Mundbässe, Milchkannen und Metalllöffel

19 01 2009

Die Roma-Folkloregruppe Romano Drom kommt aus der ungarischen Hauptstadt Budapest. Das Roma-Quintett wurde 1999 von Anti Kovács gegründet und der Name bedeutet soviel wie „Straße der Zigeuner“. Die Mitglieder gehören der Roma-Gruppe der Oláh an. Im Dezember 2008 waren sie in Wien zu Gast. Ulla Ebner hat sich mit dem Bandleader Antal Kovács  und der Managerin Marina Pommier über Mundbässe, Securities und maskulinen Chauvinismus unterhalten.

AUDIO: Beitrag Romano Drom




Die Musik der Kesselflicker
Mundbässe, Milchkannen und Metalllöffel sind typische Instrumente in der Musik der Oláh-Gypsies. Ursprünglich ist diese Musik überhaupt fast ohne richtige Instrumente ausgekommen, erklärt Antal Kovac, Sänger und Bandleader von RomanoDrom. Denn die Olahs waren im Gegensatz zu anderen Roma-Gruppen gar keine Musiker, sondern Pferdehändler, Hufschmiede und Kesselflicker. Musik gemacht haben sie, um sich selbst zu unterhalten, aber nicht kommerziell für andere.

„Olah“ heißt auf altungarisch „Rumänien“, denn die Vorfahren der Olah sind erst im 19. Jahrhundert in Ungarn eingewandert. Viele von ihnen sprechen noch verschiedene Roma-Dialekte. RomanoDrom etwa singen auf Lovari. Die Oláh sind jedoch nur eine von mehreren Roma-Gruppen in Ungarn. Die größte sind die sogenannten Romungros, die bereits seit dem 14. Jahrhundert dort leben. Ihre Muttersprache ist heute ausschließlich Ungarisch, nachdem der aufgeklärte Habsburgerkaiser Joseph II ihnen im Jahr 1783 verboten hat, ihre traditionelle Roma-Sprache zu sprechen.

Bruderzwiste und Familienmusik
Zwischen den einzelnen Roma-Gruppen in Ungarn herrscht nicht immer Freundschaft. Vor allem jene Angehörige der Romungros, die der Musikerkaste angehören, würden sich nicht gerne mit anderen Roma vermischen, sagt Antal Kovács: „Manche Romungro-Musiker in Budapest sind ein wenig überheblich und blicken auf die Oláh-Musik herab.“

Romano Drom existieren seit zehn Jahren. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 war Antal Kovács‘ Vater – Antal Kovács senior – Sänger der Band. Mittlerweile spielt auch Antals Sohn – Antal Máté Kovács – mit: er ist Schlagzeuger. Romano Drom haben traditionelle Elemente der Oláh-Musik aufgenommen und modernisiert. Heute verwenden sie auf der Bühne, neben Löffeln und Milchkanne, auch Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Vom maskulinen Chauvinismus
„Maskuline Energie“ hat ihre Musik – zumindest steht das so auf der Homepage der Band. Umso erstaunlicher, dass das im Ost Klub auch eine Sängerin auf der Bühne steht. Das ist auch neu, erklärt Antal Kovács: „Ja, wir wollen den maskulinen Chauvinismus ein wenig hinter uns lassen. Denn irgendwie haben wir herausgefunden, was schon viele Männer herausgefunden haben: nämlich, dass es ohne Frauen nicht geht.“

Allerdings war es sehr schwierig, eine Frau zu finden, die mit der Band auf Tour gehen konnte, erzählt er, denn für eine Romni gehört es sich einfach nicht, allein irgendwo hinzugehen, um zu singen. Auf den CDs von Romano Drom sind immer wieder Frauen zu hören, auf der Bühne aber nur selten zu sehen.

Instrumente spielen Romnis nur sehr sehr selten, denn auch das ist Männersache – sowohl bei den Romungro-Musikern, wie auch bei den Oláh. „Die Frau hat eine sehr wichtige Position bei den Oláh. Aber eben innerhalb der Familie. So wie in Italien“, versucht Managerin Marina Pommier zu beschwichtigen.

Am Rande der Gesellschaft
Die Musik der Roma ist hoch angesehen in Europa. Auch in Ungarn. Die Roma als Personen sind es nicht. Der Großteil der ungarischen Roma lebt in Ghettos, meist arbeitslos, schlecht ausgebildet, unter Lebensbedingungen, wie in einem Entwicklungsland. Romafeindliche Äußerungen sind in Ungarn weit verbreitet und salonfähig.

Antal Kovács ist davon aber selten betroffen, denn als Musiker ist man doch irgendwie privilegiert: „Ich bin und bleibe Zigeuner, auch wenn ich gut integriert bin. Ich habe auch viele Freunde, die keine Zigeuner sind. Und ich bin sehr tolerant. Ich habe sogar ein gewisses Verständnis dafür, wenn mich ein Security besonders genau beobachtet, wenn er merkt, dass ich Zigeuner bin. Ich kann das schon verstehen, denn viele Zigeuner sind kriminell. Schuld ist in diesem Fall nicht der Security, sondern die Gesellschaft, die Zigeuner generell ausgrenzt.“

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