinensischen Stadt Qualquilya überquert. Im Jahr 2003 hat Israel begonnen eine Mauer bzw. Absperrungen mit elektrisch geladenem Stacheldrahtzaun rund um das Westjordanland zu bauen. Diese Mauer hält sich jedoch nicht an die Grenzen aus dem Jahr 1967, sondern schneidet tief in die Palästinenserregion hinein. Die Stadt Qalquilya mit seinen 43.000 Einwohnern und Einwohnerinnen ist rundherum abgesperrt und kann nur an einer Stelle verlassen werden. Wir fahren auf einer gut ausgebauten mehrspurigen Schnellstraße. Hier dürfen nur Fahrzeuge mit israelischem Kennzeichen fahren. „Apartheid Straßen“ nennen das Tami und Sara. Die guten Straßen führen zu den jüdischen Siedlungen, erklären sie mir. Palästinenser müssen auf den kleinen Landstraßen mit den Schlaglöchern fahren.

Auf so eine kleine Landstraße biegen wir schließlich ab und kommen zum nächsten Checkpoint auf unserer Route. Es ist einer der größeren, einer der an einen Grenzübergang erinnert. Es ist brütend heiß. Die etwa 18/19-jährigen Soldaten sitzen hier in voller Montur und schwer bewaffnet – oder lehnen lässig an der Wand und schauen den palästinensischen Studentinnen mit ihren grell-bunten Kopftüchern nach. Trotzdem wirken sie alle nervös und angespannt. Die Schlange ist heute nicht so lange wie sonst, erklärt mir Tami. Was sie am meisten nervt: wenn blutjunge Soldaten Palästinenser anschreien, sie sollen eine schöne, gerade Schlange bilden: „Ich meine, hast du schon einmal gesehen, wie wir Israelis in der Schlange stehen? Was glauben wir, dass wir denen in punkto Schlangestehen beibringen könnten?“

(Ein paar Tage später werde ich an Tamis Worte denken, als ich am Busbahnhof in Tel Aviv verzweifelt versuche, einen Bus Richtung Jerusalem zu erklimmen. Da ist Ellbogentechnik gefragt. Es gelingt mir erst beim dritten Bus.)

(c) machsomwatch

Prügel von den Siedlerinnen
Die Checkpoints sollen die Sicherheit Israels garantieren. Sie wurden seit der zweiten Intifada in den Jahren 2000 bis 2005 eingerichtet. Damals hatten die Palästinenser und –innen zum Volksaufstand gegen die israelische Besatzungsmacht aufgerufen. Selbstmordattentäter und auch vereinzelte Attentäterinnen zündeten Sprengkörper in israelischen Städten. Tami bezweifelt allerdings, dasse diese Checkpoints heute tatsächlich so wichtig für die Sicherheit Israels seien. Schließlich befinden sie sich ja nicht nur an der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland, sondern in erster Linie innerhalb des palästinensischen Territoriums: „Die Sicherheitskontrollen gehören an die Grenze zu Israel. Bei den meisten Checkpoints hier geht es nur darum, unsere Macht zu demonstrieren.“ Und um die jüdischen Siedlungen zu bewachen.

In den Palästinensergebieten haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zahlreiche jüdische Siedler niedergelassen. Diese Siedlungen sind permanenter Streitpunkt bei den Friedensverhandlungen. Manche der Siedler und Siedlerinnen sind jüdische Zuwanderer aus Osteuropa oder Äthiopien, die wegen der niedrigen Grundstückspreise in die besetzten Gebiete ziehen, aber zum größeren Teil sind es ultra-rechte religiöse Fanatiker. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Konflikten zwischen ihnen und der palästinensischen Bevölkerung. Die Siedler werden von der Armee beschützt. Die meisten Checkpoints liegen in der Nähe von jüdischen Siedlungen.

„Das sind ganz fürchterliche Leute“, knurrt Sarah, als wir an einer illegalen jüdischen Siedlung vorbei fahren. Die Siedler haben dort eine Art Zeltlager errichtet. „Meine Freunde fragen mich oft, ob ich nicht Angst habe, ins Westjordanland zu fahren. Sie glauben, alle Araber seien Terroristen. Aber wenn ich vor irgendetwas Angst habe, dann sind es die Siedler“, sagt Sarah. Tami wurde einmal von einer Gruppe Siedlerfrauen verprügelt. Sarah bislang nur beschimpft: „Ein Teenager hat mich angeschrien, dass ich eine Verräterin sei und mit Arabern lebe. Wenn er ein Gewehr hätte, würde er mich erschießen. Aber ich hab ihn nur ausgelacht.“

Verstörte junge Menschen
Während ich mich beim nächsten Checkpoint mit Sarah über den Kapitalismus unterhalte, spricht Tami mit den Soldaten. Es habe ein Problem mit einem palästinensischen Bauern gegeben, erzählt sie uns. Der Mann lebt in einem Dorf in der Nähe, doch sein Feld liegt auf der anderen Seite des Checkpoints, quasi in einer anderen Zone. Der Mann selbst habe einen gültigen Passierschein, aber die Passiergenehmigung für den Traktor sei abgelaufen. Daher hätten ihm die Soldaten nicht erlaubt, auf sein Feld zu fahren. Bis er eine neue Genehmigung bekomme, könne ein Jahr vergehen, erzählen die Aktivistinnen. Bis dahin sei die Ernte längst verrottet. Kein Einzelfall.

Im Gegensatz zu Sarah hegt Tami keinerlei Aggressionen gegen die jungen Soldaten und Soldatinnen. Die ehemalige Guerilla-Kämpferin und Soldatin behandelt diese beinahe großmütterlich. Auch die jungen Rekruten und Rekrutinnen seien Opfer der Besatzung, sagt sie: „Es ist nicht einfach für diese jungen Leute. Während der Intifada wurden sie öfter angegriffen. Sie haben immer sehr viel Angst. Viele kommen aus dem Militärdienst extrem verstört oder auch extrem gewalttätig heraus.“

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One response

11 06 2013
abumidian

Inzwischen (2013) ging Israel wieder an die Urnen…. diesmal war die Rechtswidrigkeit der Wahlen schreiend denn je zuvor:
http://abumidian.wordpress.com/deutsch/knessetwahlen/

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